• Allgemeines,  Alltag,  Technik,  Unterricht

    Zum Quieken

    Triff mich, wie ich diese Woche meine 8. Klasse beim Quieken messe. Wir haben nämlich nach unserer Flauschaktion ein großes Problem, das akuten Handlungsbedarf erfordert: Welches der Tierbabys ist das flauschigste? Um diese existentiellen Frage auf den Grund zu gehen, lasse ich künftig bei jeder Einstiegssequenz eine App laufen, die die akustische Gunstbezeugung der Klasse in Dezibel misst. Das Tier, das am meisten quiekende Zustimmung in Form von “Ahhs” oder “Ooohs” erhält, gewinnt. Wer wird der Sieger dieses weltbewegenden Ereignisses sein? Sind es die Kätzchen? Die Dackelwelpen? Die Chinchillas? Oder das Axolotl? Bleiben Sie dran! Es wird spannend!

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  • Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Tierisch

    Die achte Klasse hat genug von schlechten Nachrichten: Die Corona-Zahlen explodieren, täglich sind neue Freunde in Quarantäne, Klassenlehrkräfte infiziert, der Stundenplan durch die ständigen Krankmeldungen ein einziger Flickenteppich. Dazu der Krieg, die Disinformation, die alptraumhaften Bilder in Nachrichten und sozialen Medien, die die Kriegsgreuel an diese Generation näher denn je bringen. Nicht zu vergessen, die übel gelaunten Erwachsenen, die mit Wutreden gar nicht mehr aufhören können: Nutzlose Regierung, irrsinnige Corona-Nicht-Regelungen, hohe Benzinpreise, Hamsterkäufe von Sonnenblumenöl. Es ist furchtbar. Davon hat die Klasse nun genug. Natürlich lässt sich das nicht alles komplett ausblenden. Aber drauf rumreiten muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Zerstreuung muss her.

    “Können wir die Lateinstunden nicht immer mit etwas Schönem beginnen?”, heißt es aus der zweiten Reihe. Aber womit denn? “Egal”, lautet die Antwort und meine Initiative ist gefragt. Aber wie soll die aussehen? Als Lateinlehrer ist die Zeit in der achten Klasse knapp. Mit gerade mal drei Stunden pro Woche muss die Unterrichtszeit gut durchgeplant und getaktet sein. Minutenlange Phantasiereisen, um die Kinder etwas aufzufangen, können wir uns im Moment nicht leisten und würden das nur mit Lernrückständen bezahlen. Es muss kurz und knackig sein. Und so entscheide ich mich erstmal für die billigste Art der Herzensheischerei: Ich lege wortlos Bilder von Tierbabies auf. Mit riesigem Erfolg. Die Klasse ist begeistert. In Nullkommanichts ist die Truppenmoral geboostet und wir widmen uns mit glänzenden Augen dem Unterrichtsstoff. Tierisch gut! Und so kommt nun jede Stunde ein neues Mini-Lebewesen in den Lateinunterricht: Welpen, Kätzchen, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen. Und dann zum Kontrast ein paar fragwürdige Exoten aus Gottes wunderschönem Tiergarten: Haarlose Katzen. Ein Nacktmullbaby. Egal, was es ist, die Klasse findet alles toll, bittet am Ende der Stunde regelmäßig, den Baby-Zoo auch für die Lehrkraft am Beamer zu lassen. Ein kleiner Insider-Gag mit großer Wirkung. Der kleine Flausch zu Unterrichtsbeginn ist ihr kleines Refugium geworden. Wichtiger denn je.

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  • Allgemeines,  Alltag

    Show must go on

    Sorry für die etwas über die Maßen andauernde Flaute hier im Blog in den letzten Wochen, aber aktuell heißt es “mit den Kräften haushalten”, da mussten ein paar Dinge zurückstecken. Und der Blog war nur eines davon.

