• Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Von gewichtigem Schabernack

    „Discipulaeque“ wird mir aus der zweiten Reihe zugeflüstert, als wir zu Stundenbeginn in der achten Klasse aufstehen um uns zu begrüßen. Ich bedanke mich bei meiner Sufleuse für den Hinweis mit einem kundigen Nicken. Fast hätte ich es vergessen: Der Chauvinismus der lateinischen Sprache hat in der letzten Stunde für ordentlich Empörung gesorgt. Denn Gruppen, in denen Männer anwesend sind, sind für die Römer per se maskulin. Daher sind mit meinem üblichen „Salvete, discipuli!“ traditionell auch Schülerinnen gemeint – muffige Konventionen, auf die die 8B pfeift. Die Damenschaft beharrt auf ihrer namentlichen Nennung beim täglichen „Guten Morgen“ – und dank meiner Einsagerin aus der zweiten Reihe soll die heute auch bekommen. Ich hole tief Luft und überschütte die Schülerinnen zum Gruß mit einer Lithanei an Superlativen. „Salvete, discipulae maximae, optimae, pulcherrimae, doctissimae, candidissimae, sapientissimae!“ Die Damenwelt ist begeistert.

    Von solch kleinen Taten des Wahnsinns sind meine Unterrichtsstunden derzeit geradezu gepflastert: Ich reime in der Neunten die Ankündigung der Hausaufgabe – auf Wunsch auch spontan zur Melodie bekannter Kinder- und Volkslieder. Ich referiere den Rest der Stunde im Sprachduktus von Marcel Reich-Ranicki, als im Unterricht der Name fällt. Mein Wiederholungsprogramm in der siebten Klasse trägt seit Tagen die Überschrift „alte Hüte“ – und auf jedem Arbeitsblatt wird der Protagonist unserer Lektion von mir mit einer neuen Kopfbedeckung chaperoniert: Mal ein Stetson, mal eine Schirmmütze, ein Bowler Hat, ein Fascinator. Jede Stunde ein neuer (alter) Hut.

    Ich liebe so Schabernack. Aber in der Regel setze ich ihn dosiert ein, um nicht meinen Unterricht zu sabotieren. Nicht so in diesem Jahr. Fast ist es ein bisschen so, als bräuchte ich das. Der Unsinn mit System bringt uns zum Lachen. Die Insider-Jokes verbinden. Und sie erden. Vor allem mich.

    Denn das Schuljahr läuft nicht so wirklich rund. Zwar verspricht das Kultusministerium ein Jahr in größtmöglicher Normalität. Die ist aber nach wie vor nicht gegeben. Lernrückstände sind aufzuholen. Zusätzliche Leistungserhebungen zu konzipieren und anzuhalten. Nebenher laufen die ersten Vorbereitungen für Schulaufgaben und Tests. Bei den Lehrerdienstgeräten ist noch ordentlich Sand im Getriebe. Und die Fünftklässler müssen nach 1,5 Jahren Corona-Unterricht tatsächlich wieder den Umgang miteinander lernen. Dazu kommt die Ausbildung der Medienwarte, Elternabende im wöchentlichen Turnus, Termine mit dem Baureferat wegen der technischen Ausstattung in unserem frisch sanierten Altbau. Es ist die Summe aller Dinge. Und da ist Unterricht – obschon mein eigentliches Kerngeschäft – im Moment fast schon zur Fußnote degradiert. Wie ich mich freue, wenn das wieder in den Vordergrund rückt, und ich täglich das machen kann, was ich seit Jahren praktiziere: Unterricht abhalten – mein liebgewonnener alter Hut! So wie diese hier zum Beispiel:

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  • Alltag,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Rätselhafte Zungen am Rathaus zu Pasing

    Man muss schon mit offenen Augen durch den Münchner Stadtteil Pasing laufen, um dieses lateinische Zitat auch wirklich zu finden. Aber da hängt es, knapp vier Meter über dem Boden in schimmerndem Lettern am Pasinger Rathaus. Als Überbleibsel des Kunst Projektes „Pasing by“ aus dem Jahr 2015, das schon damals in vielerlei Hinsicht für Ärger gesorgt hat. Insofern ist der Spruch geradezu prophetisch.

    Oportet ut scandala eveniant.

    Die Süddeutsche Zeitung übersetzt den Spruch mit „Es muss ja Ärgernis kommen“.

    Häh?

    Aber was soll das Ganze? Ein Blick ins Neue Testament, dem der Spruch vermeintlich entnommen ist (dazu später mehr), möge helfen. In Matthäus 18 kommen die Jünger zusammen, um Jesus danach zu fragen, wer der Größte im Himmelreich sei. Dessen Antwort fällt klar aus: Die, die wie Kinder sind.

    (18.6) Qui autem scandalizaverit unum de pusillis istis, qui in me credunt, expedit ei, ut suspendatur mola asinaria in collo eius et demergatur in profundum maris (18.7) Vae mundo ab scandalis! Necesse est enim ut veniant scandala. Verumtamen vae homini, per quem scandalum venit. (18.8) Si autem manus tua vel pes tuus scandalizat te abscide eum et proice abs te. Bonum tibi est ad vitam ingredi debilem vel clodum quam duas manus vel duos pedes habentem mitti in ignem aeternum.

    Übersetzung:

    (18.6) Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, verführt, für den ist es besser, dass man ihm einen Mühlstein an den Hals hängt und ihn in der Tiefe der Meeres versenkt. (18.7) Wehe der Welt wegen der Verlockungen! Dass sie kommen, ist nämlich notwendig. Aber wehe dem Menschen, durch den eine (solche) Verlockung passiert. (18.8) Wenn aber deine Hand oder dein Fuß verführt, so schneide sie ab und wirf sie weg von dir! Für dich ist es gut, schwach oder verkrüppelt zum Leben zu schreiten, als im Besitz von zwei Händen oder zwei Füßen ins ewige Feuer geschickt zu werden.

