• Allgemeines,  Technik

    Let there be chchchchchchch!

    Liebe Gemeinde,
    heute wird es mal nerdig. So richtig nerdy nerd. Noch dazu, wo das Thema vermeintlich überhaupt nichts mit den sonst behandelten Themen im Blog zu tun hat. Mit Betonung auf „vermeintlich“. Vielleicht habe ich aber auch noch das eine oder andere in der Hinterhand… wer weiß? Legen wir mal los!

    Es war einmal

    Wenn es einen Klang gibt, der meine Kindheit in den 90er Jahren am besten beschreibt, dann ist es wohl dieser hier:

    Ihr kennt ihn bestimmt. Es ist der Game Boy von Nintendo. Es ist jetzt genau 30 Jahre her, dass ich meinen zum ersten Mal in den Händen hielt. Mit zitternden Lettern eines Elfjährigen ist das Datum unseres Kennenlernens auf der Verpackung bis heute vermerkt.

    Der Schatz meines elfjährigen Ichs 🙂

    Über vier Jahre war der Kleine mein ständiger Begleiter. Zuhause, auf Autofahrten, im Bus, bei Freunden, am Strand, heimlich auf dem Schulhof. Überall. Als Kinder der 90er waren wir alle von dem neuen Konzept Portable Gaming, wie es der Game Boy verkörperte, völlig von den Socken. Permanent verschiedene Spiele unterwegs daddeln zu können, egal wo man sich befand – das war radikal neu! Und auch wenn man sich heute nur mit Mühe vorstellen kann, dass dieses klobige Ding tatsächlich in eine Hosentasche gepasst haben soll (ging gerade so!) – er war überall dabei. Und ich mit ihm. In unzähligen Königreichen und Fantasiewelten.

    Bild von mobygames.com

    Ich habe in Mystic Quest nach dem Mana-Baum gesucht und fand auf Cocolinth das Ei des legendären Windfisches. Mit Mega Man an meiner Seite befreite ich die Welt mehrmals von Dr. Wily, rettete mit den Turtles zwei Mal New York vor Shredders Foot Clan. Ich war Drache Firebrand. Ich war Batman. Ich war Kid Dracula. Ein Nachfahre von Simon Belmont, Scrooge McDuck, ein Battletoad, ein Motocross- Fahrer, Hulk Hogan, eine Murmel in Marble Madness, ein Blob, eine Tomate oder wahlweise Kartoffel in Kwirk… und im realen Leben irgendwann dann doch ein Teenager, der sein liebgewonnenes Spielzeug über hatte. Die Pubertät war angebrochen. Ich hatte andere Dinge im Kopf. Und mein Game Boy wanderte an einen Ehrenplatz im Schrank meines Jugendzimmers, wo er 25 Jahre im Dornröschenschlaf verbrachte.
    In all der Zeit habe ich ihn kein einziges Mal geweckt, um mich der Nostalgie hinzugeben, die das Gerät zweifellos in sich barg. Es aber zu verkaufen, brachte ich nie übers Herz. Kurzfristig flammte das Interesse wieder auf, als ich mit Keyboarding und Synthesizern gegen Ende der Schulzeit anfing und auf LSDJ aufmerksam wurde: Ein Programm auf einer handelsüblichen Spielekassette, mit der es tatsächlich möglich, den Game Boy in ein Musikinstrument zu verwandeln – das klang richtig interessant. Immerhin haben mir die quirligen Chips Sound des Game Boys immer imponiert. Viele Melodien der Spiele hatten sich in mein Gehirn gebrannt, einige hatte ich als Kind sogar auf Kassette überspielt, um sie auch über die heimische Stereoanlage hören zu können (ganz zum Leidwesen meiner Eltern). Aber ein Blick auf die Kosten für eine Plastikcartridge, für die auch noch Versandkosten anfielen, hätten mein Schüler-Budget schnell gesprengt. Und damit war das Vorhaben gestorben. Vorerst. Umso erfreuter war ich, als ich letztes Jahr durch Zufall bemerkte, dass sich nach 20 Jahren die Zeiten geändert hatten: Die Software gab es mittlerweile als kostenlosen Download, Game Boy Cartridges ließen sich mit Hilfe von SD-Karten unbegrenzt mit Daten befüllen. Und so wurde nach 30 Jahren wahr, was ich immer haben wollte: Ein Synthesizer, der wie ein Game Boy klingt. Also nicht lange gefackelt und den EZ Flash Junior samt SD Karte bestellt und mein heimisches Jugendzimmer aufgesucht, um das graue Schneewittchen aus seinem Styroporkarton zu befreien… Und erstmal bekam ich einen riesigen Schreck.

