• Allgemeines,  Alltag,  Technik

    Lehrerdämpfgeräte

    Das neue Schuljahr ist noch keine zwei Wochen alt, und schon hängt eine dunkle Wolke über uns. Was ist passiert? An das ständige Testen alle zwei Tage hat man sich ja schon längst gewöhnt, ebenso an die dadurch verlorene Unterrichtszeit, die entweder die erste Stunde so zerschlägt, dass dort ein sinnvoller Aufbau des Fachunterrichts kaum möglich wird. Nein, es ist die Technik, die uns im Moment die Laune verhagelt. Allem voran die Lehrerdienstgeräte, die eine Handvoll Lehrkräften bei uns Ende des Jahres voller Vorfreude entgegen genommen haben. Diese Emotion ist mittlerweile Frustration gewichen. Die Geräte machen seit Anfang des Jahres wohl durch ein Update bedingt bei einem Großteil der Leute ganz schöne Spirenzchen:

    Das Hochfahren dauert im Home-Office manchmal bis zu einer Stunde, weil sich das Profil mit dem auf den Schulservern synchronisiert. Mal fehlen nach dem Log-In die Schulnetzwerke im Homeoffice, dann tauchen sie nach einem Reboot wieder auf – oder eben nicht. Häufig kommt es zu Proxy-Problemen, und die Geräte finden in überhaupt kein Netzwerk. Gelegentlich fahren die Yogas in den Standby. Oder noch schlimmer: Sie fahren sich ungefragt komplett runter. Einfach so. Offene Dokumente sind dann unwiederbringlich verloren, sodass das Arbeiten mit den vorerst hochgelobten Geräten aktuell einem Drahtseilakt gleicht. Dass davon bald fast 19.000 Geräte in den Schulen in München und Umgebung ausgegeben werden, und andere Schulen dann damit ebenso zu kämpfen haben wie wir, lässt mich schaudern. Ich hoffe, das ist bald wieder in Ordnung. Denn so wurde das Geld aus dem SOLD-Topf für Hardware verwendet, die in der jetzigen Konfiguration leider nur ein teurer Briefbeschwerer sind.

    Ärgerlich.

    Auf Twitter gibt es weitere Eindrücke

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  • Allgemeines,  Unterricht

    Happy New (School) Year!

    Das Betreten des Schulgebäudes am Ende der Sommerferien ist, seit ich Schüler bin, immer etwas besonderes für mich gewesen: Die Korridore liegen in absoluter Ruhe. Nur gelegentlich tickt irgendwo ein Zeiger einer Uhr und hallt ungehört in die menschenleeren Gänge. Entfernt vernimmt man vereinzelt Schritte der Sekretärinnen, die schon lange vor Schulbeginn tätig geworden sind. In der Luft hängt dieser besonderer Geruch von Bohnerwachs und grenzwertig gesunden Chemikalien, mit denen die Grundreinigung über die sechs Wochen das Gröbste entfernt hat. Und dann im Lehrerzimmer mein Arbeitsplatz: Ganz verwaist – in aller Eile am letzten Schultag notdürftig aufgeräumt, bevor es in die wohlverdienten Ferien ging. Diese Euphorie und Vorfreude Ende Juli über sechs Wochen Sommerferien, als man diese Räumlichkeiten das letzte Mal verlassen hat – vorüber. Mit ein bisschen Wehmut und einer Ferienkaterstimmung stehe ich im Lehrerzimmer. Der Ernst des Lehrerlebens fängt wieder an.
    Das Kultusministerium hat uns jüngst versichert, ein Schuljahr zu gewährleisten, das im Gegensatz zu den vorigen endlich ruhig und geradlinig verlaufen soll. Präsenzunterricht unter allen Umständen. Maskenpflicht am Platz. Dreimal Schnelltests pro Woche. Man tue alles dafür, dass die Schulen ein sicherer Ort sind, heißt es. Allerdings hätten wir uns für „alles tun“ ein bisschen mehr gewünscht. Es gibt nach wie vor keine Luftfilteranlagen. Die Quarantänebestimmungen werden weiter gelockert, damit bei einem positiven Fall nicht gleich die komplette Klasse in Quarantäne muss. Ob das den Trend der steigenden Inzidenzen abmildert? Mal sehen. Letztes Jahr sind wir auch mit knapp 50 ins Schuljahr gestartet. Wird das dieses Jahr anders ablaufen?
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    4.5
  • Allgemeines

    Auszeit in Corfu

    Ich war dann mal weg… Und zwar auf Corfu. Nachdem wir den Urlaub schon letztes Jahr schweren Herzens gecancelt hatten, fassten wir uns mit zwei Impfungen im Kreislauf und den niedrigen Inzidenzzahlen im Blick ein Herz und haben uns den Sommer zurückgeholt, den wir seit zwei Jahren so vermisst haben. Was für eine Insel! Was für ein tolles Land – immer wieder und wieder! Und wie toll, sich endlich mal wieder so eine richtige Auszeit zu gönnen, die sich so gar nicht nach Routine anfühlt. So etwas lädt bei mir in Rekordzeit die Batterien mit neuer Energie auf. Hier eine kleine Präsentation meiner Aufladequellen – mit Klickmöglichkeit zur vollen Wirkungsentfaltung 😁

    Die Küche

    Klar, bekommt man seine Gerichte auch hier beim Griechen ums Eck, aber diese Köstlichkeiten genießen bei 33 Grad mit dem Blick auf die blaue Bucht vor einem – das ist etwas ganz anderes!