    Man sieht allein an diesen paar Zeilen, wie unangenehm moderne Übersetzungen von lateinischen Texten ins Deutsche sein können, wenn man den Kontext nicht kennt. Noch dazu, wenn der lateinische Text per se schon eine Übersetzung aus dem Griechischen ist – und auch noch griechische Lehnwörter enthält, die eine genaue Entsprechung zusätzlich erschweren. Das Wörtchen Skandalon kann nämlich vom Kontext abhängig unterschiedlich wiedergegeben werden. Laut Gemoll bedeutet wird der Ausdruck gerne moralisch gedeutet und als Lockung oder Lust übersetzt. In anderen Texten hingegen passt Falle, Anstoß oder Ärgernis besser. Diese Unterscheidung funktioniert hier ganz gut: Im Bibeltext ist der Ausdruck moralisch gemeint. Es geht die Verlockung und die Verführung in der Welt, die entweder von sich aus oder durch Menschen geschehen. Letzteres ist vermeidbar und zu verurteilen. Ersteres passiert. Nun gut, aber was hat dieser Spruch am Pasinger Rathaus zu suchen? Dass ein öffentliches Gebäude die Unabdingbarkeit von Verführungen eingesteht, und damit der moralischen Bedeutung von skandalon folgt, die im Bibelvers absolut nachvollziehbar ist, ist fraglich. Sinnvoller scheint da die zweite Bedeutung des Wortes zu sein, das in der Lutherbibel immer gerne mit ergerniss übersetzt wird. Insofern passt die Übersetzung „Es gehört dazu, dass Aufreger passieren“ deutlich besser. Denn die entstehen tatsächlich ohne Zutun. Reibungsfläche gibt es mehr als genug, wie man ja auch an Pasing By gesehen hat.

    Mehr müssen müssen

    Auch der Altphilologe ist aus dem Häuschen. Denn wie man schon an der Originalstelle sehen kann, ist der Spruch hier – wenn überhaupt – eine Annäherung an die Bibelstelle aus dem Matthäus-Testament. Der Spruch kommt in diesem Wortlaut nämlich überhaupt nicht vor.  Dort findet sich lediglich der Satz Necesse est enim ut veniant scandala, der hier synonym zu dem in Pasing hängenden Oportet ut scandala eveniant gebraucht wird, sodass oportet wie auch necesse est gerne beide mit müssen übersetzt werden (so wie es ja auch die SZ tut). So richtig passen will das aber nicht. Zwar können die Ausdrücke oportet und necesse est müssen bedeuten. Aber dieses Müssen geht semantisch jeweils in unterschiedliche Richtungen. Necesse est für mich eher eine logische Notwendigkeit beschreibt, die aus einer Situation heraus entsteht – das entspricht auch ziemlich gut dem Ausdruck im griechischen Original, das mit den unpersönlichen Ausdruck anagkh gar (Akzente bitte dazu denken) dasselbe bedeutet. Anagke ist sogar als Gottheit der Zwangläufigkeit bekannt. Das im Spruch gewählte oportet hingegen beschreibt eher ein Müssen aus der gesellschaftlichen Notwendigkeit oder Gepflogenheiten heraus zu begründen. Daher wären für mich die Sätze necesse est cives parere und oportet cives parere definitiv nicht dasselbe. Zwar könnte man beide Male „Die Bürger müssen gehorchen“ übersetzen. Aber in beiden Sätzen wäre dieses Müssen anders begründet.

    Necesse est cives parere wäre ein Satz, der angesichts einer Gefahrensituation höchste Aufmerksamkeit der Bürger einfodert. Oportet cives parere wäre für mich eher eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Das Gehorchen als etwas, das man von den Bürgern erwartet, nicht etwas, das die Situation bedingt. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

    Das ist ähnlich wie im Englischen mit must und have to. Beide haben Übereinstimmungspunkte, sie sind aber partout nicht deckungsgleich. Vielleicht schießt der Altphilologe allerdings da über das Ziel etwas hinaus. Denn bei Bibellatein haben wir es nicht mehr mit dem zu tun, was wir als klassisches Latein bezeichnen, auf dem sämtliche unserer Grammatiken und Schulbücher aufbauen. Die lateinische Version, die wir hier vom neuen Testament vorliegen haben, stammt aus der Vulgata, die auf das 3. Jahrhundert nach Christus datiert ist. Da war Latein schon längst lingua franca und unter Muttersprachlern wie auch barbari weit verbreitet, sodass die Grenzen zwischen dem, was sprachlich sagbar ist und was nicht, zunehmend verschwammen. Man merkt das alleine schon, an dem ut-Satz, der in beiden Zitaten nach dem Hauptsatz folgt. Denn klassisch würde an diese beiden unpersönlichen Ausdrücke ein AcI folgen. Wer hier schon schludert, dem ist es auch egal, dass ein Müssen ein anderes Müssen sein muss.

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  • Latein,  Unterricht

    Lateinlektüren meiner Schulzeit

    Das war mal wieder ein toller Einfall von Herrn Rau. In einem langen Blogartikel hat er sämtliche Deutschlektüren Revue passieren lassen, die er damals als Schüler im Unterricht vorgesetzt bekam – für seine Leser ein willkommener Anlass in zahllosen Kommentaren selbiges zu tun. Dazu gehörte auch ich. Allerdings erschreckte es mich dann doch, wie wenig ich eigentlich noch über die Lektüren aus dem Deutschunterricht im Kopf behalten habe. Bei jedem der aufgelisteten Titel konnte ich mich genau an das Cover des Buches erinnern oder an das Schriftbild. Aber Inhalt? Mehr als ein ein Gefühl, das ich damit verband, hatte ich meistens nicht parat. Vielleicht lag das daran, dass ich als Schüler ein ausgesprochener Lesemuffel gewesen bin und mit vielen der Lektüren wenig anfangen konnte. War das in Latein anders? Mal schauen… Daher will ich den Spuren von Herrn Rau folgen und kurz meine Lateinlektüren der Schulzeit etwas genauer beäugen.