    Im Zuge von dauerhohen Inzidenzen, die in München letzte Woche dann tatsächlich die 2300 gesprengt hatten, rückte das Thema Infektion immer unangenehmer an einen heran. Plötzlich fehlten nicht nur noch vereinzelt Kinder in den Klassen. Sondern ganze Gruppen. Zu Hochzeiten stand man vor vier Schülern in einem Klassenzimmer. Die anderen mussten zuhause bleiben – mal, weil sie sich tatsächlich infiziert hatten; mal, weil sie Kontaktperson waren. Mal waren sie dazu von der Schule verdonnert worden. Dann wieder vom Gesundheitsamt – das nach zwei Tagen dann wieder den Ball zurückwarf und den Schulen das Aussprechen von Quarantäne überließ. Impfstatus sollte abgefragt werden, in Excel-Listen eingetragen und an das Gesundheitsamt übermittelt werden. Plötzlich war das aber dann auch wieder obsolet. Bezüglich Tests sollen wir dreimal in der Woche testen – oder plötzlich wieder täglich. Jetzt ab März werden dann die unteren Klassen zu Pooltests verpflichtet. Das bedeutet erstmal wieder eine Menge Papierkram, den es zu bewältigen gilt. Ein Wahnsinn. Aber einer, an den man sich gewöhnt.

    Zum Glück kann ich dank Systembetreuung regelmäßig ein bisschen in andere Bereiche eintauchen, in denen ein bisschen mehr Struktur herrscht. Die vereinzelten (Lauf-)Aufträge werden gewiss nicht weniger. Aber ich kann sie systematisch abarbeiten anstatt hektisch auf alle Bombeneinschläge reagieren zu müssen, abhängig davon, wie akut sie gerade bei einem einschlagen.

    Wenn man den Prognosen glaubt, beginnt jetzt das große Finale der akuten Welle. Hoffen wir alle, dass es die letzte sein wird.

    Zahlen von muenchen.de
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  • Allgemeines,  Alltag,  Latein

    Von Kuschelkissen

    Was für ein scheußliches Wetter! Draußen hängt der Nebel dick über der Stadt, die Temperaturen krebsen um den Gefrierpunkt herum, die Sicht ist getrübt. Die Straßen zeigen sich menschenleer und lediglich von den tapfersten Recken bevölkert, die dem eisigen Wind trotzen und schnellstens einen Platz im Warmen suchen. Zum Beispiel in einem Café in der Münchner Innenstadt. Wie gemütlich das alles hier ist: Wohlige Wärme im ganzen Raum, der vom ruhigen Gemurmel tiefenentspannter Menschen erfüllt ist. Im Hintergrund surrt regelmäßig das wohl vertraute Geräusch einer Kaffeemaschine, der Geruch von Cappuccino und Earl Grey liegt in der Luft. An den Tischen leuchten Kerzen und flackern beruhigend vor sich hin. Da lässt man sich doch gerne nieder.

    Auf einer Bank zum Beispiel, die mit kuschligen Kissen zum Rasten und Ruhen einlädt. Und dann auch noch auf Latein! Nämlich mit den Anfangszeilen von Vergils Aeneis! In schönsten 08/15-Fonts prangen dort die Versstücke, die in die Weltliteratur eingingen. Hier ein bisschen Kalligraphieschrift, dort ein paar Serifen-Bögen. Ein bisschen Times New Roman, ein bisschen artsy Kursive. Wunderschön! Wie toll, dass kein Mensch den Sinn der Verse versteht, die dort zu lesen sind. Denn die Aeneis steht für alles – nur kein Wohlfühlkino: Irrfahrten, Weltuntergangsstimmung, Entfremdung vom eigenen Staat, Tod von Verwandten, Entzweiung von Familien, Hinraffen ganzer Städte durch eine Seuche… ähm… öhm… vielleicht doch nicht so unpassend…

    Arma virumque cano, Troiam qui primum ab oris…
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  • Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Nikolo bum, bum 2021