    Die Sicht

    Die Farben im Süden sind etwas ganz besonderes. Wenn die Sonne richtig steht, taucht sie das Land in ein Licht, das man gar nicht beschreiben kann. Alles wirkt weicher, gelassener. Ruhiger. Man kann gar nicht anders als innehalten.

    Architektur

    Einen Altphilologen irgendwo in Italien oder Griechenland auszusetzen ist in der Regel immer ein Volltreffer, selbst wenn auf Corfu aus archäologischer Sicht nicht wirklich viel geboten ist. Sei’s drum, allein die Stadtarchitektur der Orte ist beeindruckend. Wie immer findet sich ein wilder Mix unterschiedlicher Bauepochen nebeneinander gesetzt. Corfu-Stadt ist eine Mischung aus byzantinischer und venezianischer Gebäude im Zentrum, durchzogen vom berühmten mediterranen Straßennetz, das den Mitteleuropäer mit seinen engen Gassen, Endlos-Kreisverkehren und Schlaglöchern en galore in Rage versetzt. In den Orten entlang der Hauptstraßen finden sich imposante Villen, Rohbauten mit exponierten Stahlstreben und in die Jahre gekommene Bergdörfer, die mit ihren Bewohnern und schrägen Häuschen so malerisch daherkommen, als hätten sie auf ein Foto nur gewartet.

    Sprache

    Ich bin allein schulisch (unsere Schule macht für die Oberstufe regelmäßig eine Griechenlandfahrt, die bei uns eine echte Institution geworden ist) alle zwei Jahre in Griechenland und verfalle jedes Mal erneut dem Klang dieser wunderschönen Sprache. Aber aufraffen sie einmal zu erlernen, konnte ich mich nie. Denn mit bisher sechs Fremdsprachen ist da bei mir im Oberstübchen einiges los. Und trotzdem schlummert seit Jahren ein Langenscheidt-Sprachkurs Neugriechisch im Arbeitszimmer. Dieses Jahr war er sogar vor Ort auf Corfu dabei und ich habe mich tatsächlich ein bisschen rangewagt – soweit, wie man halt in knapp eineinhalb Wochen in eine Sprache eintauchen kann – noch dazu in eine, die nicht aus der germanischen oder lateinischen Sprachfamilie kommt. Da merkt man gleich wieder als Lehrkraft, wie mühsam Sprachenlernen sein kann. Daher bin ich von den 15 Lektionen nur bis Lektion 3 gekommen. Dafür kann ich aber schon Konjugieren und Substantive beugen. That’s a start 😊

    Formen deklinieren am Strand – wie so ein richtiger Streber
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  • Allgemeines,  Unterricht

    Sketchnotes: Herr Mess Pinxit I

    Das Arbeiten mit dem iPad geht mittlerweile echt flott von der Hand. Vor allem das Schreiben und Malen macht richtig Spaß. So Spaß, dass aus meinen ersten Kritzeleien tatsächlich mal etwas Sinnvolles geworden ist. Zumindest in Ansätzen. Herr Mess proudly presents seine ersten selbst gemalten Sticker, die man problemlos in das Schreibprogramm seiner Wahl importieren kann. Den Anfang macht eine Zusammenstellung von römischen Emojis. Eine Fortsetzung ist definitiv geplant. Die Sticker gibt es sowohl als Sticker Sheet hier auf der Seite als auch als ZIP-Datei, in der sich die Files im PNG-Format ohne Hintergrund befinden. Nicht erschrecken, sie sind entsprechend groß exportiert, damit man sie nach Belieben skalieren kann. Viel Spaß damit!

    In diesem Zusammenhang sei auch nochmal an die tolle Sticker-Sammlung auf Taskcards verwiesen, die Der_Steh dort ins Leben gerufen hat!

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  • Allgemeines,  Technik,  Unterricht

    Der Apfel der Versuchung

    Ich will nicht von mir behaupten, dass ich ein Fanboy bin, wenn es um Technik geht. Auch wenn es ab und an tatsächlich so aussieht. Fakt ist: in den zehn Jahren an meiner Schule habe ich IT-technisch einiges an Fabrikaten ausprobiert: HTC, Lenovo, LG, HP und immer wieder Geräte von Samsung. Mit letzteren bin ich eigentlich immer ganz zufrieden gewesen. Bislang. Denn die Halbwertszeit der aktuelleren Geräte überrascht mich schon ein wenig. Eben wie Jan-Martin Klinge vor geraumer Zeit bemerkt hat, ist die Performance des Samsung Tab S3 nach etwas mehr als drei Jahren Dienstzeit gut nach unten gegangen. Und auch mein aktuelles Samsung Smartphone ist gerne etwas behäbiger und funktioniert mit ein paar essentiellen Apps wie Evernote im Moment etwas… nun ja… gechillt. Ob das an der von Grund auf überholten Evernote-App liegt oder am Smartphone selbst, bleibt abzuwarten. Aber vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit einem neuen Hersteller eine Chance zu geben.