    Neunte Klasse

    Die neunte Klasse begann mit einem DER Klassiker. Der gallische Krieg von Julius Caesar stand auf dem Programm, und wenn ich mich recht erinnere, sogar ziemlich lange: Fast ein dreiviertel Jahr lasen wir in dem Schinken! Ohne irgendeine Heranführung an Inhalt und Werk ging es gleich in der ersten Stunde los. Wir hatten keine Ahnung über das literarische Genre, über die Zeitgeschichte oder gar die verschiedenen Stämme, die ständig in Erscheinung traten. Offensichtlich war unsere Lehrerin damals überzeugt davon, dass sich das alles mit der Zeit von selbst erschließen würde. Immerhin ist das Werk ja ein Tatenbericht, in dem einem unwissenden Leser fein säuberlich alles dargelegt und erklärt wird. Aber so richtig verstanden haben wir das nicht. Zumindest ich nicht. Ständig kamen neue Stämme hinzu: Die Sueben, die Helvetier, die Haeduer, Germanen, Römer, Gallier. Und alle gaben sich eins auf die Nuss. All das war verpackt in diesen typischen Caesar-Schreibstil, der komplett anders war als alles, was wir in der Spracherwerbsphase der vorherigen Schuljahre übersetzt hatte. Folglich hat man ganz schön lange gebraucht, da hineinzukommen.
    Aus heutiger Sicht ist es so ein Unterricht, wie wir ihn damals erlebt haben, heute kaum noch denkbar (aber bestimmt noch irgendwo so praktiziert). Cäsar ist mittlerweile einer von knapp 6 – 7 Autoren, die im Laufe der neunten Klasse neben Ovid, Catull, Phädrus, Nepos sowie eine Handvoll mittellateinischer Autoren behandelt werden müssen. Folglich bleibt für Caesar deutlich weniger Zeit als damals. Das Phänomen des Lektüreschocks wird dadurch leider nicht wirklich besser. Im Gegenteil. Für viele ist bis heute Cäsar der Autor, bei dem einige definitiv das Handtuch werfen.
    Als dann nach 9 Monaten zum ersten Mal Phädrus‘ Fabeln auf dem Plan standen, atmeten wir als Klasse deutlich auf. Die kleinen Geschichten rund um Rabe und Fuchs, die uns oft aus dem Deutschunterricht bekannt waren, ließen sich deutlich einfacher übersetzen und waren narratologisch simpel gehalten.Daher habe ich an Phädrus eigentlich ganz gute Erinnerungen. Hätte unsere Lehrerin damals mit Phädrus angefangen, hätten wir in die Autorenlektüre den definitiv einfacheren Start gehabt.

    Zehnte Klasse

    In der zehnten Klasse standen auch zwei literarische Schwergewichte auf dem Programm. Los ging es mit Cicero und den beiden Reden gegen Verres und Catilina. Anders als in der neunten Klasse begann unser Lehrer, der später auch mein Leistungskursleiter werden würde, mit einem historischen Vorbau und ließ uns an einem kurzen Abriss der römischen Geschichte bis in die Zeit Ciceros teilhaben. Für uns oder besonders für mich als der Klasse sehr erschreckend, weil wir merkten, dass wir nach mittlerweile fünf Jahren Lateinunterricht eigentlich so gut wie nichts über römische Geschichte und ihre Gesellschaft wussten. Das unterstreich noch einmal ganz deutlich, wie wichtig es ist, im Lateinunterricht regelmäßig innezuhalten, um noch mal alles im historischen Diskurs zu verorten. Je öfter desto besser. Folglich konnten wir als Klasse damals den Reden Ciceros deutlich besser folgen als in der 9. Klasse Caesar. Noch dazu sind die Themen Korruption und Staatsputsch in der heutigen Zeit wieder so relevant wie eh und je. Insofern kann man hier als Lehrer bis heute aus dem Vollen schöpfen.
    Ovids Metamorphosen begleiteten uns dann im 2. Halbjahr für fast 5 Monate; eine große Zeitspanne, in der wir uns voll und ganz auf das metrische Lesen und die Dichtersprache Ovids konzentrieren konnten. Und das war auch bitter nötig. Mit Ovid haben Schüler bis heute große Probleme. Und das so sehr, dass er in vielen Bundesländern oft nur noch kursorisch gelesen wird. Jemanden einen solchen Text in einer Schulaufgabe zur Benotung vorzulegen grenzt für viele an Sadismus. Dabei ist das alles kein großes Problem, wenn man seine Formen parat hat. Ohne das Wissen über Kasusendungen ist man natürlich hoffnungslos verloren. Aber das gehört nun mal genau zu Latein wie das Einmaleins in Mathematik…
    Ovid fand ich trotz des knackigen Schwierigkeitsgrades immer sehr interessant. Als Klasse wurde uns genug Zeit gelassen, sich auf den Stil einzustimmen und sich einen roten Faden zu erlesen, der sich durch das komplette Werk zieht.  So etwas ist in der jetzigen 10. Klasse, in der Latein als dreistündiges Fach behandelt wird, leider schwer zu leisten. Stattdessen hetzt man von Highlight zu Highlight: Zu Apollo und Daphne, zu den lykischen Bauern, zu Philemon und Baukis, Lykaon, Pyramus und Thisbe oder die Augustus-Prophezeiung. Dabei lässt dabei oftmals völlig unter den Tisch fallen, dass alle diese Episoden kunstvoll miteinander verwoben sind. Und das 15 Bücher lang, in mehr als 225 Sagen mit mehr als 13.000 Versen, die einen in sich schlüssigen und zusammenhängenden Text ergeben. Damit fällt häufig – auch bei mir – eine große künstlerische Dimension unter den Tisch, die ich erst im Studium so richtig begriffen habe.

    Elfte Klasse

    Die 11. Klasse begann mit einem Autor, der aus dem aktuellen Lehrplan des achtjährigen Gymnasiums gänzlich verschwunden ist. Nämlich Tacitus. Heute ist der Autor aufgrund seines Schwierigkeitsgrades in aus der Schule in der Schule verbannt und an der Universität gefürchtet. Dabei ist seine Germania  für uns Deutsche eigentlich ein tolles Zeitdokument. Die Maske, durch die der Autor Aussehen und Gepflogenheiten der Germanen beschreibt, sind gut zu übersetzen, spannend und werfen die Frage auf, wie viel davon tatsächlich wahr und belegt ist. Oder zeichnet das Werk einfach nur das Bild von einer zivilisatorisch unterlegenen Gemeinschaft, das vor Klischees und Stereotypen nur so strotzt. Fake News gab es ja schon damals. Aber fallen wir mehr auf sie rein, wenn sie aus einer zeitlichen Distanz von 2000 Jahren später betrachten?
    Im zweiten Halbjahr schwenkten wir dann zu Vergil, der später auch wieder im Leistungskurs eine große Rolle spielen würde. Aus diesem Grunde bewegten wir uns auch nur im ersten Buch der Aeneis und beschränkten uns ausschließlich auf das diegetische Geschehen des Epos, ohne die national-römischen Tendenzen und die Propagandawirkung zu betrachten. Unvergessen bleibt der Augenblick, in dem unser Lateinlehrer, ein glühender Verehrer des Dichters, eine komplette Unterrichtsstunde darauf verwandte, um das erste Buch der Aeneis wortwörtlich wiederzugeben. Aus dem Kopf auswendig ohne irgendeine Zuhilfenahme.
    Das Ende des Schuljahres war dann mit kleinen Fiesheiten aus Epigrammen des Martial und Catull geschmückt. Anders als in der neunten Klasse Phaedrus, galt es nun mit Versmaß und den teils recht anspruchsvollen Zweizeilern umzugehen. Jeder in der Klasse bekam daher ein Epigramm, das er auswendig vortragen, übersetzen und mit einem möglichst geistreichen Titel überschreiben sollte. Ich kann mich noch gut  an dieses getippte Schreibmaschinenblatt erinnern, auf dem knapp 60 Epigramme von unserem Lehrer fein säuberlich abgetippt wurden. Ich hatte damals das mit Thais und ihren verfaulten Zähnen.