    Ich bin der Gilb…

    mein Game Boy links im Nikotin-Look im Vergleich zu einem Gerät in tadellosem Zustand

    Denn das Plastik des Gehäuses war über die Jahre völlig vergilbt. Weiß der Geier, was da passiert war, aber es sah aus, als hätte das Gerät mehrere Jahre mit bzw. in einem Kettenraucher verbracht. So etwas in die Hand zu nehmen um Musik zu machen… nein danke. Noch verstörter war ich, als ich das Gerät einschaltete. Zwar sprang der Game Boy nach 25 Jahren sofort an, als sei nie etwas gewesen. Aber die nostalgische Verklärung hatte mich völlig vergessen lassen, wie unterirdisch dieser Bildschirm gewesen war. Ohne Hintergrundbeleuchtung war man ständig gezwungen sich auf den viel zu winzigen Bildschirm zu konzentrieren. Noch schlimmer wird’s, wenn sich dann auch noch etwas darauf bewegt. Dann zieht das Bild deutliche Schlieren, die meinen nicht mehr ganz so jungen Augen auf Dauer echt Kopfschmerzen verpassen. Es war relativ schnell klar: Mit diesem Gerät im Jahre 2021 noch irgendetwas anfangen zu wollen, ging in dieser Form nicht. Es musste ein Facelift her. Und so bestellte ich für meinen Game Boy aus dem Jahre 1991 bei einem deutschen Modding-Vertrieb ein rundum neues Gewand.
    Das Paket war in Windeseile da. Nach gerade mal drei Tagen waren alle Komponenten beieinander. Mit einer Vorfreude wie zu Weihnachten barg ich des Kaisers neue Kleider aus den Kartons: Von Steuerkreuz.net gab es ein neues blaues Gehäuse, samt neuer Knöpfe in Gelb, ein neues Batteriefach, das nun mit Akku betrieben wird statt einmal die Woche ein Quartett der berühmten AA-Batterien zu verheizen. Und dann noch von ebay ein neues Display, das mit Hintergrundbeleuchtung und Technologie aus dem 21. Jahrhundert meinen Augen ein bisschen Erholung verschafft. Das Equipment war da. Nun galt es Hand anzulegen.

    Des Kaisers neue Kleider

    Face-Lifting

    Zunächst wurde der Gameboy aufgeschraubt und in zwei Hälften zerlegt. Ein Datenband, das die beiden Teile zusammenhält, musste beim Öffnen vorsichtig abgezogen werden, damit nichts von der Platine abreißt:

    Das Innenleben eines Gameboy Classic mit dem alten LCD-Bildschirm oben)
    Einsetzen des Displays mit Klebeband

    Die vordere Platine, die den alten Bildschirm beinhaltet, wurde komplett gegen den neuen ersetzt und im neuen Gehäuse millimetergenau mit Hilfe eines doppelseitigen Klebebandes in der neuen Schale fixiert. In Ermangelung eines Rahmens, der beim Positionieren hilft, war das eine recht fummelige Angelegenheit. Darunter fanden die neuen Knöpfe und das Steuerkreuz in der Verschalung Platz. Die alten hatten über die vergangenen drei Jahrzehnte einen gewissen unappetitlichen Film angesetzt, der vom Aussehen her irgendwo zwischen Batteriesäure und Ohrenschmalz lag. Also weg damit. Die Rückseite der neuen blauen Schale durfte die alte Hardware behalten und ließ sich ganz unproblematisch festschrauben. Dann noch beide Hälften wieder mit dem neuen Kabelband verbinden und einen ersten Testvorgang mit Batterien starten. Es klappt!

    It’s alive!

    Gut gebrüllt, Kätzchen!

