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Der halbe Trott

Seit ein paar Wochen probt Bayern mit der kleinen Zehe wieder ein bisschen Normalität: Im öffentlichen Leben zum Beispiel, wo wieder mehr als zwei Leute in der freien Wildbahn nebeneinander laufen dürfen. Oder in Geschäften, die man nun in limitierter Kundenzahl betreten darf – Mundschutz vorausgesetzt. Die langen Schlangen, mit denen mann (und frau) vor den Supermärkten wartet, sind nach wie vor surreal, aber man hat sich irgendwie an den kuriosen Anblick ebenso gewöhnt wie die roten Absperrbänder in den Münchner Bussen, mit denen der Bereich um den Fahrer großräumig abgetrennt wird. In der Schule schwankt man nach wie vor zwischen denselben Eindrücken: Seit 27.04. betreten einige von uns wieder das Schulgelände, um Unterricht für die Oberstufenkurse zu halten, die in ein paar Wochen ihre Abiturprüfunugen beginnen. Ganz so wie es früher war. Aber was für ein Unterschied es tatsächlich ausmacht, merkt man erst, wenn man in die Räumlichkeiten tritt: Die Gänge sind leer, maximal fünf Kollegen im Lehrerzimmer, die für die Oberstufe vor Ort sind, die Klassenzimmer totenstill. Und im gesamten Schulhaus nicht mehr als 50 Schüler gleichzeitig. Der Unterricht selbst ist ganz anders geworden: Die Kurse sind auf maximal 15 Leute begrenzt, großartige Methodenwechsel wie Gruppen- oder Partnerarbeit sind tabu, ein Großteil der Leute trägt ohnehin Mundschutz, mit dem das Reden schwer fällt. Zu dumm, dass wir gerade mitten in Shakespeare stecken, der viel vom Vorlesen und Schauspielern lebt. But we soldier on. Das Kollegium sogar doppelt. Denn wir halten nach dem Ende unserer Doppelstunde noch einmal exakt dieselbe Stunde. Dieses Mal mit der zweiten Hälfte des Kurses. Bevor sich viele von uns wieder mit Mundschutz bewaffnet auf den Weg nach Hause machen, um die restlichen Klassen dort vor dem PC zu beschulen.

Diesbezüglich hat sich in den letzten Wochen echt ganz schön was getan: Fast zwei Drittel des Kollegiums haben wir zu zweit bei WebEx angemeldet, das wir mit Hilfe eines engagierten Schülervaters aufgesetzt haben. Knapp 500 Schüler haben sich parallel dazu dort registriert und nehmen am Online-Unterricht teil. Einmal in der Woche telefonieren zusätzlich Kollegen als so genannte Klassenkoordinatoren aus dem jeweiligen Klassenteam sämtliche Kinder einer Klasse ab, um nach dem Rechten zu fragen. Eine Mammut-Aufgabe, denn oftmals ist man in diesen Telefongesprächen mehr als „nur“ Lehrer. Im Schnitt dauert ein Gespräch ca. 15-20 Minuten. Rechnet man das auf eine ganze Klasse hoch, ist das eine Menge Zeit, die für die Kontaktpflege verwendet wird. Aber es ist notwendig… Und nicht das einzige, was für sie anfällt: Nebenher sammeln sie sämtliche Arbeitsaufträge der Fächer aus dem Klassenteam über Mebis und geben sie als eine Art Wochenplan an die ihnen zugewiesene Klasse aus. So weiß jeder Schüler, bis wann welcher Auftrag zu erledigen ist, wann die Videokonferenzen stattfindet, wann eine gewisse Deadline erreicht ist. Diese Maßnahme kommt durch die Bank gut an, gibt sie den Schülern doch einen Hauch von Struktur, den sie im Alltag so vemissen.

Natürlich gibt es nach wie vor kritische Stimmen. Stimmen, die mehr wollen. Mehr Online-Unterricht, mehr Materialien, mehr Kontrolle, mehr Anrufe, mehr Präsenz. Aber gleichzeitig gibt es auch die, die das exakte Gegenteil möchten. Und irgendwo zwischen den Extremen schwimmen wir derzeit. Und wir machen das Beste draus. Und das kommt zu einem Großteil gut an. Allen voran, bei denen, bei denen es am wichtigsten ist: den Kindern. Die erscheinen mir durch die Bank in allen Jahrgangstufen, in denen ich mit ihnen zu tun habe, die entspanntesten von allen. Vielleicht sollte man sich von ihnen eine Scheibe Gelassenheit abschneiden. Spätestens wenn ab nächster Woche auch die fünfte und sechste Klasse wieder zur Hälfte an Bord ist, werde ich sie brauchen.

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3 Comments

  • Hauptschulblues

    Meine Meinung ist, dass die Schulen, Kollegien und Lehrkräfte sehr viel machen in der Zeit der Seuche und sich großen Risiken aussetzen.
    Die kritischen fordernden Stimmen bitte ausblenden. Die Schulen brauchen mehr Ruhe denn je, um nicht aus dem Takt zu geraten, den sie gerade haben.
    Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum sich die vorgesetzten Stellen einmal ausnahmsweise mehr zurückhalten.

    • herrmess

      Empfindest du das so? Wir bekommen gefühlt alle zwei Tage eine neue Richtlinie über ein KMS importiert. Aber letztlich sind wir alle froh, dass langsam wieder ein bisschen so etwas wie Alltag einkehrt.

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