    Zwölfte Klasse

    Die zwölfte Klasse begann mit Petrons Satyricon und eröffnete mir mit der Cena Trimalchionis eine ganz neue Welt in der lateinischen Literatur. Die Art und Weise, wie teilweise gänzlich unverblümt von den Protagonisten untereinander geschimpft und gelästert wurde, war für mich eine völlig neue Erfahrung. Der Autor sollte daher sowohl in meiner Facharbeit eine große Rolle spielen als auch in meinem Staatsexamen, wo er für die literaturwissenschaftliche Übersetzungsprüfung mein zweiter Hauptautor werden würde. Natürlich konnte man einen Roman dieses Formats nur zu einem gewissen Teil in der Oberstufe lesen. Die richtig saftigen Passagen bekam ich erst Jahre später im Studium um die Ohren geknallt. Die verfehlten aber auch dann mit knackigen 20 Jahren nicht ihre Wirkung…
    Der gute Horaz und seine Werke standen dort als thematischer Gegenpol zu den doch recht derben Themen des Satyricon. Oden, Epoden, Satiren – alles war dabei. Inklusive einer gehörigen Portion Frust. Ein Großteil seiner Werke war ohne ständige Erläuterungen und zusätzliche Kommentare nicht zu bewältigen. Entsprechend ist der Dichter heutzutage in der Oberstufe eingedost. Mehr als die Schwätzersatire wird in der Regel kaum noch gelesen. Dabei haben seine Werke durchaus ihren Reiz. So richtig erschließen sollen sich die teils doch recht kryptischen Verse übrigens erst, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Vielleicht wäre jetzt dazu der Zeitpunkt gekommen.
    Zum Schluss des Jahres stand noch das Thema der Staatsphilosophie auf dem Programm. De re publica von Cicero verlangte mir damals einiges ab. Nicht sprachlich, denn der Text war an sich gut strukturiert und leicht zu verstehen. Aber das Thema an sich war für mich eine Herausforderung. Als Schüler, der noch nicht einmal die Volljährigkeit erreicht hatte, waren Bereiche wie Staatskreisläufe, Entartungen und Mischverfassungen schon harter Tobak. Dazu kamen ständige Rückbezüge auf altgriechische Vorbilder, die wir als Kurs nicht parat hatten. Ständig erschienen die Prätexte von Platon oder Archimedes durch, aus denen sich Cicero fleißig bedient hat. Erst zum Abitur hin bekam ich ich bei der Wiederholung des Themas endlich sinnvoll zu verstehen. Heute als Lehrer lese ich den Text wirklich sehr gerne. Er bietet auch heute noch viel Diskussions- und Zündmaterial, um aktuelles politisches Geschehen mit diesen Theorien zu vergleichen. Oft mit erstaunlich akkuraten Ergebnissen

    Dreizehnte Klasse

    Für das letzte Jahr wartete der Lektüreunterricht dann mit Livius und seinem Werk ab urbe condita auf. Damit waren wir mittendrin in der faszinierenden Propagandamaschinerie des Augustus, der sich damals die literarische Elite geschickt zunutze machte, um sein politisches Programm durchzusetzen. Das wurde auch in der Aeneis deutlich, aus der wir die drei berühmten Prophezeiungsepisoden übersetzten, in denen von mythologisch höchst bedeutsamen Persönlichkeiten eine Zukunft vorausgesagt wurde, in der Kaiser Augustus als göttlich legitimierter Kaiser beschrieben wird.  Zusammen mit Ausflügen in das Bauprogramm des Prinzeps erschloss sich so die komplette Tragweite eines politischen Apparates, der sich darauf verstand, seine uneingeschränkte Macht so zu präsentieren, dass keiner der Untergebenen Anstoß daran nahm. Nicht einmal die politischen Organe, die faktisch nutzlos geworden waren und nur noch auf dem Papier bestanden.
    Den Abschluss meiner Lateinkarriere bildete das Thema der Philosophie, das heute in die zehnte und elfte Klasse verschoben ist (übrigens viel zu früh, wie ich meine). Im alten Lehrplan machte das Thema an dieser Stelle tatsächlich Sinn. Immerhin befanden wir uns mit dem dräuenden Abitur am Ende unserer Schulkarriere und damit an einem gewissen Scheideweg. Da waren ein paar Tipps und Tricks zum Thema Lebensführung gar nicht so verkehrt. Daher habe ich die Epistulae morales von Seneca oder aber auch Ciceros de natura deorum sehr gerne gelesen. Vor allem letzteres öffnete noch einmal die Augen, wie Römer und Philosophen einen Götterapparat im Staat empfinden. Auch das Thema der Gottesexistenz und seiner Berechtigung fand ich richtig spannend.
    Wow, das ist jetzt aber ein ganz schönes Blog-Monster geworden. Ihr seid hoffentlich nicht weggepennt 😁
    Bis heute in meiner Bibliothek: Meine alten Lateinlektüren
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  • Latein,  Technik,  Unterricht

    H5P Olé – Folge 13: Find the Words

    Find the Words geht in eine ähnliche Richtung wie Mark the Words – nur eine Spur verspielter: Auf einem quadratisch angelegten Spielfeld, das aus zufällig zusammengewürfelten Buchstaben besteht, gilt es, vorgegebene Wörter herauszusuchen und mit der Maus zu markieren. Wir haben es hier also mit einer klassischen Wörtersuche zu tun, die sich prima im Sprachunterricht nutzen lässt – für die Vokabelarbeit zum Beispiel:

    Wie wird’s gemacht?

    In den Grundeinstellungen finden wir zu Beginn unsere typischen Verdächtigen, die es auszufüllen gilt: Unter Titel wird die Aktivität wie üblich benannt und mit Task Description mit einem Arbeitsauftrag versehen. In unserem Fall soll eine semantisch zusammengehörige Gruppe an Vokabeln aus dem Wörterdschungel herausgefischt werden. Welche das sind, wird per Komma getrennt im Feld Word List eingetragen. Damit haben wir den Großteil der Arbeit eigentlich schon erledigt und die Aktivität wäre schon problemlos nutzbar. Die folgenden Einstellungen, die sich im Menü abcdefghijklmnopqrstuvwxyz verbergen, dienen nur zum Finetuning, beinhalten aber ein paar fabelhafte Möglichkeiten, um den Schwierigkeitsgrad entsprechend nach oben zu schrauben.