    Nikolaustag ist bei uns an der Schule immer ein kleines Gemeinschaftsevent: Die fünften Klassen sind in heller Aufregung, weil sich das Gerücht hartnäckig hält, der Nikolaus gehe höchstpersönlich durch die Unterstufen. Und so ist es auch: Jedes Jahr schlüpft ein männlicher Kollege die Kutte unseres ehemaligen Schulpriesters, die er uns für diesen Zweck hinterlassen hat. Von Engeln aus der SMV flankiert und einem schaurig geschminkten Krampus aus der Oberstufe im Schlepptau geht er die einzelnen Räume ab, um den gespannten Klassen aus seinem berühmten goldenen Buch vorzulesen. Dort sind immer die guten und bösen Taten der Klasse verzeichnet, die die Klassleiter für diese Aktion traditionsgemäß in Versform einreichen.

    Die daraus resultierende Allwissenheit unseres Schulnikolaus ist für die Kinder immer wieder überraschend, aber auch gefürchtet. Denn bei zu viel Sünden wird der Krampus wild und darf in der Klasse ungezügelt wüten. Bis er vom Nikolaus wieder beruhigt werden kann, dauert das immer ein paar Minuten. Dann ist aber auch gut. Und die Engel dürfen zur Versöhnung Obst und Schokolade unter den Kindern verteilen.

     

    2021: Nikolo light

    Dieses Jahr ist das natürlich alles sehr verhalten. Pandemiebedingt kann man nicht einfach den Kindern Essen in die Hand drücken. Oder quer durch sämtliche Klassen als Krampus holzen. Komplett darauf verzichten wollten wir aber auch nicht. Denn die kleinen Rituale bringen uns ein Stück Normalität wieder, das wir im Trubel dieses Jahres viel zu häufig vermisst haben. Und so wird’s in der Schule ein Nikolaustag der leisen Töne. Der Nikolaus tritt auf, verzichtet aber auf das Vortragen von Gedichten. Der Krampus schaut grimmig drein, bleibt aber auf Abstand. Und Essen wird den Kindern nicht in die Hand gelegt, sondern fein säuberlich in Tüten verpackt und zum Entgegennehmen präsentiert. Alles etwas umständlich und steril, wenn man es mit den letzten Jahren vergleicht. Aber das Leuchten in den Gesichtern der Fünftklässler reicht vollkommen aus um zu sehen, dass die Entscheidung richtig war.
    Wider Erwarten wurden dann allerdings auch noch die Großen heute beschenkt. Nämlich meine Wenigkeit. Mein Oberstufenkurs präsentierte mir am Ende der Stunde ein goldiges Präsent: Wunderschön eingewickelt und geziert mit beeindruckendem Handlettering (da steh ich ja total drauf 🤗)

    Discipulos non timeo dona ferentes…

    “Coole Socke” ist hier tatsächlich wörtlich zu sehen. Denn es gab… Christmas socks! 😍😍😍

    Hab mich riesig gefreut und werde mich gleich nächste Stunde revanchieren. Nämlich mit der unvergessenen Vorstellung von Christoph Waltz, der dem verstörten TV Host Jimmy Fallon den Krampus zu erklären versucht. Classic!

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  • Allgemeines,  Alltag

    Novembäh!

    Der goldene Oktober hat seinem Namen zu Beginn der Herbstferien nochmal alle Ehre gemacht und die bayerische Landeshauptstadt in schönste Farben gehüllt: Die Baumkronen schillerten überall vor einem tiefblauen Himmel in allen Tönen zwischen gelb und tiefrot. Der fönige Herbstwind rauschte geheimnisvoll in den Parks, ließ die Blätter über das Panorama tanzen und trieb die Leute für wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr die Leute in Scharen nach draußen. Egal, ob Luitpoldpark, Englischer Garten, Westpark oder die Isarauen. Die Grünflächen in ganz München waren heißbegehrt. Bei solchen Aufnahmen auch kein Wunder…