    Links am Eck findet sich Platz für die Audio-Buchse

    Als nächstes stand ein neuer Audioausgang auf dem Programm. Über den integrierten Kopfhörerausgang klangen die Original Game Boys nämlich immer etwas leise und vor allem verrauscht, daher war dieser kosmetische Kniff für ein sinnvolles Arbeiten unabdingbar – der Kleine soll ja in ein Musik-Setup integriert werden. Dank einiger Modding-Videos lässt sich schnell lokalisieren, wo in dem kleinen Gehäuse noch ein paar Millimeter für einen zusätzlichen Ausgang zu finden sind. Dann einfach ausmessen und mit dem Bohrer vorsichtig an der entsprechenden Stelle ein Loch von 6mm Durchmesser ins Gehäuse knüppeln. Im Gehäuse wird von innen durch die neue Öffnung eine handelsübliche 3,5mm Klinkenbuchse geschoben (der Hals der Buchse sollte mehr als 40mm haben, sonst passt er nicht durch die dicke Gehäusewand der Verschalung) und mit der mitgelieferten Schraube fixiert. Abschließend werden nun drei Kabel – Masse, linker und rechter Kanal – am Mainboard an entsprechender Stelle angelötet (wir haben uns für die Pre-Poti-Variante entschieden, weil ich die Lautstärke des Game Boys ohnehin über den Mixer steuern werden) und mit der neuen Buchse verbunden.

    Zum Glück gibt’s Youtube. Video von Joe Bleeps

    Fertig ist der kleine Schreihals!

    Das Ohr zur Welt

    Finishing Touches

    Als letztes wird mit vorsichtigen Händen das Gehäuse wieder verschraubt, der neue Akku eingebaut, nachdem man ein paar der Batteriefedern aus dem Gehäuse gezogen hat, und vorne eine Displayscheibe an der Vorderfront angebracht, um den neuen Bildschirm vor Staub zu schützen. Nun mit klopfenden Herzen den neuen Anschalter ausprobieren und hoffen, dass alles klappt…

    Es kann losgehen

    Und es klappt! Er quäkt! Und wie!

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  • Allgemeines,  Pädagogik,  Unterricht

    Ein Käfig voller Narren

    Da hab ich nicht schlecht gestaunt, als ich am Faschingsdienstag in die Online-Lateinstunde meiner Klasse trat. Die Kinder hatten – anders als sonst – die Sitzung von sich aus gestartet und sämtliche Kameras eingeschaltet, um sich vor dem Bildschirm zu zeigen. Und jeder einzelne war verkleidet! Alle waren sie da: Die Prinzessin. Der Indianer. Der Punk. Ein Tina-Turner-Imitat mit explodierter Glitzer-Fönfrisur. Ein Papagei, eine Hexe, ein Einhorn. Selbst der Quoten-Proll war anwesend, mit Unterhose auf dem Kopf. Und alle waren sie bestens gelaunt und ohne Reue, dass am Faschingsdienstag dieses Jahr Unterricht stattfinden muss.
    Wir gehen es hochmotiviert an, üben ein bisschen, besprechen die Hausaufgabe – und nutzen die restliche Zeit, um einfach mal wieder Schmarrn zu machen. Wir spielen über den Bildschirm „Alles, was Flügel hat, fliegt“, versuchen uns im Galeriemodus an einem Klassen-Macarena und freuen uns, dass wir einfach mal wieder kurz durchatmen können – selbst wenn es uns offiziell verboten ist. Denn eine konkrete Ansage, wie die Faschingswoche angesichts der neuen Umstände nun konkret aussehen sollte und die ich am Freitag so erwartet hatte, kam erst in den Medien am Montag Nachmittag – und da hatten wir im Klassenteam und mit dem einhelligen Placet der Eltern schon alles beschlossen. Denn wir waren uns in einer Sache absolut einig:  Die Kinder brauchen die Pause. Und sei es nur, um einfach mal wieder ein bisschen rumzublödeln. Denn was in den Monaten eindeutig zu kurz kam, war die Beziehungspflege. Und die kann ein Videounterricht nur ansatzweise ersetzen. Zum Beispiel mit einem Gruppenmacarena 🙂

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  • Allgemeines,  Uncategorized