    Die Feineinstellungen bieten eine Fülle an Möglichkeiten zur (Binnen-)Differenzierung.

    Unter Orientations lässt sich die Suchrichtung vorgeben, in der nach den Wörtern gestöbert werden soll. Will man es der Lerngruppe leicht machen, beschränkt man sich hierbei lediglich auf Grundleserichtungen wie von links nach rechts (Horizontal left to right) und von oben nach unten (Vertical downwards). Für Lerngruppen, die gerade mit dem Sprach- oder Leseerwerb angefangen haben oder Leseschwierigkeiten aufweisen, bestimmt die sinnvollste Einstellung, um Fehler und Frust abzufangen. Für höhere Lerngruppen kann man hier hingegen in die Vollen gehen und sämtliche Leserichtungen anklicken, um den Schwierigkeitsgrad ordentlich nach oben zu schrauben. Vorwärts, rückwärts, diagonal – alles ist möglich.

    Darunter findet sich im Menü Vertical downwards ein Textfeld, in dem die Buchstaben einzugeben sind, mit denen die Lücken zwischen den Wörtern aufgefüllt werden sollen. Auch das kann man sich gut zur Differenzierung zunutze machen, indem man die Auswahl auf gewisse Buchstaben begrenzt – entweder um den Schwierigkeitsgrad etwas zu entschärfen oder in ganz jungen Gruppen die Kinder nicht mit Buchstaben zu frustrieren, die sie noch gar nicht kennen. In der Abbildung unten ist im Feld Vertical downwards zum Beispiel nur der Buchstabe Ä statt des kompletten Alphabetes eingegeben. Folglich sieht das Suchfeld nun komplett anders aus:

    Unter lauter Äs sind die Vokabeln schnell gefunden…

     

    Um die Suche noch etwas interessanter zu gestalten, findet sich die Option Prefer Overlap direkt darunter. Ist sie aktiviert, können sich die Lösungswörter überlappen, wie man es aus den klassischen Kreuzworträtseln und Wörtersuchen kennt. Bei entsprechender Deaktivierung steht jedes Wort für sich und kommt dem anderen nicht in die Quere.

    Als Letztes bliebe noch die Einstellung Show Vocabulary. Sie gibt den Lernenden die Wörter vor, die sie aus dem Wortfeld heraussuchen müssen. Wer hier am Schwierigkeitsgrad schrauben will, deaktiviert das Kästchen einfach, sodass die Aufzählung verschwindet, und man ohne Vorgabe auf die Suche gehen muss. Jetzt hat die Lerngruppe lediglich nur noch die Anweisung des Sachfeldes aus der Task Description, die ihnen eine gewisse Stoßrichtung für die Suche vorgibt – für mich eine der effektivsten Möglichkeiten, im Fremdsprachenunterricht auch noch eine entsprechende Übersetzungsleistung einzufordern; noch dazu, wo derartige Fragestellungen tatsächlich auch im Lateinabitur regelmäßig auftauchen.

    Ohne die vorgegebene Wörterliste an der rechten Seite wird die Suche deutlich schwieriger…

    Wie die Aktivität von hier zu den Schülern kommt, lest ihr hier.
    Wenn ihr weitere Ideen für die Aktivität habt, schreibt mir in den Kommentaren.

    Und schon geht’s weiter mit Aktivität 14.

     

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  • Allgemeines,  Alltag,  Unterricht

    Corona-Tests in der Schule

    Leuchtende Augen in der siebten Klasse heute vor dem ersten Corona-Test im gemeinschaftlichen Klassenzimmer. Dabei sahen meine Schützlinge vor ein paar Minuten noch ganz anders aus. Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube waren viele heute in die Schule gekommen. Die Angst vor dem Ungewissen griff um sich: Wie genau funktioniert so ein Test? Was ist diese Pufferlösung? Wie tief soll dieses Stäbchen in die Nase? Oder muss man einen Abstrich machen? Was, wenn ich beim Test niesen muss? Oder husten? Oder gar erbrechen?
    Als Lehrer tut man in solchen Situationen wie immer das, was man in der Ausbildung gelernt hat: Ruhe verströmen, Sprechgeschwindigkeit drosseln, Wohlfühlstimme auflegen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Deswegen folgen auch Handgriffe, die man nicht so regelmäßig durchführt: Latexhandschuhe überstreifen zum Beispiel. Oder großzügig Desinfektionsspray auf den Handflächen der Kinder verteilen. Oder wortlos ein Erklärvideo abspielen, das von den Herstellern unseres Corona-Kits erstellt wurde. Dort wird in klaren, verständlichen Bildern erzählt, wie so ein Test vor sich geht. Nüchtern, unaufgeregt – und für Kinder vermutlich völlig abschreckend, eben WEIL es mit kühlen Worten den Eindruck vermittelt, als sei es das Normalste auf der Welt, sich einen Wattebausch in die unerforschten Tiefen seiner Nüstern einzuführen. Aber ich habe eine Geheimwaffe. Denn völlig aus dem Nichts hat das Kultusministerium Bayern auf seinem Youtube-Kanal ein Erklärvideo zum Testvorgehen veröffentlicht, die deutlich kindgerechter daherkommt. Der Experte darin ist den Kindern wohl bekannt: Es ist das Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste, das als Arzt verkleidet im breitesten Augsburg-Schwäbisch den jungen Zuschauern den Ablauf des Tests erklärt und mit seinem Probanden Erwin dem Erdmännchen durch die einzelnen Schritte führt – eine zuckersüße Alternative zu dem bierernsten Instruktionsvideo unseres Corona-Tests, die ich vorsichtig der Klasse als Alternative anbiete. Könnte ja auch schiefgehen, immerhin sind die Kiddies mitten in der Pubertät und finden die Augsburger Puppenkiste mit 13 Jahren vielleicht albern.

    Dieses Video ansehen auf YouTube.
    Die Verbindung zu YouTube wird erst bei einem Klick auf den Screenshot hergestellt.

    Weit gefehlt: Die Angst ist den Kindern auf einmal komplett aus dem Gewicht gewichen. Selbst durch die Mund-Nasenschutzbedenkungen kann ich das Grinsen aller Beteiligten deutlich erkennen. Die Wahl ist also getroffen, und so gehen wir unerschrocken ans Werk – und tauschen hinterher Kindheitserinnerungen über die Augsburger Puppenkiste aus, bevor wir uns wieder mit lateinischen Partizipien befassen. Sie erzählen mir von Jim Knopf und dem Urmel aus dem Eis, den einige vor Jahren dort gesehen haben. Und ich erzähle vom Schlupp vom grünen Stern. Und auf einmal fühlt sich diese Stunde fast schon wieder wie eine reguläre an: Ein bisschen Smalltalk, ein bisschen Quatsch, gefolgt vom erforderlichen Tagwerk. Und alles, was es braucht, ist eine Marionette, die uns das Einführen eines Wattestäbchens als Popeln deluxe verkauft.

