• Allgemeines,  Alltag

    Sommer 1991

    In einem Schrank meines Jugendzimmers fiel mir beim Ausmisten eine kleine Überraschung in die Hände: Eine Kassette, die ich mir ziemlich genau vor 30 Jahren zusammengestellt habe. Das Cover ist verloren gegangen, aber allein die künstlerische Ausgestaltung des Titels lässt erkennen, dass das Ding für mich etwas Besonderes war. Es entstand in den Sommerferien 1991, als ich mit meinem Mini-Kassettenrekorder und einem Cinch-Kabel bewaffnet alles vom Fernsehen aufnahm, was ich im Kinderzimmer mangels eines eigenen TVs nachhören wollte. Und so lausche ich gerade wieder einer verrauschten Titelmusik von Night Rider, der Theme von der Zeichentrick-Serie Karate Kid, den besten Tunes von Super Mario Bros. 3 oder kommentierten Wrestlingmatches von Tele5 – und lasse die Woge der Nostalgie gnadenlos über mich hinwegrollen. Die ganzen Melodien bringen sofort Erinnerungen an diese Sommerferien zurück.

    Ich hab das Spiel immer noch…

    Es sind nur Momentaufnahmen, kleine Schnipsel: Tage im Freibad mit meinem Bruder. Das endlose Anstehen an der Wasserrutsche. Der vertrocknete Rasen unter den Füßen. Der Geruch von billigen Fritösenpommes. Unser Trip nach München, wo ich mir im WOM (World of Music) in der Kaufinger Straße eine LP gekauft habe. Ich entschied mich für den Soundtrack zu Gremlins 2 – und bereute den Kauf. Unser erster Besuch in einer Videothek, um besagten Film auszuleihen  – auch das bereute ich. Tennisspielen mit den Nachbarskindern in der Straße auf einem Feld, das wir mit Straßenkreide gemalt hatten. Regelmäßig Eis für 50 Pfennig in der Dorfgaststätte. Endlose Sessions mit meinem heißgeliebten Gameboy und den Teenage Mutant Ninja (!) Turtles, das ich zum Jahreszeugnis geschenkt bekam und überall dabei hatte. Im Zimmer, im Auto. Unter dem großen Busch im Garten, den wir in Anlehnung an die Turtles mit den Nachbarskindern zum Hauptquartier deklariert hatten und ebenso coole Stirnbänder trugen wie Leonardo, Michelangelo, Raphael und Donatello. Sehr zum Leidwesen unserer Eltern, denn wir hatten dafür kurzerhand sämtliche Gürtel aus deren Bademänteln entwendet. Die damals brandaktuellen Folgen der 3??? (die Musikpiraten/die Automafia) und deren neue Art mit “hippen” 90s-Tunes, Freundinnen, wüsten Schlägereien und Stories, die so langsam gar nicht mehr mein Fall waren. Langeweile, die auch mal sein musste. Grillabende auf der Terrasse. Selbst abgehaltene Bundesjugendspiele mit den Kindern in der Straße. Jeden Tag war etwas los. Und trotzdem hatte man ab September immer das Gefühl, die Tage nicht genug ausgenutzt zu haben.

    Ein besonderes Schmankerl hatte die Kassette am Ende der ersten Seite dann auch noch zu bieten: Zusammen mit meinem Bruder fing ich in dieser Zeit an, die guten alten Telefonstreiche zu veranstalten… und auf Band aufzunehmen. Und so höre ich uns mehr als 30 Jahre später mit quäkenden vorpubertären Kinderstimmchen bei Hinz und Kunz anrufen, irgendeinen Mist erzählen und uns diebisch an der Reaktion der perplexen Empfänger erfreuen. Es ist alles so wunderbar dämlich. Und gleichzeitig so zauberhaft.

    Irre, wie so ein kleiner Kassettenfund sofort so ein Erinnerungsfeuerwerk lostreten kann.