    Anekdote à la Herr Mess

    Es ist ein Tag, wie jeder andere, als mich der Wecker in der Früh aus dem Schlaf reißt. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir das Unausweichliche an: 6.20 Uhr. Zeit aufzustehen. Wie immer läuft meine Morgenroutine wie ein Film mit festgeschriebenen Drehbuch ab. Es ist seit 15 Jahren auf Effizienz getrimmt. Jeder Handgriff sitzt. Jede Bewegung geht wie im (Halb-)Schlaf. Zähne putzen, duschen, anziehen, Kaffeemaschine an, Espresso rauslassen, kurz im Sessel genießen und den Tag vor dem inneren Auge ablaufen lassen, anziehen, Wohnungsschlüssel einpacken, Schultasche unter den Arm und dann raus aus der Wohnung. Los geht’s in den Tag, der sich im November noch wie tiefste Nacht anfühlt.
    Die Luft ist klar, als ich nach draußen trete. Die Laternen der Straße leuchten hell in der Dunkelheit und weisen mir den Weg Richtung Busstation, die an einer viel befahrenen Hauptstraße liegt und mich zur U-Bahn bringen soll. Im Halbschlaf merke ich gar nicht, wie wenig dort heute los ist. Alle 20 Sekunden passiert mich mal ein Auto. Busse sind gar nicht zu sehen. Und kommen auch wohl nicht in der nächsten Zeit. Das merke ich erst, als ich vor dem Bushäuschen stehe und den digitalen Plan studiere, der die Ankunftszeiten des nächsten öffentlichen Verkehrsmittels anzeigt. Knapp 2,5 Stunden soll ich warten. Ich stutze. Ist heute Streik? Ich hatte gar nichts davon mitbekommen. Aber bei dem Arbeitspensum der letzten Tage kann es gut sein, dass ich solche unwesentlichen Details einfach nicht mitbekommen habe. Alles kein Problem, die U-Bahn-Station geht zur Not auch zu Fuß. Also los.
    Erst jetzt fällt mir auf, wie leer die Straßen tatsächlich sind. Nicht nur Autos sind kaum zu sehen. Auch Menschen. Ab sieben Uhr sollten Leute mit Aktentaschen auf dem Bürgersteig warten, vereinzelte Schulkinder zwischen den Mengen umherwuseln. Stattdessen gähnende Leere. Nur ein einsamer Herr schlurft bei Rot mitten über die Kreuzung auf die andere Straßenseite. Er fühlt sich sicher bei dem wenigen Verkehr und schlürft genüsslich aus seiner Bierflasche, die er lässig in einer Hand umherschlenkert. Sein Ziel ist die Tankstelle, die direkt an der Hauptstraße steht. Dort hat sich eine nicht minder alkoholisierte Menschenmenge versammelt, um genüsslich zu lauter Musik mitzugröhlen. Jetzt stutze ich wirklich. Wie spät ist es eigentlich? Ich schalte erst jetzt mein Handy ein und traue meinen Augen nicht. Die Anzeige leuchtet mir grell eine Uhrzeit entgegen, was ich nicht verstehe: 3:10.
    Wie kann das sein? Ich habe doch die Anzeige auf meinem Wecker gesehen. Jetzt will ich Gewissheit. Ich breche das Unternehmen „auf zur U-Bahn“ jäh ab und begebe mich auf den Heimweg, um zu schauen, ob mein Handy kaputt ist. Oder mein Wecker. Oder ich. Die verlorene Zeit kann ich schon irgendwie reinholen. Notfalls fahre ich mit dem Auto in die Schule. Also wieder zurück nach Hause…
    Im Schlafzimmer sehe ich schon von weitem die Digitalanzeige meines Weckers leuchten. Ich muss nicht direkt herantreten, um zu sehen, was die Stunde geschlagen hat: 3.20. Es ist mitten in der Nacht. Ich habe offensichtlich die frühmorgendliche Weckeranzeige geträumt und bin aus dem Schlaf in den Dämmerzustand gewandert – und von dort wie ein Zombie ins Bad, ohne dabei einen Blick auf die tatsächliche Uhr zu werfen. Die Geschichte kann ich eigentlich niemandem erzählen… Oops!