    Danke, Dr. Käschperle!
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  • Technik,  Unterricht

    H5P Olé – Folge 11: Summary

    Die Aktivität Summary ist uns schon bei der Virtual Tour über den Weg gelaufen, wo man sie unter einer der in einem 360-Grad-Bild als möglichen Aktivitäten auswählbar war. Aber gottlob, es gibt sie auch in freilaufender Wildbahn. Das Prinzip bleibt aber dasselbe: Aus mehreren Aussagebündeln muss jeweils die richtige Antwort herausgefunden und angeklickt werden, bis am Ende sämtliche korrekte Aussagen einen sinnhaften Fließtext ergeben. So ein Vorgehen ist prima, um das Leseverständnis zu prüfen. Zum Beispiel beim Plot von Ovids Pyramus und Thisbe:

     

    Wie wird’s gemacht?

    Sobald die Aktivität Summary angeklickt ist, treffen wir in ein Optionsmenü auf viele alte Bekannte:

    In der Maske gibt man unter Titel eine sinnhafte Überschrift, unter Aufgabenbeschreibung eine entsprechende Anweisung an die Klasse an. In der Rubrik Zusammenfassung landen nun die Aussagen, aus denen die Schüler jeweils die richtige auswählen müssen. Dies kann man entweder im Reiter Eingabemaske oder unter Ins Textfeld eingeben erledigen. Ich habe mir letzteres angewöhnt, weil man auf diese Weise jede Menge Klicks sparen kann, die in der Eingabemaske erforderlich wären. Hier trägt man nämlich einfach seine Aussagebündel ein, die aus einem richtigen und mehreren falschen Statements ein, wobei die richtige Aussage jeweils in der ersten Zeile stehen muss. Will man ein neues Bündel kreieren, fügt man einfach eine Leerzeile ein und startet wieder von vorne. Die korrekte Aussage steht hierbei wieder oben, die falschen Statements folgen direkt darunter. Durch die Leerzeile versteht H5P später, dass hier zwei Stapel an Aussagen zu generieren sind. Das sieht in der Pyramus-Aufgabe folgendermaßen aus:

    Sobald die Summary gestartet wird, werden die Aussagen innerhalb der Fragebündel durcheinander gemischt und neu angeordnet, damit man die Reihenfolge nicht auswendig lernen kann. H5P weiß natürlich nach wie vor, welche der Aussagen die richtige ist – die steht ja im Textfeld nach wie vor an erster Stelle.

    Und damit sich’s aber auch schon. Wie immer lassen sich unter den Bewertungen (siehe Unterkapitel „Und? Wie war ich?) kleine Mini-Feedbacks hinterlegen. Aber dieser Schritt ist nur fakultativ.

    Wie die Aktivität von hier zu den Schülern kommt, lest ihr hier.
    Wenn ihr weitere Ideen für die Aktivität hat, schreibt mir in den Kommentaren.

    Und schon geht’s weiter mit Aktivität 12.

     

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  • Latein,  Technik,  Unterricht

    H5P olé – Teil 8: Virtual Tour (360)

    Die Virtual Tour bei H5P habe ich als eine der ersten Apps der H5P-Software kennengelernt und fand sie von Anfang an recht schnieke. Wenn auch ein bisschen frustierend. Denn selbst erstellen war nicht. Ohne die entsprechende Technik geht Virtual Tour gar nichts. Eine 360-Grad-Kamera musste her. Und mit einem Samsung Smartphone fand sich auf die Schnelle sogar eine erstaunlich kostengünstige Lösung.

    Die Samsung Gear 360 liefert passable Aufnahmen.

    Für gerade mal 40€ bekam ich eine nicht mehr ganz so taufrische, aber für meine Zwecke völlig ausreichende Kamera, die per Bluetooth wunderbar mit dem Smartphone kommuniziert und bei entsprechender Beleuchtung ganz gute 360 Grad-Bilder zaubert. Diese lassen sich dann problemlos in H5P einbinden. Zum Beispiel so:

     

    Wie geht’s?

    Aber dabei bleibt es nicht.
    Ähnlich wie bei Find Multiple Hotspots lassen sich in den 360-Aufnahmen verschiedene Infopunkte anbringen, in denen sich verschiedene Medieninformationen verstecken lassen. Das geht mit der beinhalteten Maske blitzschnell:

    Mit den ersten vier Icons lassen sich wahlweise Text, Bilder, Audio-Dateien oder Videos im 3D-Bild platzieren. Die letzten beiden Icons sind die Aktivitäten Summary und Single Set, die in H5P auch als separate Aufgabentypen existieren und zwei Arten von Aktivitäten anbieten:
    Single Set (Aktivität rechts außen) ist eine recht einfache Aufgabe. In ihr werden die Lernenden mit mehreren Aussagen zu einem Thema (Definiert in Aufgabenbeschreibung) konfrontiert, aus denen sie die richtige Antwort herausfinden müssen. Summary erweitert diesen Typus und bietet mehrere dieser Aussagen hintereinander, aus denen mehrere richtige Antworten ermittelt werden müssen. Die oberste Aussage ist hierbei stets als die korrekte definiert. Die darauffolgenden Aussagen werden von H5P als falsch interpretiert:
    Die Maske zum Aufgaben-Typus „Summary“ in der Aktivität „Virtual Tour (360)“

    Wird die Aktivität Summary dann in der 3D Tour angeklickt, werden sämtliche Aussagen willkürlich durcheinander gewürfelt und müssen von den Lernenden als korrekt ermittelt werden. Diese erscheinen – bei richtiger Auswahl – untereinander und ergeben so eine Zusammenfassung. Auch ein Feedback ist möglich, wenn man eines wie hier beschrieben definiert hat:

    Die richtigen Antworten werden bei „Summary“ im Anschluss als Zusammenfassung dargestellt.
    Mit diesem fünf möglichen Arten der Interaktion lässt sich schon gut was anfangen. Wer noch ein bisschen mehr möchte, kann sich auf der Seite vom Zentrum für Unterrichtsmedien im Internet e. V. – kurz ZUM – eine erweiterte Version der Virtual Tour herunterladen und nutzen. Sie erweitert die bestehenden Interaktionsmöglichkeiten um weitere fünf Aktivitäten. Zu den meisten davon findet sich auf dem Blog bereits eine Anleitung:
    Zum Nutzen der zusätzlichen Funktionen müsst ihr euch auf der Seite von ZUM registrieren und habt dann Zugang zum H5P-Hub.
    Wie die Aktivität von hier zu den Schülern kommt, lest ihr hier.