    Die Tempelanlage im Westpark bei schönstem Herbstwetter

    Mit dem ersten November ist die lauschige Idylle vorbei. Die Temperaturen sind um knapp 10 Grad gefallen, eine dicke Wolkendecke hängt über der Stadt und überzieht die Straßen mit dicken Regenwänden. Ich hasse den November. Aber das Schmuddelwetter kommt mir gerade recht: Hier türmen sich Korrekturstapel, die Wohnung ist nach den letzten turbulenten Wochen sträflichst vernachlässigt worden und benötigt ein paar grundlegende Aufräumaktionen. Auch der Blog braucht auch ein bisschen Aufmerksamkeit, ebenso das Medienkonzept und die neueste Kultusministeriumswortkreation namens DigCompEdu Bavaria, was immer das auch sein mag – nach den Ferien bin ich diesbezüglich hoffentlich klüger.

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  • Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Von gewichtigem Schabernack

    “Discipulaeque” wird mir aus der zweiten Reihe zugeflüstert, als wir zu Stundenbeginn in der achten Klasse aufstehen um uns zu begrüßen. Ich bedanke mich bei meiner Sufleuse für den Hinweis mit einem kundigen Nicken. Fast hätte ich es vergessen: Der Chauvinismus der lateinischen Sprache hat in der letzten Stunde für ordentlich Empörung gesorgt. Denn Gruppen, in denen Männer anwesend sind, sind für die Römer per se maskulin. Daher sind mit meinem üblichen “Salvete, discipuli!” traditionell auch Schülerinnen gemeint – muffige Konventionen, auf die die 8B pfeift. Die Damenschaft beharrt auf ihrer namentlichen Nennung beim täglichen “Guten Morgen” – und dank meiner Einsagerin aus der zweiten Reihe soll die heute auch bekommen. Ich hole tief Luft und überschütte die Schülerinnen zum Gruß mit einer Lithanei an Superlativen. “Salvete, discipulae maximae, optimae, pulcherrimae, doctissimae, candidissimae, sapientissimae!” Die Damenwelt ist begeistert.

    Von solch kleinen Taten des Wahnsinns sind meine Unterrichtsstunden derzeit geradezu gepflastert: Ich reime in der Neunten die Ankündigung der Hausaufgabe – auf Wunsch auch spontan zur Melodie bekannter Kinder- und Volkslieder. Ich referiere den Rest der Stunde im Sprachduktus von Marcel Reich-Ranicki, als im Unterricht der Name fällt. Mein Wiederholungsprogramm in der siebten Klasse trägt seit Tagen die Überschrift “alte Hüte” – und auf jedem Arbeitsblatt wird der Protagonist unserer Lektion von mir mit einer neuen Kopfbedeckung chaperoniert: Mal ein Stetson, mal eine Schirmmütze, ein Bowler Hat, ein Fascinator. Jede Stunde ein neuer (alter) Hut.

    Ich liebe so Schabernack. Aber in der Regel setze ich ihn dosiert ein, um nicht meinen Unterricht zu sabotieren. Nicht so in diesem Jahr. Fast ist es ein bisschen so, als bräuchte ich das. Der Unsinn mit System bringt uns zum Lachen. Die Insider-Jokes verbinden. Und sie erden. Vor allem mich.

    Denn das Schuljahr läuft nicht so wirklich rund. Zwar verspricht das Kultusministerium ein Jahr in größtmöglicher Normalität. Die ist aber nach wie vor nicht gegeben. Lernrückstände sind aufzuholen. Zusätzliche Leistungserhebungen zu konzipieren und anzuhalten. Nebenher laufen die ersten Vorbereitungen für Schulaufgaben und Tests. Bei den Lehrerdienstgeräten ist noch ordentlich Sand im Getriebe. Und die Fünftklässler müssen nach 1,5 Jahren Corona-Unterricht tatsächlich wieder den Umgang miteinander lernen. Dazu kommt die Ausbildung der Medienwarte, Elternabende im wöchentlichen Turnus, Termine mit dem Baureferat wegen der technischen Ausstattung in unserem frisch sanierten Altbau. Es ist die Summe aller Dinge. Und da ist Unterricht – obschon mein eigentliches Kerngeschäft – im Moment fast schon zur Fußnote degradiert. Wie ich mich freue, wenn das wieder in den Vordergrund rückt, und ich täglich das machen kann, was ich seit Jahren praktiziere: Unterricht abhalten – mein liebgewonnener alter Hut! So wie diese hier zum Beispiel:

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  • Alltag,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Rätselhafte Zungen am Rathaus zu Pasing

    Man muss schon mit offenen Augen durch den Münchner Stadtteil Pasing laufen, um dieses lateinische Zitat auch wirklich zu finden. Aber da hängt es, knapp vier Meter über dem Boden in schimmerndem Lettern am Pasinger Rathaus. Als Überbleibsel des Kunst Projektes “Pasing by” aus dem Jahr 2015, das schon damals in vielerlei Hinsicht für Ärger gesorgt hat. Insofern ist der Spruch geradezu prophetisch.

    Oportet ut scandala eveniant.

    Die Süddeutsche Zeitung übersetzt den Spruch mit “Es muss ja Ärgernis kommen”.

    Häh?

    Aber was soll das Ganze? Ein Blick ins Neue Testament, dem der Spruch vermeintlich entnommen ist (dazu später mehr), möge helfen. In Matthäus 18 kommen die Jünger zusammen, um Jesus danach zu fragen, wer der Größte im Himmelreich sei. Dessen Antwort fällt klar aus: Die, die wie Kinder sind.

    (18.6) Qui autem scandalizaverit unum de pusillis istis, qui in me credunt, expedit ei, ut suspendatur mola asinaria in collo eius et demergatur in profundum maris (18.7) Vae mundo ab scandalis! Necesse est enim ut veniant scandala. Verumtamen vae homini, per quem scandalum venit. (18.8) Si autem manus tua vel pes tuus scandalizat te abscide eum et proice abs te. Bonum tibi est ad vitam ingredi debilem vel clodum quam duas manus vel duos pedes habentem mitti in ignem aeternum.

    Übersetzung:

    (18.6) Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, verführt, für den ist es besser, dass man ihm einen Mühlstein an den Hals hängt und ihn in der Tiefe der Meeres versenkt. (18.7) Wehe der Welt wegen der Verlockungen! Dass sie kommen, ist nämlich notwendig. Aber wehe dem Menschen, durch den eine (solche) Verlockung passiert. (18.8) Wenn aber deine Hand oder dein Fuß verführt, so schneide sie ab und wirf sie weg von dir! Für dich ist es gut, schwach oder verkrüppelt zum Leben zu schreiten, als im Besitz von zwei Händen oder zwei Füßen ins ewige Feuer geschickt zu werden.

    Man sieht allein an diesen paar Zeilen, wie unangenehm moderne Übersetzungen von lateinischen Texten ins Deutsche sein können, wenn man den Kontext nicht kennt. Noch dazu, wenn der lateinische Text per se schon eine Übersetzung aus dem Griechischen ist – und auch noch griechische Lehnwörter enthält, die eine genaue Entsprechung zusätzlich erschweren. Das Wörtchen Skandalon kann nämlich vom Kontext abhängig unterschiedlich wiedergegeben werden. Laut Gemoll bedeutet wird der Ausdruck gerne moralisch gedeutet und als Lockung oder Lust übersetzt. In anderen Texten hingegen passt Falle, Anstoß oder Ärgernis besser. Diese Unterscheidung funktioniert hier ganz gut: Im Bibeltext ist der Ausdruck moralisch gemeint. Es geht die Verlockung und die Verführung in der Welt, die entweder von sich aus oder durch Menschen geschehen. Letzteres ist vermeidbar und zu verurteilen. Ersteres passiert. Nun gut, aber was hat dieser Spruch am Pasinger Rathaus zu suchen? Dass ein öffentliches Gebäude die Unabdingbarkeit von Verführungen eingesteht, und damit der moralischen Bedeutung von skandalon folgt, die im Bibelvers absolut nachvollziehbar ist, ist fraglich. Sinnvoller scheint da die zweite Bedeutung des Wortes zu sein, das in der Lutherbibel immer gerne mit ergerniss übersetzt wird. Insofern passt die Übersetzung “Es gehört dazu, dass Aufreger passieren” deutlich besser. Denn die entstehen tatsächlich ohne Zutun. Reibungsfläche gibt es mehr als genug, wie man ja auch an Pasing By gesehen hat.