    Obstphobie

    Um eine Firma habe ich in all diesen Jahren immer einen Bogen gemacht: Um Apple. Das iPhone 4 hätte vor knapp 10 Jahren meine Einstiegsdroge als erstes Smartphone werden können, aber das Galaxy S1 hatte mich damals mehr überzeugt, und so war es nie zu einer Liaison gekommen.
    Über all die Jahre hat mich der Nimbus dieser Firma immer etwas abgeschreckt: Die götzenartige Verehrung, mit der die neuen Modelle abgefeiert wurden, die Art, mit der längst etablierte Features der Konkurrenz als Apple-Erfindungen in das iOS-Universum integriert und als bahnbrechend angepriesen werden, dieser Hang zum Elitären, mit dem die early adopters ihr neuestes Modell nonchalant auf den Tisch legen, um ein bisschen anzugeben – not my cup of tea. Da waren mir Samsung oder LG als beständige Underdogs irgendwie sympathischer. Daher sah ich als Systembetreuer unserer Schule der Ankunft unseres ersten iPad-Koffers mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Klar, das System ist etabliert. Klar, es ist stabil. Aber als Neuling im Apple-Administrationsuniversum bedeutete der Koffer vorrangig erst einmal (Ein-)Arbeit. Die Welt in einem iOS ist nun mal eine andere. Grundlegende Handgriffe müssen erstmal erlernt werden. Das merkte ich besonders im Umgang mit dem Apple Pencil.

    Odi et Amo: Der Apple Pencil

    Unruhestift(er)

    Als langjähriger Nutzer eines Samsung sPen ist man zunächst etwas irritiert. Einen Stift vor dem Erstgebrauch aufladen? Das gibt es bei der koreanischen Konkurrenz einfach nicht. Kein Aufladen, kein Koppeln per Bluetooth. Nichts. Das Ding geht einfach. Der Apple Pencil hingegen muss erstmal an den Strom. Und da geht das Umstandskramen los. Will man das Laden über das Stromnetz erledigen, muss zwischen Lightning Stecker und Stift erstmal ein knapp 2 cm großer Adapter, der in Windeseile in einem Klassenzimmer verschwinden wird. Zum Koppeln wird der Stift mit entblößtem Lightning-Hinterteil einfach in die entsprechende Buchse am Tablet gesteckt, wo er dann ungeschickt als Wurmfortsatz hervorragt – wenn so ein Konstrukt im Eifer des Unterrichtsgefechtes zu Boden fällt und schlimmstenfalls abbricht – ich will gar nicht wissen, was das kostet, den abgebrochenen Stecker aus der Buchse fischen zu lassen.
    Ich will jetzt nicht wie der ultimative Apple-Grinch klingen, aber wer mir erklären will, dass diese Art des Handlings mit Peripheriegeräten der geile, hippe Scheiß sind, beißt da bei mir auf Granit. Das ist einfach nicht gut gelöst. Dasselbe Gefühl habe ich auch beim Handling des Stiftes selbst. Die Haptik an sich ist ja eigentlich ganz schön. Das Ding liegt wertig in der Hand und fühlt sich so ein bisschen an wie die dicken Filzstifte in der Grundschule, mit denen man seine ersten Schwingbögen fabriziert hat. Was mich aber von Beginn an etwas irritiert hat, ist die Akustik. Mit dieser Hartplastikspitze des Apple Pencil klinge ich beim Schreiben wie ein Specht, der an einem Astloch herumpickt. Ich gehe davon aus, dass man sich an dieses Geräusch gewöhnt. Aber in den ersten Minuten hat es mich wahnsinnig gemacht.

    Friedensstift(er)

    Goodnotes 5 hat es echt drauf…

    Letztlich ist Hardware aber nur so gut wie die dafür zur Verfügung gestellte Software. Und hier spielt die Apple-Welt voll ihre Stärken aus. Anders als bei Android, wo sich aufgrund von Softwarepiraterie kaum Geld machen lässt, können Hersteller dank des geschlossenen iOS-Systems an ihren Apps gut Geld verdienen und wieder in ihre Programme investieren. Das fiel mir erst vor ein paar Wochen wie Schuppen von den Augen, als ich im Zusammenhang mit der Mololdigital einen Workshop von Johanna Uhl-Martin besucht habe, die bekennender Apple-Fan ist, aber immer brab darauf achtet, dass auch Abtrünnige mit alternativen Betriebssystemen in ihren Workshops eine Möglichkeit zum Mitspielen haben. Für Notizen während der Veranstaltung verzichtete ich zum ersten Mal willentlich auf mein Samsung Tablet und die bekannten Notiz-Apps. Stattdessen durfte das iPad mit Pencil Premiere feiern. Und mit ihm das hoch gelobte Goodnotes, von dem ich schon seit Jahren nur Positives höre. Zu Recht. Ich weiß nicht, was da im Hintergrund für eine Technologie arbeitet. Aber im Verbund mit dem Apple Pencil macht Notizen schreiben mit Goodnotes etwas anders. Nämlich Spaß. Das Schreibgefühl in der App ist der Wahnsinn, die Handschrift wirkt deutlich ruhiger und geradliniger als es je bei Lecture Notes, Squid, oder Nebo jemals der Fall war. Dazu noch ein aufgeräumtes Layout, das genau die richtige Mischung an Möglichkeiten bietet: Nicht zu spartanisch, nicht zu überbordend. Man vermisst überhaupt nichts. Selbst das Sketching in Goodnotes funktionierte richtig gut. Auf Android hätte ich dazu sofort wieder zu einem anderen Programm gegriffen. Und so hat mir Goodnotes und der Apple Pencil wieder den Spaß am Sketchnoting zurückgebracht, mit dem ich schon vor ein paar Jahren begonnen hatte. Allein die Möglichkeit, eigene Stempel und Sticker zu erstellen und unbegrenzt auszutauschen und zu nutzen, ist eine dieser Funktionen, die ich nie vermisst habe, aber jetzt nie wieder missen will. Daniel Steh hat zu diesem Zweck sogar schon ein Board bei Taskcards eröffnet, auf dem man seine künstlerischen Erzeugnisse zur Verfügung stellen kann. Vielleicht sieht man sich ja dort!