    Wenn ihr weitere Ideen für die Aktivität hat, schreibt mir in den Kommentaren.

    Und schon geht’s weiter mit Aktivität 9.

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  • Prüfungen,  Unterricht

    Katzenjammer

    Ich hätte nie gedacht, eines Tages tatsächlich den berühmt-berüchtigten Cat Content ins Netz zu stellen, aber aktuell geht es leider nicht anders. Seit ich in meiner siebten Klasse habe fallen lassen, dass ich mit Katzen so gar nichts anfangen kann, ist meine siebte Klasse aktiv geworden und betreibt subversive Methoden einer klassischen Konversionstherapie. Ich soll ein Fan der Samtpföter werden. Und so bekomme ich von den Tierfreunden der Klasse unter jede Übung, unter jede Stegreifaufgabe, unter jede Schulaufgabe, die ich einsammle, ein Katzentier in allen Farben und Formen gemalt. Die schönsten Schnurrer präsentiere ich in der folgenden Slideshow. Mit großem Dank an die Künstler!

    Genau für solchen Schabernack liebe ich diesen Beruf. Vor allem in diesen Zeiten, wo draußen das Chaos herrscht, die Nachrichten voll von Corona-News und den aktuellen Inzidenzwerten von 211 (Stand 15.11.) sind, Whatsapp-Gruppen allenthalben alu-huten, und die Telefone nicht mehr stillstehen wegen Elternanfragen zu Distanzunterricht, MS Teams, Notenauskünften und Krisengesprächen. In diesen Stunden kann ich einfach das tun, wofür ich studiert habe und ausgebildet bin. 45 Minuten, in denen ich fokussiert arbeiten kann, ohne permanent von der Seite angesprochen und abgelenkt zu werden. In denen ich mit hochmotivierten Kindern arbeiten kann. Lachen kann. Blödeln kann. So wie diesen hier. Und wenn einer in diesen Zeiten das Lachen nicht verlernt hat, dann ist es diese Klasse. Einfach wow. Bzw. Miau 🙂

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  • Allgemeines,  Alltag,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Die Inschrift auf der Fassade der Münchener Rück

    Unmittelbar vor dem Eingang in den Englischen Garten thront der Hauptsitz der Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft: Ein imposanter Bau aus dem Klassizismus mit einem pompösen Vorhof und einem zauberhaften Garten, der leider hinter hohen Mauern und Gitterstäben den Passanten verwehrt ist. Ein Blickfang ist er aber allemal. Und zwar derart, dass man gerne alles andere an dem Gebäude vergisst. Zum Beispiel die Inschrift, die sich nur dem erschließt, der trotz der Schönheit auf dem Boden seinen Kopf auf der Höhe der Bushaltestelle Thiemestraße auch mal gen Himmel ragt.

    Die Inschrift an der Fassade der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft

    Das dortige lateinische Zitat labor omnia vincit ist auf vielen Gebäuden zu finden. Der Ursprung ist allerdings den wenigsten bekannt. Es stammt nämlich von keinem Geringeren als Vergil, dem legendären Autor der Aeneis. Der Ausspruch ist allerdings einem anderen Werk des römischen Nationaldichters entnommen, nämlich den Georgica. Und das ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert:
    Bei den Georgica handelt es sich nämlich um ein Lehrgedicht, das sich vordergründig dem Ackerbau und dem harten Leben der Bauern widmet. Mit einer Versicherungsgesellschaft hat das herzlich wenig zu tun. Aber das kann man der Inschrift nicht zum Vorwurf machen, wenn man sich ansieht, an was für Gebäuden und Wappen sich dieser legendäre Ausspruch sonst noch so findet.
    Interessant hierbei: Das Zitat ist in all diesen Inschriften nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen, sondern auch noch verkürzt bzw. falsch zitiert. Es fehlt dem Satz nämlich ein ganz wichtiger Zusatz, der Philologen seit Jahrhunderten beschäftigt. Schauen wir uns das mal genauer an:

    Der Ausspruch findet sich in Buch 1 der Georgica. Es ist der Moment, in dem Jupiter das goldene Zeitalter der Menschheit absichtlich beendet, in dem alles in Hülle und Fülle vorhanden war:

    Ante Iovem nulli subigebant arva coloni;       125

    ne signare quidem aut partiri limite campum

    fas erat: In medium quaerebant. Ipsaque tellus

    omnia liberius nullo poscente ferebat.

    Übersetzung:

    Vor Jupiter unterwarfen keine Bauern die Fluren.

    Und ein Feld mit einer Grenze abzutrennen oder gar zu markieren

    war Unrecht. Sie erwarben es zum allgemeinen Gebrauch. Und selbst die Erde

    brachte recht bereitwillig alles hervor, ohne dass es jemand forderte.

    „Schluss mit dem Luxus!“, sagt Jupiter. Der Mensch soll sich gefälligst quälen und abrackern. Und in der Not wird der Mensch erfinderisch.

    Tum laqueis captare feras et fallere visco

    inventum et magnos canibus circumdare saltus.

    Atque alius latum funda iam verberat amnem

    alta petens, pelagoque alius trahit umida lina.

    Tum ferri rigor atque argutae lammina serrae

    (nam primi cuneis scindebant fissile lignum),

    tum variae venere artes. Labor omnia vicit                145

    improbus et duris urgens in rebus egestas.

     

    Übersetzung:

    Darauf wurde die Fähigkeit erfunden mit Schlingen wilde Tiere zu fangen und mit Leim zu täuschen

    und große Waldstücke mit Hunden einzukesseln.

    Und hier peitscht der eine schon den breiten Strom des Flusses mit seinem Fangnetz

    und sucht damit die Tiefe ab, ein anderer zieht das nasse Tau aus dem Meer.

    Als nächstes kam die Härte des Eisens und die Blätter der kreischenden Säge

    (denn die ersten Menschen spalteten das splittrige Holz noch mit Keilen),

    dann weitere Fertigkeiten. Labor improbus

    hat alles besiegt ebenso wie die in schweren Zeiten drängende Not.