    Mehr müssen müssen

    Auch der Altphilologe ist aus dem Häuschen. Denn wie man schon an der Originalstelle sehen kann, ist der Spruch hier – wenn überhaupt – eine Annäherung an die Bibelstelle aus dem Matthäus-Testament. Der Spruch kommt in diesem Wortlaut nämlich überhaupt nicht vor.  Dort findet sich lediglich der Satz Necesse est enim ut veniant scandala, der hier synonym zu dem in Pasing hängenden Oportet ut scandala eveniant gebraucht wird, sodass oportet wie auch necesse est gerne beide mit müssen übersetzt werden (so wie es ja auch die SZ tut). So richtig passen will das aber nicht. Zwar können die Ausdrücke oportet und necesse est müssen bedeuten. Aber dieses Müssen geht semantisch jeweils in unterschiedliche Richtungen. Necesse est für mich eher eine logische Notwendigkeit beschreibt, die aus einer Situation heraus entsteht – das entspricht auch ziemlich gut dem Ausdruck im griechischen Original, das mit den unpersönlichen Ausdruck anagkh gar (Akzente bitte dazu denken) dasselbe bedeutet. Anagke ist sogar als Gottheit der Zwangläufigkeit bekannt. Das im Spruch gewählte oportet hingegen beschreibt eher ein Müssen aus der gesellschaftlichen Notwendigkeit oder Gepflogenheiten heraus zu begründen. Daher wären für mich die Sätze necesse est cives parere und oportet cives parere definitiv nicht dasselbe. Zwar könnte man beide Male “Die Bürger müssen gehorchen” übersetzen. Aber in beiden Sätzen wäre dieses Müssen anders begründet.

    Necesse est cives parere wäre ein Satz, der angesichts einer Gefahrensituation höchste Aufmerksamkeit der Bürger einfodert. Oportet cives parere wäre für mich eher eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Das Gehorchen als etwas, das man von den Bürgern erwartet, nicht etwas, das die Situation bedingt. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

    Das ist ähnlich wie im Englischen mit must und have to. Beide haben Übereinstimmungspunkte, sie sind aber partout nicht deckungsgleich. Vielleicht schießt der Altphilologe allerdings da über das Ziel etwas hinaus. Denn bei Bibellatein haben wir es nicht mehr mit dem zu tun, was wir als klassisches Latein bezeichnen, auf dem sämtliche unserer Grammatiken und Schulbücher aufbauen. Die lateinische Version, die wir hier vom neuen Testament vorliegen haben, stammt aus der Vulgata, die auf das 3. Jahrhundert nach Christus datiert ist. Da war Latein schon längst lingua franca und unter Muttersprachlern wie auch barbari weit verbreitet, sodass die Grenzen zwischen dem, was sprachlich sagbar ist und was nicht, zunehmend verschwammen. Man merkt das alleine schon, an dem ut-Satz, der in beiden Zitaten nach dem Hauptsatz folgt. Denn klassisch würde an diese beiden unpersönlichen Ausdrücke ein AcI folgen. Wer hier schon schludert, dem ist es auch egal, dass ein Müssen ein anderes Müssen sein muss.

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  • Alltag,  Technik

    Ton ab!