    Eine Truhe voller Erinnerungen
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  • Allgemeines,  Alltag

    Erstes Drittel

    Die ersten beiden Wochen der Sommerferien sind in Bayern vorbei. Und mit Bilderbuchwetter und Temperaturen unter 30 Grad lassen die sich in süddeutschen Breiten hervorragend aushalten. Wenn man gesund ist. Ich selbst bin immer noch mit Regenerieren beschäftigt. Die Erschöpfungszustände kurz vor Ende des Schuljahres waren wohl Vorboten von dem, was da noch so kommen möge. Halsschmerzen, Husten und – da nicht auskuriert, sondern aufgrund des hohen Krankenstandes brav in die Schule gegangen – plötzlich Bronchitis, an der ich bis heute knabbere. Langsam löst sich der ganze Spaß, aber einschränkend ist das Mitte August schon: Sport oder Fitnessstudio kann ich mit Schnüffelnase und Druck auf der Brust vergessen. Aber auch kleine Aktivitäten wie eine Mini-Radtour schlagen mir spürbar auf den Kreislauf. Sowas wäre mir vermutlich vor ein paar Jahren nicht passiert. Es scheint, als würden mit zunehmenden Jahren bei mir kleine Wehwehchen langwieriger. Im Referendariat, in dem ich alle sechs Wochen krank darnieder lag, steckte ich Erkältungen nach zehn Tagen problemlos weg. Heute dauert es doppelt so lang. Oder entwickelt sich zu etwas anderem. Mal Bronchitis, vor drei Jahren eine kurzfristige Fazialisparese. Es wird immer wichtiger auf seinen Körper zu hören. Kuriert euch aus, wenn ihr siech darnieder liegt. Hoher Krankenstand hin oder her! Letztlich dankt es euch niemand. Vor allem nicht die eigene Gesundheit.

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  • Allgemeines,  blog

    Vom alten Schlag

    In einem seiner aktuellen Posts beklagt Hokeys das Aussterben von Lehrerblogs. Der Trend gehe seit Langem schon klar in die Social Media-Richtung, wo mit ein paar Handgriffen deutlich mehr Klicks und Likes zu erhalten sind als in einem separaten Blog. Ich beobachte das Phänomen schon seit geraumer Zeit. Und bin streckenweise auch sehr am Hadern, weil alleine das Organisieren von Blogs und das Lesen der Artikel einfach deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als ein News Feed in einem sozialen Netzwerk, wo sich neue Postings von Kollegen mit anderen von meinen Followern nahtlos aneinanderreihen. Wozu sich also den Stress machen?

    • Das Schreiben ist für mich in Blogform deutlich angenehmer als in einem Netzwerk, wo ich mich oft so kurz fassen muss, dass der Spirit eines Artikels im Diktat der Zeichenbeschränkung und des Hashtag-Overkill einfach verloren geht. 280 Zeichen bei Twitter reichen höchstens für Anekdoten. Threads, die über mehrere Posts gehen, empfinde ich als sehr umständlich und meide sie als aktiver Leser, wo es geht. Instagram kapiere ich bis heute nicht so wirklich. Die Bildlastigkeit der Plattform macht es schwer, tatsächlich etwas Schriftlich zu hinterlassen, was Bedeutung hat. Da jeder Post ein Bild oder Video/Reel als Ausgangspunkt hat, wäre ich einen Großteil der Zeit damit beschäftigt, ein passendes Motiv für mein Geschreibsel zu finden, das dann traurig darunter in der Beschreibung eingepfercht darunter ein Schattendasein führt. Text ist hier einfach eine Fußnote. Und das lässt die Plattform einen permanent spüren.
    • Bloggen ist zeitraubend. Aber es entspannt mich ungemein. Es hilft mir beim Ordnen der Gedanken, bringt mich am Ende eines langen Tages runter. Und mit etwas Glück kommt ein Artikel raus, den ich und andere gut finden. Bei den sozialen Netzwerken fühlt sich das Posten hingegen ganz anders an. Viele Accounts setzen viel mehr auf den Spur-of-a-moment. Posten um gesehen zu werden. Denn Masse erhöht die Sichtbarkeit, generiert Follower, generiert Likes. Ich sehe dort endlos Leute, die gedankenverloren in einen imaginären Horizont blicken, sich von Filtern verbiegen lassen, brutzelnde Pfannen filmen oder random durch Bücher oder Comics blättern. Für solche Netzwerke Standard, fürs Bloggen aber zu seicht. Blogging bedeutet auch Selektion. Und konzentrieren auf das, was man als relevant erachtet.
    • Ein Blog ist noch deutlich mehr Handarbeit. Aber er bietet riesige Möglichkeiten zur Individualisierung: Vom Theme, zum Header, den Fonts, dem Layout der Beiträge, der Plugins, bis hin zur Gestaltung und Organisation der Menüs ist alles möglich. Diese gestalterische Freiheit habe ich noch nirgendwo anders gesehen.