    Das kleine Wörtchen improbus will in diesem Zusammenhang so überhaupt nicht in seiner Ursprungsbedeutung hineinpassen. Generationen kennen das Adjektiv nämlich ausschließlich in der Bedeutung schlecht. Und dass schlechte Arbeit alle Widrigkeiten besiegt, will sich bestimmt niemand an seine Fassade stehen haben. Es muss ja irgendein Lohn hinter dieser Arbeit stecken, daher kann diese Ursprungsbedeutung hier nicht passen. Das bekriteln auch Generationen von Altphilologen und bieten für improbus verschiedene Bedeutungen an, die etwas positiver konnotiert sind: Der bekannte Stowasser erwähnt im Zusammenhang mit der Vergil-Stelle die Bedeutung übermäßig oder anhaltend, der Georges in Frakturschrift rastlos. Niklas Holzberg spricht in seinem Buch über Vergil (Holzberg 2006, 102f.) Richard Jenkyns (Jenkyns 1993, 247) den Übersetzungslorbeer zu, der mit dem Ausdruck die verdammt nochmal harte Arbeit daran erinnert, dass auch im Deutschen negativ konnotierte Wörter mitunter als Verstärker gemeint werden können (Das war wahnsinnig gut/ich habe mich schrecklich gefreut.). Insofern ist bei Vergil Arbeit erst dann lohnenswert, wenn sie fucking hard ist. Insofern ist Vergils Ausspruch der geistige Großvater von Britney Spears‘ ikonisch gewordenem Ausspruch Work, B**ch.
    Ohne diesen Zusatz wird aus der verdammt nochmal harten Arbeit an der Fassade allerdings einfach nur schnöde Arbeit, der Ausdruck also abgeschwächt. Ob absichtlich (wer denkt schon en passant daran, dass improbus auch andere Bedeutungen in sich tragen kann als in der Schule gelernt?) oder nicht, bleibt ein Geheimnis. Ebenso wie die Tempusveränderung des Verbes (auch vicit im Original ist Präsens geworden). Oder aber auch die abschließende Frage, warum eine antike Version von Work, Bitch! an der Fassade eines Versicherungsgebäudes klebt. Soll das eine Aufforderung sein, möglichst viel zu erwirtschaften, um hinterher sein hart erschuftetes Eigentum für viel Geld in den Schutz einer Versicherung zu geben? Zugegeben: wer es richtig anstellt, wird eine Menge an Zeug zu versichern haben. Eine entsprechende Aufstellung zu versichernder materiellen Güter entnehmen Sie bitte den Lyrics von Frau Spears.

     

    Literaturhinweise:
    Holzberg, Niklas (2006): Vergil – Der Dichter und sein Werk, München.
    Jenkyns, Richard (1993): „Labor improbus“ in: Classical Quaterly 43, 243-248.
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    4.5
  • Alltag,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Der Münchner Südfriedhof

    Tief in der Münchner Innenstadt verborgen, liegt der alte Südfriedhof. Hinter dicken Mauern verhüllt, vergisst man in der Hektik des Alltags viel zu schnell, dass er existiert. Zu groß sind die ständigen Ablenkungen der Umgebung im hippen, leider übergentrifizierten Glockenbachviertel: Überall finden sich zahllose Cafés, Restaurants oder schnuckelige Läden, und dann ist da auch noch das Isarufer, das fußläufig in wenigen Minuten zu erreichen ist, sodass man den Südfriedhof allzu schnell ein wenig ignoriert. Schade eigentlich. Denn der Ort ist ein kleines Juwel, der vor allem im Frühling seine Stärken ausspielt. Dank der hohen Mauern sammelt sich nämlich alles, was die Natur in puncto Fortpflanzung aufbietet, fast ausschließlich innerhalb des Friedhofareals. Wie in einem Kessel zirkulieren Pflanzensamen und Pollen und kommen irgendwann auf den Grünflächen zum Erliegen und Keimen. Und das sieht man: Spätestens ab Mitte März bietet der Südfriedhof in der Frühlingssonne ein nimmer endendes Meer an Krokussen, Osterglocken, Schnee- und Maiglöckchen, die die letzten Ruhestätten von so berühmten Münchnern wie Carl Spitzweg oder Leo von Klenze bevölkern und in ein wunderschönes Farbenspiel tauchen, das – um mal die Jugend zu zitieren – totally instagrammable ist.

    Unter den ganzen Grabsteinen und Stelen finden sich – gottlob! – auch die einen oder anderen lateinischen Sinnsprüche, die ich im Zuge einer neuen Folge der Saxa Monacensia gerne vorstellen möchte. Instagrammable? Maybe not, but definitely noteworthy!

    Dulcis praeteritorum memoria

    Übersetzung:

    Süße Erinnerung an die Verstorbenen/Vergangenheit

    Per crucem ad lucem

    Übersetzung:

    Durch/Über das Kreuz ans Licht

    In Deo Pax

    Übersetzung:

    Friede in Gott

    Meinen absoluten Favoriten findet man allerdings kurz vor dem Portal in der Mitte des Friedhofs. Es ist der Grabstein von Martin Schleich, der zu Lebzeiten als Dramatiker und Humorist in Münchner Kreisen wohl bekannt war. Davon zeugt auch seine Grabinschrift, die allerdings streckenweise so in Mitleidenschaft gezogen ist, dass ich sie nicht entziffern kann. Vielleicht kann einer der werten Leser ein bisschen mehr erkennen. Ich wäre um jeden Tipp dankbar (Diesem Aufruf ist Leser Willi Wamser übrigens hier gefolgt. Tausend Dank für die immense Recherchearbeit!).

    <…> lepidique sales, lepidaeque Camenae.>

    Iucundique ioci, Satyri Saturaeque valete!

    Quibuscum et saeculo valedixit

    Illustris quondam vir Monacensis.

    Dr. Martinus Schleich

    defunctus 13. Oct. 1881

    natus 12. Febr. 1827

    Qui hoc epigramma sibi fieri voluit:

    Iacet. Tacet. Placet.

    Übersetzung:

    Lebt wohl, lässige Witze, lässige Musen…

    Angenehme Scherze, Satyrn und Satiren.
    Zusammen mit diesen und dem Jahrhundert hat sich der einst berühmte Münchner
    Dr. Martin Schleich verabschiedet;
    gestorben am 13. Oktober 1881,
    geboren am 12. Februar 1827.
    Er wollte, dass für ihn der folgende Grabspruch angefertigt wird:

    (Hier) liegt er. (Hier) schweigt er. Das gefällt.

    Das lateinische Pendant zu „Klappe zu, Affe tot!“

    Der Münchner Südfriedhof bei schönstem Frühlingswetter

    Und hier nochmal in 3D:

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