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    2.3
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    Let's get digital, digital…

    Das Wort Digitalisierung und digitale Bildung wird uns Lehrern in letzter Zeit nur noch so um die Ohren gehauen. Und das nicht nur, weil unsereiner Twitterat ist. Auch in den traditionellen Medien wird regelmäßig auf das Thema Bezug genommen. Sogenannte Fachleute postulieren, wie digitale Bildung auszusehen habe. Ich sehe Interviews mit Managern, Politikern in ihren Endfünfzigern, die noch vor ein paar Jahren von der Gefährlichkeit von neuen Medien lamentiert haben. Alles scheint vergessen. Aber wie soll man es nun machen, diese Digitalisierung? Was braucht eine Schule dafür? Welches Equipment? Welche Medien? Welche Software? Was für Lehrpersonal? Das weiß keiner so genau. Deswegen sollen das die Lehrer (wieder) einfach mal selbst rausfinden. Und so wurden die bayerischen Schulen beauftragt, bis Ende des nächsten Schuljahres ein so genanntes Medienkonzept zu erstellen, in dem festgehalten werden soll, welche Medien im Unterricht genutzt werden (sollen), wie sie genutzt werden (sollen), wann sie genutzt werden (sollen), warum sie genutzt werden (sollen). Das ist per se wichtig und richtig. Unternehmen geben für eine sinnvolle digitale Strategie Unmengen an Geld für externe IT-Teams aus, um sich fit für die Zukunft zu machen. Nur haben wir die nicht. Weder die Unmengen an Geld noch externe IT-Teams. Daher wird an jeder Schule ein Team aus Lehrkräften bestimmt, das diese freudige Arbeit umsetzen darf – natürlich zum regulären Tagesgeschäft oben drauf. Zu den Mitstreitern im neu beschworenen Arbeitskreis finden sich eine Person aus dem Direktorat, der Systembetreuer und aus dem Kollegium ein medienaffiner Lehrer. Ihr ahnt es schon: Letzteres – sono io.
    Um die Lehrerschaft bei dieser Mammutaufgabe nicht komplett im Regen stehen zu lassen, werden wir regelmäßig zu Impulsfortbildungen geschickt, die uns mit der nötigen Theorie versorgen sollen. Wie wir sie am Ende umsetzen, bleibt uns überlassen. Und so pilgern wir an einem sonnigen Wintertag nach der Schule zu einer dreistündigen Fortbildung am Nachmittag an einem Münchner Vorortgymnasium, wo uns von Mitarbeitern des Ministeriums und medienpädagogisch-informationstechnischen Beratern – kurz MiBs – erklärt wird, was uns erwartet. Die Einladung ergeht – vorbildlich – über Mebis. Weniger cool: An der Schule, an der alle zusammenkommen sollen, um über neue Medien und Digitalisierung zu reden, existierten weder dafür nutzbare Endgeräte oder WLan. Wir werden im Vorhinein dazu aufgeordert ein Konvolut aus knapp 200 Seiten als ZIP-Datei herunterzuladen und mitzubringen. Wer kein Tablet nutzen kann, druckt es sich ganz einfach aus. Und tatsächlich: In den Reihen sieht man vereinzelt Leute, die diesen Packen auch wirklich in Papierform vor sich auf dem Schoß haben. Leute, die wohlgemerkt ausgesucht wurden, um neue Wege zu gehen. Neue Pfade zu betreten. Man will, aber auch wieder so richtig nicht.
    Die Fortbildung selbst bekommt schnell ein bisschen Ohrfeigencharakter. Zwar sind die Impulsvorträge, die wir bekommen, recht informativ und handeln von der Wichtigkeit der 4Ks und ihrer baldigen Verankerung im Lehrplan. Aber vieles bleibt einfach zu vage. Welche Geräte dürfen wir nutzen? Was ist mit Datenschutz, was geht da, was geht da nicht? Was ist mit BYOD, das Technik unkompliziert in die Klassenzimmer holt? Nichts. Stattdessen Statistiker darüber, bis wann wir welchen Schritt abgearbeitet haben müssen. Überhaupt fällt „Sie müssen“ in diesen Stunden auffällig häufig. Und „Sie dürfen nicht“, gepaart mit „Es wird viel Arbeit sein“, „Sie werden gegen Windmühlen kämpfen“ und „Wenn Sie für die digitale Arbeit und technische Geräte zusätzliche Mittel erwarten, die Stadt München hat dafür kein Geld.“ Klar, dass sich im Publikum Widerstand regt. Die Leute sind mit einem gewissen Optimismus angetreten und schon nach einem Drittel der Zeit einfach nur genervt. Kein „schön, dass Sie sich bereit erklären“ oder „Ihre Arbeit wird wichtig sein, um die Schule auf die Zukunft vorzubereiten.“ Nichts.
    Die ersten Publikumsfragen werden gestellt. Der erste Widerstand. Für einige klingt es nach unbezahlter Mehrarbeit, was da zu machen sei, andere finden es geradezu paradox, über Monate ihre Schule auf einen neuen, digitalen Weg zu bringen, wenn für den dazu nötigen Ausbau angeblich kein Geld da ist. Die Referenten nehmen die Kritik wohlwollend auf und kontern mit: „Sie sind Beamte. Sie müssen das jetzt halt machen.“ Punkt.
    Um die Stimmung zu lockern und den Leuten die Möglichkeit zur Kollaboration und Praxis zu ermöglichen, werden die Leute in guter alter Fishbowl-Manier in verschiedene Räume verteilt, in denen zu ausgewählten Fragen Infomaterial zu finden ist, das zum fachlichen Austausch führen (Wir diskutieren über Chancen und Probleme digitaler Technik im Unterricht) soll. Die Ergebnisse der Diskussionen soll man digital auf einem Padlet festhalten, das per QR-Code zugänglich ist. Aber auch hier macht uns die Praxis den Garaus. Denn der Neubau mit seinen dicken Wänden erlaubt keinerlei mobile Daten. Unsere Smartphones kommen nichts ins Netz. Nichts mit Padlet. Stattdessen werden wir gebeten, unsere Ergebnisse schriftlich festzuhalten und zuhause am PC in Padlet einzutragen. Doppelte Arbeit, die man ja eigentlich NICHT haben will. Die Szenen sind geradezu symbolisch für das Thema Digitalisierung, wie es im Moment in den Schulen gehandhabt wird: Irgendwie will man ja was auf den Weg bringen. Aber man kann nicht. Weil man selber noch nicht dahintergestiegen ist. Oder die Technik einfach nicht will. Oder gar nicht will. Oder kein Geld da ist. Und es ist so ermüdend…