    Das soll jetzt nicht ein Rant gegen soziale Netzwerke sein. Auch sie haben ihre Daseinsberechtigung und sind für viele Kolleg*innen unverzichtbar geworden. Aber ich nutze sie persönlich maximal als Inspirationsquelle beim Durchscrollen, aber auch nicht mehr. Wie eine Werbeanzeige, die man beim Einkaufen passiert. Registriert, vielleicht mal stehen geblieben, aber dann auch gleich weiter gegangen. Tiefgängigeres würde ich mir ungern in Form eines Posts auf Instagram anschauen. Das will ich in einer ruhigen Umgebung nachlesen. Frei von Posts aus einem Feed von anderen Nutzern. Nur der Text und ich. Und das klappte bei mir alten Mann schon immer am besten. 😎

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  • Allgemeines

    Deckel drauf!

    Nicht nur auf dieses Schuljahr. Sondern auf weiße Pappkartons. Hundertfach. Denn mit Ende diesen Schuljahres steht der Umzug in unser frisch renoviertes Gebäude an – zumindest teilrenoviert, denn gewisse Bereiche sind aus diversen Gründen noch Baustelle. Aber am alten Standort bleiben und auf Fertigstellung warten ist keine Option. Eine neue Schule wird in unserer Containeranlage Mitte September Zuflucht suchen – und da sind wir fehl am Platz. Wir MÜSSEN umziehen. Also haben wir in den letzten Schulwochen neben Zeugnissen, Konferenzen, Wandertagen, Museumstagen, Unterricht und Bücherausgaben auch noch unser gesamtes Inventar in Kisten verpackt. Deckel drauf im Minutentakt. Aktuell würde ich von knapp 600 Kisten ausgehen, die wir befüllt haben. Jetzt liegen die Räume öd und leer. Und von den letzten vier Jahren gut verlebt. Es ist gut was passiert, seit wir hier sind. In diesem Gebäude bin ich Systembetreuer geworden, bin befördert worden, habe meinen ersten eigenen PC-Raum ausgestattet, meine ersten Fortbildungen fürs Kollegium und später für die Medienwarte gehalten. Und natürlich ist Corona für immer mit diesem Ort verbunden. Und das ganze Chaos, das danach folgte. Ob selbiges im September weitergehen wird, wissen nur die Götter. Ein Blick in die Medien und die diversen Hilferufe von Lehrer- und Elternverbänden zu Lehrermangel, nicht existenten Sicherheitskonzepten für eine neue Coronawelle oder die Befüchtungen, Klassenzimmer wegen der Energiekrise nicht zu beheizen, lassen schon mal alles andere als Optimismus zu. Winter is coming. Daher zieht euch warm an. Und genießt die Sommerferien in ganzen Zügen. Ich denke, wir werden einen langen Atem brauchen…

     

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  • Allgemeines,  Alltag,  Pädagogik,  Technik,  Unterricht

    Retrospektive 2021/22 – Teil 2

    So, jetzt wo wir mit Teil 1 mal das Emotionale beiseite geschafft haben, kann ich auch noch einmal etwas nüchterner auf meine Kernarbeit schauen: nämlich das Unterrichten. Denn eine kleine Retrospektive soll auch dieses Jahr mal nicht ausbleiben.