    Es geht wieder los… Sketchnotes 🙂
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  • Allgemeines,  Alltag

    Per Aspera ad Astra

    Na, da haben wir aber geschaut, als diese Pressemeldung Anfang letzter Woche die Runde machte. Wie es aus dem Kultusministerium hieß, sollten auf einmal nun auch Lehrer von weiterführenden Schulen schnellstmöglich geimpft werden. Ist ja super! Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Impfangebote kommen nicht ausschließlich aus rein vaterstaatlicher Fürsorge, sondern aus einer gewissen Notwendigkeit heraus: Diese Woche geht das Abitur los, und unzählige Aufsichten müssen die Prüflinge beaufsichtigen. Und derer gibt es dieses Jahr einige.

    Alles neu

    Auch solche, die in einem regulären Schuljahr gar nicht antreten dürften. Mitschreiben dürfen dieses Jahr nämlich auch die, die aufgrund von zu schwachen Vorleistungen eigentlich nicht mitschreiben dürften (wir nennen es hier „Hürden reißen“). Stattdessen müssen die Kursleiter im Anschluss ans Abitur für diese Prüflinge eine zusätzliche Klausur stellen. Die Kollegen in Deutsch frohlocken jetzt schon bei dem Gedanken von einem Schüler nun eventuell nicht nur ein Abitur korrigieren zu müssen, sondern auch noch eine zusätzliche Klausur zu erstellen und bewerten zu müssen. Aber das ist nicht die einzige Neuerung. Zusätzlich sind die bisherigen Hygiene- und Sicherheitsvorkehrungen für das Abitur aufgehoben.
    Bis letzte Woche musste regelmäßig mit den Schülern der Oberstufe ein Schnelltest durchgeführt werden. Ohne den durfte niemand im Unterricht sitzen – bis jetzt. Zum Abi sind diese Tests auf einmal optional. Wer sich nicht testen lassen will, darf trotzdem mitschreiben. Selbst Leute, die in Quarantäne sitzen, dürfen zur Prüfung antanzen. Ursprünglich sogar ungetestet. Dass man da als Lehrkraft etwas unruhig reagiert, ist klar. Wer will schon fünf Stunden jemanden beaufsichtigen, von dem man nicht weiß, ob die Quarantäne gerechtfertigt ist oder nicht. Nachdem im Ministerium deswegen wohl ein paar wütende Briefe eingegangen sind, wurde zumindest eingeschränkt: Nun ist für die Quarantäne-Kandidaten ein negativer Test zwingend notwendig. Dennoch: eine gewisse Grundunruhe bleibt. Da kommt die Ankündigung eines Impfangebotes gerade recht. Nur wo soll es herkommen?

    Impfen – aber wo?

    Das Gesundheitsamt in München ist nach wie vor überlastet und von der Ankündigung des Kultusministeriums ebenso überrascht wie wir Lehrkräfte. Mehr als ein Schreiben zu dem Thema wurde daher noch nicht angekündigt. Auch aus dem Impfzentrum, von dem München doch ein einziges (!) besitzt, gibt es kaum Reaktion. Man kann sich dort nach wie vor registrieren, aber keinem der Kollegen wurde bislang ein Impfangebot unterbreitet, sofern man nicht unter einer Vorerkrankung leidet oder der Ü60-Gruppe angehört. Die Hausärzte haben auf ihren Homepages teilweise Disclaimer platziert und geben bekannt, dass innerhalb der nächsten drei Wochen keine Impfungen mehr möglich sind. Wer dieser Tage tatsächlich eine Impfung haben will, muss Glück haben. Wir zum Beispiel. Dank unseres Chefs wird eine Praxis ums Eck ausfindig gemacht, die Lehrkräfte impft. Allerdings ausschließlich mit AstraZeneca. Das hat Folgen. Zum Meldetermin finden sich gerade mal sechs Kollegen in der Praxis ein. Alles Männer. Alle in meinem Alter. Die Negativschlagzeilen des Impfstoffes der letzten Wochen haben ganze Arbeit geleistet. Lieber gar kein Schutz als Nebenwirkungen. Die haben allerdings jeder der zur Verfügung stehenden Stoffe. Und so steht unser Sextett an einem Freitag Nachmittag im Wartezimmer der Praxis bereit, um in den Kreis der Erstgeimpften iniziiert zu werden.

    Gettin‘ the jab

    Die Impfung an sich geht schnell vor sich. Nach einer Unzahl von Formularen, die es im Vorhinein auszufüllen gilt, wird man vom Arzt in einen Besprechungsraum geführt, kurz noch einmal über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt, über die Seltenheit der berühmten Thrombosen in Kenntnis gesetzt – und dann kommt schon die berühmte Spritze. Routiniert und professionell durchgeführt. Nach Rückgabe meines Impfbuches bekomme ich vom Arzt noch einen salbungsvollen Satz mit auf den Weg: „Sie haben einen Dienst an sich selbst und an der Bevölkerung getan.“ Und das war’s dann schon.