    Eine interessante Nebentätigkeit bei meinem Dienstherrn zwingt mich ab diesem Schuljahr dazu ein bisschen mehr in Technik einzutauchen, als es bei mir nomalerweise der Fall ist. Die Rede ist vom Videoschnitt. Erste Versuche habe ich ja schon vor ein paar Monaten mit meinen mebis-Tutorials gemacht, die ich sukzessive bei YouTube hochlade. Wenn das aber jetzt alles hochoffiziell werden soll, muss da noch eine Schippe draufgelegt werden. Vor allem das Thema Klang ist bei den Youtube-Stars immer von essentieller Bedeutung. Und so habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ein schönes portables Mikrofon geleistet. Kabellos und damit stets mobil und frei von USB-Störgeräuschen, die bei der live –Aufnahme gerne einmal ins Klangfeld reinstreuen.

    Wäre ich noch einmal zehn Jahre alt, wäre dieses Gerät für mich der absolute Traum gewesen. In einer Zeit, wo ich als Kassettenkind regelmäßig Hörspiele konsumiert, aber auch selbst aufgenommen habe, wäre dieses Zoom-Mikrofon mein ständiger Begleiter gewesen. Die Qualität, die für gerade einmal 100€ möglich ist, ist phänomenal! Wie ein kleiner Abenteurer schleiche ich seitdem durch die Münchner Innenstadt, um bei jeder Gelegenheit Klang-Teppiche und Tonproben aufzunehmen. Dabei erlebt man seine Umgebung auf diese Weise noch einmal komplett anders. Und unmittelbarer. Sollten wir uns also im nächsten ja in einem Tutorialvideo hören, dann mittels dieses Gerätes hier.

    Und für die kalten Herbsttage habe ich gleich ein paar Tonproben mitgebracht, die bei Nieselregen und Nebelwänden ein bisschen an die warmen Sommermonate zurückerinnern sollen.

    Zikaden

    Strand

    Nochmal Strand

    Herbstgewitter

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  • Allgemeines,  Alltag,  Technik

    Lehrerdämpfgeräte

    Das neue Schuljahr ist noch keine zwei Wochen alt, und schon hängt eine dunkle Wolke über uns. Was ist passiert? An das ständige Testen alle zwei Tage hat man sich ja schon längst gewöhnt, ebenso an die dadurch verlorene Unterrichtszeit, die entweder die erste Stunde so zerschlägt, dass dort ein sinnvoller Aufbau des Fachunterrichts kaum möglich wird. Nein, es ist die Technik, die uns im Moment die Laune verhagelt. Allem voran die Lehrerdienstgeräte, die eine Handvoll Lehrkräften bei uns Ende des Jahres voller Vorfreude entgegen genommen haben. Diese Emotion ist mittlerweile Frustration gewichen. Die Geräte machen seit Anfang des Jahres wohl durch ein Update bedingt bei einem Großteil der Leute ganz schöne Spirenzchen:

    Das Hochfahren dauert im Home-Office manchmal bis zu einer Stunde, weil sich das Profil mit dem auf den Schulservern synchronisiert. Mal fehlen nach dem Log-In die Schulnetzwerke im Homeoffice, dann tauchen sie nach einem Reboot wieder auf – oder eben nicht. Häufig kommt es zu Proxy-Problemen, und die Geräte finden in überhaupt kein Netzwerk. Gelegentlich fahren die Yogas in den Standby. Oder noch schlimmer: Sie fahren sich ungefragt komplett runter. Einfach so. Offene Dokumente sind dann unwiederbringlich verloren, sodass das Arbeiten mit den vorerst hochgelobten Geräten aktuell einem Drahtseilakt gleicht. Dass davon bald fast 19.000 Geräte in den Schulen in München und Umgebung ausgegeben werden, und andere Schulen dann damit ebenso zu kämpfen haben wie wir, lässt mich schaudern. Ich hoffe, das ist bald wieder in Ordnung. Denn so wurde das Geld aus dem SOLD-Topf für Hardware verwendet, die in der jetzigen Konfiguration leider nur ein teurer Briefbeschwerer sind.

    Ärgerlich.

    Auf Twitter gibt es weitere Eindrücke

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