    • Meine technische Ausstattung für den Unterricht ist leicht aufgebohrt. Mein Tablet ist nun ein Tab S7 von Samsung, mit dem ich insgesamt recht zufrieden bin. Der große Innovationssprung mit genialen neuen Features ist es nicht, aber in dieser Hinsicht herrscht auf dem Tabletmarkt ja schon seit geraumer Zeit weite Ödnis. Richtig nerven tut allerdings der Wegfall einer echten Klinkenbuchse, was es leider völlig unmöglich macht, “mal eben was” auf den Boxen im Klassenzimmer abzuspielen. Dafür muss ich nun immer extra umständlich das Whiteboard hochfahren, meinen Streaming Stick mit dem Tablet verbinden und dann per Hotspot ins Netz. Bequem ist das nicht.
    Das Samsung Tab S7 und der Microsoft Wireless Adapter
    • A propos Streaming Stick: Das Ding von Microsoft ist auch nach vier Jahren immer noch meine go-to-Lösung für das kabellose Präsentieren im Klassenzimmer. Ich hatte schon einige: EZCast, EZCast Pro, Samsung Wireless Adapter. Aber das Ding von Microsoft ist mit Abstand am verlässlichsten. Auch wenn es dieses Jahr zwei Vorfälle gab, an denen das Tablet nicht gefunden wurde – verglichen mit den misslungenen Dockingversuchen bei den Vorgängern ist das echt Heulen auf hohem Niveau.
    • Der Unterricht – ganz egal, in welcher Form er dieses Jahr stattfand – war und ist für mich immer noch eine Wohltat. In einem Schuljahr, wo permanent Änderungen im Procedere anfielen, war mein Kerngeschäft der rettende Hafen. Endlich mal 45 Minuten fokussiert an etwas arbeiten. Und Spaß haben. Vor allem ich. Ich habe dieses Jahr deutlich mehr Quatsch in meinen Stunden gemacht, mit denen ich mir sehenden Auges die eine oder andere Stunde zerlegt habe. Aber das war es jedes Mal wert.
    • Dieses ganze bürokratische Drumherum mit dem Kontrollieren von Absenzen in potenzierter Form, dem inflationären Erstellen von Nachholprüfungen und Erwartungshorizonten und dem permanenten Einsammeln von Verständniserklärungen zu Datenschutz, Testregimen oder Informationsbögen empfand ich dieses Jahr als den gefühlten Hauptfokus meiner Arbeitsstunden. Der eigentliche Unterricht verkam zu einer Fußnote in dem ständigen Erstellen, Führen und Abhaken von Listen. Entsprechend froh war ich daher um die kleine, aber feine Mitarbeit in einem Arbeitskreis am ISB. Hier werkelt eine Handvoll hochmotivierter Leute frei von Bürokratie auf ein vordefiniertes Ziel hin; noch dazu unter einer Führung, die uns immer wieder dazu ermahnt, aus Idealismus nicht die Arbeitszeiten zu vergessen und auch mal auf die Uhr zu sehen. Die Arbeit macht sehr viel Spaß – und zwar so viel, dass ich nächstes Jahr aufstocken werde. Damit entkomme ich vielleicht wieder ein Stückchen den nimmersatten Pranken des gierigen Papiertigers in der Schule.
    • Das Bloggen ist bei mir wie man merkt und sieht, immer noch Thema bei mir. Aber es hat dieses Jahr etwas an Relevanz verloren. Oft fehlte die Zeit sich hinzusetzen, öfters noch die Kraft. Aber Spaß macht es natürlich immer noch. Und es hält immer noch Überraschungen in petto. Der letzte Artikel ging von Besucherzahlen auf einmal durch die Decke, wie ich es in den fast zehn Jahren Bloggen noch nie erlebt habe. Und ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, das Bloggen komplett aufzugeben…
    • Um die Systembetreuung mal auf ein paar Schultern mehr zu verteilen, habe ich dieses Jahr meine erste Generation an Medienwarten ausgebildet. Pro Klasse sitzen nun zwei clevere Lehrlinge, die den Lehrkräften bei technischen Problemen mit Rat und vor allem Tat zur Seite stehen. Nach ersten Startschwierigkeiten (über welche Plattform kommunizieren wir miteinander? Wie häufig treffen wir uns? Und wann? Während oder nach dem Unterricht?) lief die Sache richtig rund. Das hat man jetzt erst bei den ersten Umzugsaktionen gemerkt, die Ende diesen Jahres anstanden: Wie selbstverständlich haben die Medienwarte in sämtlichen Klassenzimmern die Technik abgebaut, gestapelt, verräumt, geordnet und in Kisten verpackt. Innerhalb einer Stunde war alles vorbei. Im Alleingang hätte ich für die 40 Räume locker eine Woche benötigt. Ich war echt erstaunt, wie toll das lief. So toll, dass ich dem Thema Medienwarte vielleicht mal einen Blogeintrag widmen kann.