    Abwarten und Tee trinken

    In der Apotheke besorge ich mir noch vorsorglich Paracetamol und verbringe den restlichen Abend in gespannter Erwartung, was mein Körper für ein Schauspiel veranstalten wird. Aber viel passiert vorerst nicht. Die Einstichstelle tut etwas weh, wenn auch nicht merklich. Zweimal beginnen die Fingerspitzen des Impfarmes zu bitzeln. Losgehen tut es erst so langsam kurz vor dem Schlafengehen. Beim Aufstehen merke ich die wackligen Knie, die aus heiterem Himmel zu kommen scheinen. Nur ein paar Minuten später geht es los mit leichtem Schüttelfrost. Über die Nacht kommt ein dumpfer Kopfschmerz hinzu. Nicht drastisch, aber merklich, sobald man seinen Kopf bewegt. Sie werden über den nächsten Tag mein ständiger Begleiter sein und mich hauptsächlich an die Couch fesseln. Meinen geimpften Kollegen geht es ganz ähnlich. Jeder von uns läuft für knapp 24 Stunden mit einem ordentlichen Schädel durch die Gegend, manch einer hat erhöhte Temperatur bis hin zu Fieber im 39er Bereich. Aber ebenso wie die Impfreaktionen hergekommen sind, waren sie auch wieder weg. Am Samstag Abend sind sie schon deutlich besser geworden. Beim Aufstehen ist alles wie weggeblasen. Was bleibt, ist die Gewissheit, einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben.

     

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  • Allgemeines,  blog,  Unterricht

    Jubiläum

    Weeeeeee… Confetti

    Wie mir Twitter dieser Tage stolz verkündete, habe ich dort jüngst mein Achtjähriges gefeiert. Und genauso alt dürfte mein Blog sein. Zeit für eine kleine Retrospektive. Aber nur eine ganz kleine. Wir haben ja nicht den ganzen Tag Zeit.

    Am Anfang war mein Wort

    2013 war meine Unterrichtsvorbereitung noch stark geprägt von dem Vorgehen, wie ich es im Referendariat erlernt hatte: Jede einzelne Stunde war mit sämtlichen dazugehörigen Materialien in einem Ordner abgeheftet und in einer Klarsichthülle verstaut. Jedes Arbeitsblatt war darin in Papierform zu finden sowie auf Folie, um sie bei Bedarf an den überall im Schulhaus vorhandenen OHPs im Klassenzimmer ausfüllen zu können… und sich nebenbei die Finger mit Folienstiften zu versauen. Audiodateien waren auf CDs gebrannt. Den zum Abspielen nötigen CD-Player trug ich munter durch das Schulhaus. Klingt nach heutiger Sicht ziemlich umständlich. Aber man war es nicht anders gewöhnt. Sich alles auf ein Tablet zu laden und damit durch die Lande zu ziehen – das kannte ich bis dato noch gar nicht. Vermisste ich aber auch nicht. Wie auch, wenn man es vorher nicht kannte…

    Auf Blogs bin ich damals nur eher zufällig gestoßen. Auf einer Suche nach Inspiration zu meinem ersten Seminar in der Oberstufe stieß ich damals auf einen Leistungskurs-Blog von Peter Ringeisen – und war schnell begeistert. So viel möglich. So viel online. Und dann noch in bayerischen Landen. Das war zu schön, um wahr zu sein! Von dort klickte ich mich durch die Linklisten und kam so in die Welt der Lehrerblogs. Viele der virtuellen Lehrenden, die damals noch aktiv waren, sind mittlerweile leider verstummt. Frau Henner zum Beispiel, die ich immer gern gelesen habe. Oder aber auch Frollein Rot, die über viele Jahre die schönsten Schulanekdoten zum Besten gab. Aber es gab auch damals schon die Stars, die bis heute aktiv sind. Bob Blume hatte jüngst angefangen, Jan-Martin Klinge war schon seit Jahren dabei. Ebenso Herr Rau. Und irgendwann war klar: Das wollte ich auch. Schnell war WordPress aufgesetzt und ein erster Artikel geschrieben. Der Rest lief von ganz von alleine.

    Lehrerzimmer 2.0

    Das Thema Twitterlehrerzimmer, in dem sich ein digitales Kollegium tummelte, lag damals noch in weiter Ferne. Man erklickte sich sein eigenes Wirkungsuniversum und die Leute darin: Im EdchatDE organisierten Torsten Larbig und André Spang jeden Dienstag den ersten, mir bekannten digitalen Lehrerchat über den eigenen Tellerrand hinaus. Herr Rau verfrachtete die bekanntesten Lehrkräfte und ihre Blogs in ein virtuelles Sammelkarten-Set und sorgte so sowohl für Erheiterung als auch Ausweitung des PLN. Bob Blume erfand mit Twanalog ein Brieffreundschaftsprojekt 2.0 für die über Twitter vernetzten Lehrer. Und ich nahm an allem sehr gerne teil.

    Für mich selbst stand damals allerdings die Blogpflege an erster Stelle. Jeder Kommentar zu einem meiner Artikel war eine kleine Party. Wildfremde Leute aus irgendwelchen Regionen der Republik, die zu meinem Geschreibsel ihren Senf gaben – Awesome! Und so revanchierte man sich mit Gegenkommentaren und diskutierte vorrangig  eher auf den Blogs selbst als sich in den sozialen Medien zu verewigen, in denen die Artikel verlinkt sind – eine Entwicklung, die ich bis heute bedauere. So war der Kontakt noch eine Spur persönlicher, die Reaktion ein Quäntchen unmittelbarer. Man kam besser ins Gespräch. Sei’s drum, der Kontakt selbst stand im Zentrum und eröffnete zahllose neue Türen: Und ehe man sich’s versah, lief man sich im wahren Leben auf einer Fortbildung in die Arme, traf sich beim Umsteigen in einen Zug mal eben auf einen Kaffee, fand sich bei einem seiner Follower urplötzlich in einer Fortbildung. Oder endete selbst als Referent in einer Fortbildung, die man ohne die entsprechende Expertise aus der Kombination Twitter/Blog so nie angeboten hätte.