    Man sieht, zusammen mit Teil 1 war schon gut was los in diesem Schuljahr. Von daher bin ich jetzt echt froh über die Zäsur im August. Und ihr vermutlich auch. Erholt euch gut!

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  • Alltag

    Retrospektive – Teil 1

    Ich kann sie wieder sehen. Die Entspannung in den Gesichtern der Kinder. Die Gelassenheit. Die Vorfreude auf die Ferien, die ich noch von meinen eigenen Schultagen kenne. Die Bücher sind abgegeben, der Unterricht liegt in den letzten Zügen, die Atmosphäre wird gelassener, die Temperaturen höher. Die Schultage sind gespickt mit Sommerfesten, Exkursionen, Wander- und Museumstagen – gekrönt vom Abistreich oder dem tot geglaubten Hitzefrei. Die Nachmittage verbringt man an Seen, an Flüssen – oder wie hier in München am Eisbach, in den sich die Großen und Großmutigen nach Schulschluss hineinstürzen und treiben lassen (eigentlich verboten, aber von der Stadt toleriert). Ich kann das begeisterte Schreien und Quieken der Schwimmer hören, wenn ich nachmittags im Lehrerzimmer meine Zeugnisse mache… und bin ein bisschen neidisch. Denn von Entspannung und Gelassenheit bin ich aktuell sehr weit entfernt.

    Aus die Maus…

    Sagen wir wie es ist: Es war ein schreckliches Schuljahr. Vermutlich das anstrengendste, das ich je erlebt habe. Grund ist diese ständige Unruhe im Schulablauf, mit der man ständig versucht hat, so etwas wie Normalität zu suggerieren, die es einfach nicht gibt. Schulschließungen sollten dieses Jahr um jeden Preis verhindert werden, Exkursionen und Fahrten wie üblich stattfinden. Das hat Folgen.

    … für die Kinder

    Mit dem Wegfall sämtlicher verpflichtender Coronamaßnahmen im Frühling haben die Krankenstände bei allen in der Schulfamilie sprunghaft zugenommen. Ständig war personell Not an Mann, Frau und Kind. Mit wirklich unangenehmen Folgen, die einen ruhigen Ablauf des Schuljahres völlig zunichte stampften: Mindestens fünf bis sechs Kinder fehlen im Schnitt täglich im Klassenzimmer. Nicht für ein oder zwei Tage, sondern eine komplette Woche. Die Absenzen sind so angeschwollen, dass die Absenzenheftführer kaum mit dem Eintreiben von Entschuldigungen hinterher kommen. Manche Eltern haben schon komplett den Überblick verloren und kapituliert. Teilweise haben wir Kinder, die aufs Jahr verteilt über 30 Tage nicht im Unterricht waren. Das sind 1,5 Monate verpasster Unterricht! Die Lernrückstände, die durch die ständige Abwesenheit entsteht, können die wenigsten aufholen. Ohne Zusatzangebote wird das schwer. Aber woher nehmen? Als Kollegium sind wir ja ebenso betroffen.

    … fürs Kollegium

    Durch die Krankenstände war es dieses Jahr unmöglich Prüfungen in voller Klassenstärke abzuhalten. Zu beinahe jeder Klassenarbeit musste ich eine Nachholschulaufgabe erstellen. Aus den 14 Prüfungen, die ich in meinen Klassen hätte abhalten müssen, sind dieses Jahr mal eben 27 geworden. Das sind 13 Zusatzprüfungen, die ich erstellen musste. 13 Prüfungen, für die ich jeweils ca. 2-3 Stunden benötige, bis sie inklusive Erwartungshorizont stehen. 13 zusätzliche Prüfungen, die einfach mal so zu machen sind. Zu dem anderen Wumms, den es sonst zu wuppen gilt. Vertretungen zum Beispiel, die derzeit auf Rekordniveau sind. Allein letzte Woche waren es sieben zusätzliche Stunden, die bei mir dafür anfielen. Die Arbeit bleibt ja nicht liegen, wenn jemand bei uns ausfällt. Irgendjemand muss sie übernehmen. Und wenn dann auch noch die Klassleitung wegen Corona ausfällt, ist man aus heiterem Himmel auch noch für die Erstellung der Zeugnisse zuständig. Für das Verfassen der Kommentare. Für das Vorbereiten der Klassenkonferenzen, die Vorbereitung des Wandertags. Das Eintreiben von Geld, Bescheinigungen, Infozetteln. Einfach mal alles zum Nulltarif zum üblichen Tagesgeschäft oben drauf. Mal wird getestet, mal nicht. Erst alle zwei Tage, dann alle drei. Manchmal mit Stäbchen, manchmal als Pooltest, der mit einer seitenlangen Anweisung daher kommt. Quarantäneregelungen änderten sich im Wochentakt. Mal bleibt die Klasse zuhause, mal die Kinder und deren Kontaktpersonen, die es erst umständlich zu ermitteln gilt. Dann nur das betroffene Kind selbst. Aber das soll auf einmal mit zusätzlichem Material für zuhause versorgt werden. Über Teams sei das ja kein Problem. Und die ausgefüllten Arbeitsblätter bitte auch gleich dazu. Oder am besten den Unterricht gleich aus dem Klassenzimmer streamen. Das ist abhängig von der Datenschutzerklärung der Eltern mal möglich, mal nicht. Und manchmal so halb. Und so streamt man mal, mal nicht oder schaltet jedes Mal das Mikro stumm, wenn Kinder im Raum etwas sagen, da Sprache ja nicht übertragen werden soll. Die Antwort soll man dann bei angeschaltetem Mikro einfach wiederholen. Das berühmte Lehrerecho ist wieder da. Was so ein Kampf mit Unterricht zu tun hat, ist mir ein Rätsel. Aber es wird gefordert. Und mal nicht. Und mal ein bisschen, abhängig davon, wieviele Kinder in der Klasse fehlen. Und irgendwann weiß man nicht mehr, wo oben und unten ist. Ich bin erschöpft wie schon lange nicht mehr. Die letzten zwei Wochenenden verbrachte ich zum Großteil damit auf der Couch liegend an die Decke zu starren. Selbst für einen Biergartenbesuch mit Freunden habe ich aktuell einfach keine Kraft. Ich will nur meine Ruhe haben.

    Hauptsache am Schuljahresende kann ein Anzugträger stolz in die Kameras der Nation verkünden “Der Unterricht an bayerischen Schulen war voll und ganz gewährleistet”. Ja, aber zu welchem Preis?

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    4.4
  • Allgemeines,  Alltag,  Technik,  Unterricht

    Auszug – Umzug

    Als Topping zu diesem ohnehin schon wirren Schuljahr gibt’s zum Ende noch ein ganz besonderes Sahnehäubchen: Nach vier Jahren Umbau ziehen wir Anfang September in unser rundum erneuertes Schulgebäude zurück: Neue Fassade, neue Räume und vor allem neue Technik sollen dort auf uns warten. Für mich als Systembetreuer ist vor allem Letzteres bemerkenswert, weil wir in den letzten Monaten in stundenlangen Onlinekonferenzen mit den Verantwortlichen bei der Stadt unsere geplante Ausstattung besprochen haben. Und die ist beachtlich. Die Stadt München verspricht uns nicht mehr als eine wirklich vollwertige, digitale Ausstattung:

    Interactive Whiteboards in jedem Zimmer, Dokumentenkameras überall, Beamer mit integriertem Miracast. HDMI-Weichen zum Anschluss externer Geräte, um den Kabelraubbau einzudämmen, der unsere Schule seit Jahren quält. Einen ganz besonderen Kniff haben wir mit den Laptops in den Klassenzimmern ausgeklügelt. Statt jeden Raum mit einem separaten Klassenlaptop auszustatten, geben wir einfach jeder Lehrkraft eins zum Arbeiten in die Hand. Als verkapptes Lehrerdienstgerät sozusagen. Die Vorteile liegen auf der Hand:

    • Da unser Kollegium relativ überschaubar ist, ist die Ausstattung pro Lehrkraft per se günstiger als die Ausstattung pro Zimmer.
    • Vandalismus an den Geräten, die unbeaufsichtigt im Klassenzimmer zu Unfug einladen, ist (hoffentlich) ausgeschlossen.
    • Kollegen gehen mit der Technik sorgsamer um, weil das Gerät ihnen gehört.
    • Die langen Anmeldezeiten beim Login sind passé, da jeder mit seinem eigenen Gerät in der Gegend herumläuft, in das er sich zu Schulbeginn einloggt. Zum Stundenwechsel wird das Gerät einfach abgesteckt und im nächsten Klassenzimmer ans Netz gehängt. Einfach Passwort eingeben und das Gerät ist wieder online.

    Sounds perfect on paper, right?

    Schauen wir mal, wie es im September in der Praxis aussieht.

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    5
  • Alltag,  Prüfungen,  Unterricht

    Nichts wie weg!

    Normalerweise bin ich niemand, der am letzten Schultag den Stift fallen lässt, um in die Ferien abzuhauen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ich grundsätzlich doch sehr für Krankheiten anfällig bin. Sobald die Anspannung wegfällt, klappt mein Immunsystem zusammen wie ein Kartenhaus. Aber dieses Mal ging es nicht anders. Das liegt nicht nur an dem straffen Ferienprogramm, das vor mir liegt und eigentlich kaum Zeit zum tatsächlichen Erholen gibt. Sondern auch wirklich an den Wirren der letzten Wochen. Das Abitur hat ohne die übliche Zäsur, die dank Pfingstferien zwischen mündlichen und schriftlichen Prüfungen sonst immer gegeben war, gut Energie gesaugt. Dazu kamen noch ein paar Corona-Wirren, in denen ich als Technikmann gefragt war. Mal war die Lehrkraft in den Mündlichen an Corona erkrankt und wollte über Videotelefonie prüfen. Dann war der Schüler malad, wollte aber unbedingt die Prüfung per vis-a-vid ablegen. Es ist toll, dass das mittlerweile nicht nur technisch, sondern auch schulrechtlich möglich ist (fragt sich nur wie lange – also beides 😎). Aber das war mal wieder das berühmte Oben-Drauf, von dem in den letzten zwei Jahren doch immer mehr dazu kam. Dazu noch die Durchsicht einer 1200-Zeilen-großen Excel-Tabelle zur technischen Ausstattung von der Stadt München, mehrere Videokonferenzen mit den Verantwortlichen, die Einschreibung der Fünftklässler, mündliche Zusatzprüfungen zur Verbesserung der Abinote. War gut was los. Daher nichts wie weg.

    Ich könnte natürlich noch ein bisschen mehr schimpfen. Von annulierten Flügen, die uns wieder zurück nach München zwangen, von verspäteten Starts, ausgefallenen SBahnen und der Hilflosigkeit professioneller Fluglinien, wenn wegen Unwetter ein Dutzend Flugzeuge nicht starten können. Aber ich schweige. Ich sitze jetzt in der Herengracht in Amsterdam bei Bitterballen. Und alles ist gut.