    Wozu nun diese Retrospektive? Nun für mich zunächst vorrangig als Erinnerung an all die tollen Erfahrungen und Erlebnisse, die ich aus dieser Mehr-als-Hobby-Aktivität ziehe. Und für den einen oder anderen interessierten Leser als Aufforderung, das auch mal auszuprobieren. Man kann nur gewinnen.

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  • Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Corona-Tests in der Schule

    Leuchtende Augen in der siebten Klasse heute vor dem ersten Corona-Test im gemeinschaftlichen Klassenzimmer. Dabei sahen meine Schützlinge vor ein paar Minuten noch ganz anders aus. Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube waren viele heute in die Schule gekommen. Die Angst vor dem Ungewissen griff um sich: Wie genau funktioniert so ein Test? Was ist diese Pufferlösung? Wie tief soll dieses Stäbchen in die Nase? Oder muss man einen Abstrich machen? Was, wenn ich beim Test niesen muss? Oder husten? Oder gar erbrechen?
    Als Lehrer tut man in solchen Situationen wie immer das, was man in der Ausbildung gelernt hat: Ruhe verströmen, Sprechgeschwindigkeit drosseln, Wohlfühlstimme auflegen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Deswegen folgen auch Handgriffe, die man nicht so regelmäßig durchführt: Latexhandschuhe überstreifen zum Beispiel. Oder großzügig Desinfektionsspray auf den Handflächen der Kinder verteilen. Oder wortlos ein Erklärvideo abspielen, das von den Herstellern unseres Corona-Kits erstellt wurde. Dort wird in klaren, verständlichen Bildern erzählt, wie so ein Test vor sich geht. Nüchtern, unaufgeregt – und für Kinder vermutlich völlig abschreckend, eben WEIL es mit kühlen Worten den Eindruck vermittelt, als sei es das Normalste auf der Welt, sich einen Wattebausch in die unerforschten Tiefen seiner Nüstern einzuführen. Aber ich habe eine Geheimwaffe. Denn völlig aus dem Nichts hat das Kultusministerium Bayern auf seinem Youtube-Kanal ein Erklärvideo zum Testvorgehen veröffentlicht, die deutlich kindgerechter daherkommt. Der Experte darin ist den Kindern wohl bekannt: Es ist das Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste, das als Arzt verkleidet im breitesten Augsburg-Schwäbisch den jungen Zuschauern den Ablauf des Tests erklärt und mit seinem Probanden Erwin dem Erdmännchen durch die einzelnen Schritte führt – eine zuckersüße Alternative zu dem bierernsten Instruktionsvideo unseres Corona-Tests, die ich vorsichtig der Klasse als Alternative anbiete. Könnte ja auch schiefgehen, immerhin sind die Kiddies mitten in der Pubertät und finden die Augsburger Puppenkiste mit 13 Jahren vielleicht albern.

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    Weit gefehlt: Die Angst ist den Kindern auf einmal komplett aus dem Gewicht gewichen. Selbst durch die Mund-Nasenschutzbedenkungen kann ich das Grinsen aller Beteiligten deutlich erkennen. Die Wahl ist also getroffen, und so gehen wir unerschrocken ans Werk – und tauschen hinterher Kindheitserinnerungen über die Augsburger Puppenkiste aus, bevor wir uns wieder mit lateinischen Partizipien befassen. Sie erzählen mir von Jim Knopf und dem Urmel aus dem Eis, den einige vor Jahren dort gesehen haben. Und ich erzähle vom Schlupp vom grünen Stern. Und auf einmal fühlt sich diese Stunde fast schon wieder wie eine reguläre an: Ein bisschen Smalltalk, ein bisschen Quatsch, gefolgt vom erforderlichen Tagwerk. Und alles, was es braucht, ist eine Marionette, die uns das Einführen eines Wattestäbchens als Popeln deluxe verkauft.

    Danke, Dr. Käschperle!
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  • Allgemeines,  Uncategorized

    Osterferien 2021: Auferstehung

    Es gibt wohl keine Ferien, die ich jemals so herbeigesehnt habe, wie diese. Und ich bin nicht der einzige. Ins Twitterlehrerzimmer schleicht sich nach Wochen von grießgrämigen Emojis, erbosten Retweets und fassungslosen Replies auf unverständliche Regierungserklärungen endlich ein bisschen Ruhe. Die Fotorate von imposanten Eisbechern und Ausschnitten von blauem Himmel ist stetig wachsend, die Mundwinkel der Teilnehmer zunehmend nach oben gerichtet. Man atmet nach 11 Wochen Unstetigkeit im Schulgeschehen spürbar durch. Auch in der bunten Bloglandschaft.
    Herr Klinge sucht dieser Tage Oasen in allen Lebenslagen. Herr Rau backt und fotografiert. Ich tue es ihm nach und habe mir schon vor ein paar Wochen in einem Frustmoment eine neue, „richtige“ Kamera zugelegt, um mich auch mal wieder ein bisschen im Entschleunigen zu üben.