     

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  • Allgemeines,  Alltag,  Technik,  Unterricht

    Team Evernote: Neue Widgets hat das Land

    Evernote benutze ich nun seit neun Jahren für den Unterricht. Als ich 2013 damit begann, öffnete sich damit für mich eine ganz neue Art Unterricht abzuhalten. Für mich war Evernote der erste und wichtigste Schritt hin zum papierlosen Büro. Mittlerweile ist es aus keinem meiner Lebensbereiche wegzudenken. Ich organisiere alles damit: Steuer, Kassenzettel, Unterrichtsvorbereitung, Reisevorbereitungen, Abspeichern von Anleitungen oder Webartikel. Umso besorgter war ich, als Evernote mehr sein wollte als nur pfiffiger Notizenverwalter. Es folgte ein komplettes Redesign der Oberfläche, neue Tarife, ein Tod vieler liebgewonnener Nebenapps (Goodbye Evernote Recipes und Sketch) sowie eine neues System der Datenbank. Und da waren sie schon, die Probleme:

    Neue, kratzige Kleider

    Die Datenbanken mussten umständlich eingelesen werden und reagierten mit ärgerlichen Wartezeiten. Auch die neue Oberfläche der Webversion benötigte in der Schule fast drei Minuten, bis alles geladen war, und trieb mir in der Eifer des Unterrichtsgefechtes regelmäßig den Puls nach oben. Als dann auch noch ein Startbildschirm mit konfigurierbaren Widgets aufschlug, wurde ich zunehmend unsicher, ob ich die Zukunft mit Evernote tatsächlich weiter gehen wollte. Das war VOR dem Update. Mittlerweile möchte ich dieses Feature überhaupt nicht mehr missen. Das liegt vor allem an zwei zur Verfügung stehenden Widgets, die für mich essenziell geworden sind:

    Mit dem Startbildschirm wird Evernote zu einer echten Multitasking-Schaltzentrale

    Aufgaben-Widget

    Die Möglichkeit Aufgaben zu erstellen war in einer der letzten Evernote-Versionen für zahlende Kunden bereits als Beta-Feature zum Testen verfügbar. Letztendlich sind sie eine pfiffige Weiterentwicklung der Checkliste, die in Evernote schon seit Jahren existiert. Der Unterschied? Checklisten sind jeweils immer in einer Notiz abgelegt. Wenn ich für die Systembetreuung an meine Checkliste möchte, muss ich dazu die entsprechende Notiz aus meinen Notizbüchern fischen, was angesichts der dort vorhandenen Menge schon ein bisschen dauern kann. Sind diese Checklisten hingegen als Aufgaben definiert, geht das deutlich schneller: Denn Evernote filtert aus allen Notizen die darin abgelegten Aufgaben und präsentiert sie in einem Widget auf dem Startbildschirm in einer hübschen Gesamtansicht. Auf Wunsch sogar chronologisch geordnet. Das Herumfummeln in Unterordnern entfällt damit völlig.

    Sämtliche Aufgaben, die in Tausenden von Notizen zu finden sind, fischt das Aufgaben-Widget übersichtlich auf einen Blick zusammen

    Kalender-Widget

    Die Idee dahinter ist alt: Das Widget zapft, wie der Name schon erahnen lässt, ein Google Konto an, den man vorher mit seinem Evernote Konto verknüpft hat, und präsentiert alle darin enthaltenen Kalender direkt auf dem Startbildschirm. Daten, die man entweder über Smartphone oder über Programme wie Thunderbird über ein Add-On wie “Provider for Google Kalender“, eingibt, landen beim nächsten Hochfahren im Evernote Widget: Geburtstage, Termine von Schulaufgaben, Fortbildungen. Alles. Damit nicht genug: Zu jedem dort abgelegten Ereignis kann ich bei Bedarf eine Notiz in Evernote erzeugen lassen, die mit dem Datum verknüpft ist. Fällt z.B. ein Termin in einer Lehrerkonferenz an, kann ich im Vorhinein in einer Notiz eine Checkliste mit Aspekten erstellen, die ich in meiner Ansprache nutzen möchte. Wenn der Termin ansteht, wird mir zusätzlich zu einer Erinnerung im Kalender die dazugehörige Notiz präsentiert. Das ist wirklich clever gelöst. Und damit ab jetzt Teil meines digitalen Lebens 😊

    Zu den synchronisierten Events im Google-Kalender lassen sich automatisch dazugehörige Notizen erzeugen.
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