    Nicht alles muss ein Snapshot sein. Manchmal lohnt es sich auch ein bisschen zu warten, bis das Motiv stimmt. Innehalten zahlt sich aus. Das werde ich auch die nächsten Wochen beherzigen. Zeit nehmen. Durchschnaufen. Langsamkeit wiederentdecken. Einfach mal nichts tun. Die Frühlingsluft genießen. Ein gutes Buch lesen. Laufen gehen. Oder auch mal wieder sich um die alten Hobbies kümmern. Projekt Game Boy Synth zum Beispiel. Den kleinen Quäker als tatsächliches Musikinstrument zu begreifen, geht nicht einfach von heute auf morgen. Aber mit ein bisschen Nachhelfen und überlegtem Herumgeschraube geht es eigentlich ganz gut. Mittlerweile bin ich sogar soweit, das Ding mit regulären Synthesizern synchron laufen zu lassen, sodass alle Instrumente im Takt bleiben. Und das Beste: Wenn ich gar keine Lust mehr habe, lassen sich auf dem Game Boy Synthie einfach die alten Spiele zocken. Durchschnaufen.

    Im Einklang
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  • Allgemeines,  Technik

    Let there be chchchchchchch!

    Liebe Gemeinde,
    heute wird es mal nerdig. So richtig nerdy nerd. Noch dazu, wo das Thema vermeintlich überhaupt nichts mit den sonst behandelten Themen im Blog zu tun hat. Mit Betonung auf „vermeintlich“. Vielleicht habe ich aber auch noch das eine oder andere in der Hinterhand… wer weiß? Legen wir mal los!

    Es war einmal

    Wenn es einen Klang gibt, der meine Kindheit in den 90er Jahren am besten beschreibt, dann ist es wohl dieser hier:

    Ihr kennt ihn bestimmt. Es ist der Game Boy von Nintendo. Es ist jetzt genau 30 Jahre her, dass ich meinen zum ersten Mal in den Händen hielt. Mit zitternden Lettern eines Elfjährigen ist das Datum unseres Kennenlernens auf der Verpackung bis heute vermerkt.

    Der Schatz meines elfjährigen Ichs 🙂

    Über vier Jahre war der Kleine mein ständiger Begleiter. Zuhause, auf Autofahrten, im Bus, bei Freunden, am Strand, heimlich auf dem Schulhof. Überall. Als Kinder der 90er waren wir alle von dem neuen Konzept Portable Gaming, wie es der Game Boy verkörperte, völlig von den Socken. Permanent verschiedene Spiele unterwegs daddeln zu können, egal wo man sich befand – das war radikal neu! Und auch wenn man sich heute nur mit Mühe vorstellen kann, dass dieses klobige Ding tatsächlich in eine Hosentasche gepasst haben soll (ging gerade so!) – er war überall dabei. Und ich mit ihm. In unzähligen Königreichen und Fantasiewelten.

    Bild von mobygames.com

    Ich habe in Mystic Quest nach dem Mana-Baum gesucht und fand auf Cocolinth das Ei des legendären Windfisches. Mit Mega Man an meiner Seite befreite ich die Welt mehrmals von Dr. Wily, rettete mit den Turtles zwei Mal New York vor Shredders Foot Clan. Ich war Drache Firebrand. Ich war Batman. Ich war Kid Dracula. Ein Nachfahre von Simon Belmont, Scrooge McDuck, ein Battletoad, ein Motocross- Fahrer, Hulk Hogan, eine Murmel in Marble Madness, ein Blob, eine Tomate oder wahlweise Kartoffel in Kwirk… und im realen Leben irgendwann dann doch ein Teenager, der sein liebgewonnenes Spielzeug über hatte. Die Pubertät war angebrochen. Ich hatte andere Dinge im Kopf. Und mein Game Boy wanderte an einen Ehrenplatz im Schrank meines Jugendzimmers, wo er 25 Jahre im Dornröschenschlaf verbrachte.
    In all der Zeit habe ich ihn kein einziges Mal geweckt, um mich der Nostalgie hinzugeben, die das Gerät zweifellos in sich barg. Es aber zu verkaufen, brachte ich nie übers Herz. Kurzfristig flammte das Interesse wieder auf, als ich mit Keyboarding und Synthesizern gegen Ende der Schulzeit anfing und auf LSDJ aufmerksam wurde: Ein Programm auf einer handelsüblichen Spielekassette, mit der es tatsächlich möglich, den Game Boy in ein Musikinstrument zu verwandeln – das klang richtig interessant. Immerhin haben mir die quirligen Chips Sound des Game Boys immer imponiert. Viele Melodien der Spiele hatten sich in mein Gehirn gebrannt, einige hatte ich als Kind sogar auf Kassette überspielt, um sie auch über die heimische Stereoanlage hören zu können (ganz zum Leidwesen meiner Eltern). Aber ein Blick auf die Kosten für eine Plastikcartridge, für die auch noch Versandkosten anfielen, hätten mein Schüler-Budget schnell gesprengt. Und damit war das Vorhaben gestorben. Vorerst. Umso erfreuter war ich, als ich letztes Jahr durch Zufall bemerkte, dass sich nach 20 Jahren die Zeiten geändert hatten: Die Software gab es mittlerweile als kostenlosen Download, Game Boy Cartridges ließen sich mit Hilfe von SD-Karten unbegrenzt mit Daten befüllen. Und so wurde nach 30 Jahren wahr, was ich immer haben wollte: Ein Synthesizer, der wie ein Game Boy klingt. Also nicht lange gefackelt und den EZ Flash Junior samt SD Karte bestellt und mein heimisches Jugendzimmer aufgesucht, um das graue Schneewittchen aus seinem Styroporkarton zu befreien… Und erstmal bekam ich einen riesigen Schreck.

    Ich bin der Gilb…

    mein Game Boy links im Nikotin-Look im Vergleich zu einem Gerät in tadellosem Zustand

    Denn das Plastik des Gehäuses war über die Jahre völlig vergilbt. Weiß der Geier, was da passiert war, aber es sah aus, als hätte das Gerät mehrere Jahre mit bzw. in einem Kettenraucher verbracht. So etwas in die Hand zu nehmen um Musik zu machen… nein danke. Noch verstörter war ich, als ich das Gerät einschaltete. Zwar sprang der Game Boy nach 25 Jahren sofort an, als sei nie etwas gewesen. Aber die nostalgische Verklärung hatte mich völlig vergessen lassen, wie unterirdisch dieser Bildschirm gewesen war. Ohne Hintergrundbeleuchtung war man ständig gezwungen sich auf den viel zu winzigen Bildschirm zu konzentrieren. Noch schlimmer wird’s, wenn sich dann auch noch etwas darauf bewegt. Dann zieht das Bild deutliche Schlieren, die meinen nicht mehr ganz so jungen Augen auf Dauer echt Kopfschmerzen verpassen. Es war relativ schnell klar: Mit diesem Gerät im Jahre 2021 noch irgendetwas anfangen zu wollen, ging in dieser Form nicht. Es musste ein Facelift her. Und so bestellte ich für meinen Game Boy aus dem Jahre 1991 bei einem deutschen Modding-Vertrieb ein rundum neues Gewand.
    Das Paket war in Windeseile da. Nach gerade mal drei Tagen waren alle Komponenten beieinander. Mit einer Vorfreude wie zu Weihnachten barg ich des Kaisers neue Kleider aus den Kartons: Von Steuerkreuz.net gab es ein neues blaues Gehäuse, samt neuer Knöpfe in Gelb, ein neues Batteriefach, das nun mit Akku betrieben wird statt einmal die Woche ein Quartett der berühmten AA-Batterien zu verheizen. Und dann noch von ebay ein neues Display, das mit Hintergrundbeleuchtung und Technologie aus dem 21. Jahrhundert meinen Augen ein bisschen Erholung verschafft. Das Equipment war da. Nun galt es Hand anzulegen.

    Des Kaisers neue Kleider

    Face-Lifting

    Zunächst wurde der Gameboy aufgeschraubt und in zwei Hälften zerlegt. Ein Datenband, das die beiden Teile zusammenhält, musste beim Öffnen vorsichtig abgezogen werden, damit nichts von der Platine abreißt:

    Das Innenleben eines Gameboy Classic mit dem alten LCD-Bildschirm oben)
    Einsetzen des Displays mit Klebeband

    Die vordere Platine, die den alten Bildschirm beinhaltet, wurde komplett gegen den neuen ersetzt und im neuen Gehäuse millimetergenau mit Hilfe eines doppelseitigen Klebebandes in der neuen Schale fixiert. In Ermangelung eines Rahmens, der beim Positionieren hilft, war das eine recht fummelige Angelegenheit. Darunter fanden die neuen Knöpfe und das Steuerkreuz in der Verschalung Platz. Die alten hatten über die vergangenen drei Jahrzehnte einen gewissen unappetitlichen Film angesetzt, der vom Aussehen her irgendwo zwischen Batteriesäure und Ohrenschmalz lag. Also weg damit. Die Rückseite der neuen blauen Schale durfte die alte Hardware behalten und ließ sich ganz unproblematisch festschrauben. Dann noch beide Hälften wieder mit dem neuen Kabelband verbinden und einen ersten Testvorgang mit Batterien starten. Es klappt!

    It’s alive!

    Gut gebrüllt, Kätzchen!

    Links am Eck findet sich Platz für die Audio-Buchse

    Als nächstes stand ein neuer Audioausgang auf dem Programm. Über den integrierten Kopfhörerausgang klangen die Original Game Boys nämlich immer etwas leise und vor allem verrauscht, daher war dieser kosmetische Kniff für ein sinnvolles Arbeiten unabdingbar – der Kleine soll ja in ein Musik-Setup integriert werden. Dank einiger Modding-Videos lässt sich schnell lokalisieren, wo in dem kleinen Gehäuse noch ein paar Millimeter für einen zusätzlichen Ausgang zu finden sind. Dann einfach ausmessen und mit dem Bohrer vorsichtig an der entsprechenden Stelle ein Loch von 6mm Durchmesser ins Gehäuse knüppeln. Im Gehäuse wird von innen durch die neue Öffnung eine handelsübliche 3,5mm Klinkenbuchse geschoben (der Hals der Buchse sollte mehr als 40mm haben, sonst passt er nicht durch die dicke Gehäusewand der Verschalung) und mit der mitgelieferten Schraube fixiert. Abschließend werden nun drei Kabel – Masse, linker und rechter Kanal – am Mainboard an entsprechender Stelle angelötet (wir haben uns für die Pre-Poti-Variante entschieden, weil ich die Lautstärke des Game Boys ohnehin über den Mixer steuern werden) und mit der neuen Buchse verbunden.

    Zum Glück gibt’s Youtube. Video von Joe Bleeps

    Fertig ist der kleine Schreihals!

    Das Ohr zur Welt

    Finishing Touches

    Als letztes wird mit vorsichtigen Händen das Gehäuse wieder verschraubt, der neue Akku eingebaut, nachdem man ein paar der Batteriefedern aus dem Gehäuse gezogen hat, und vorne eine Displayscheibe an der Vorderfront angebracht, um den neuen Bildschirm vor Staub zu schützen. Nun mit klopfenden Herzen den neuen Anschalter ausprobieren und hoffen, dass alles klappt…

    Es kann losgehen

    Und es klappt! Er quäkt! Und wie!

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