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  • Allgemeines,  Prüfungen,  Unterricht

    Von blankem Horror

    Es dürfte irgendwann um 1997 gewesen sein. So richtig kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich dürfte damals in der Oberstufe gewesen sein.  Ich spazierte damals vergnügt zur dritten Stunde in die Schule. Die ersten beiden Stunden waren ausgefallen, und mein Schultag würde so mit dem Leistungskurs Latein beginnen. Als ich den Raum betrete, scheint alles wie immer. Ich sehe die ganzen Leute vor mir, in eben der Sitzordnung, wie sie für unseren Kurs üblich war. Alle waren schon eingetrudelt und in aufgeregte Gespräche verwickelt. Mein bester Freund redete mit hochrotem Kopf auf seinen Vordermann ein, griff sich regelmäßig in die Haare, kritzelte auf einem Blatt Papier herum, radierte, murmelte. Ich nehme rechts von ihm Platz und entziffere aus dem Gekritzel mathematische Formeln, allem Anschein nach etwas zum Thema Kurvendiskussion. Zu Beginn kann ich mir einen amüsierten Kommentar nicht verkneifen. Ich ernte aber nur entgeisterte Blicke. „Unsere Matheklausur gerade war dermaßen schwer, ich kann da von Glück reden, wenn es noch vier Punkte werden“, zischt mir mein Freund entgegen, bevor er sich wieder seinem Vordermann zuwendet und hektisch Ergebnisse vergleicht. Im ersten Moment registriere ich das noch gelassen, bis ich von meinem Freund zugeraunt bekomme „Ich hoffe, eure Klausur war einfacher.“
    Unsere Klausur? Ich stutze. Ich habe heute keine Matheklausur geschrieben. Ich bin ja gerade erst in die Schule gekommen. Zur dritten Stunde. Die ersten beiden Stunden waren doch ausgefallen… oder? Ich werde etwas unruhig und schaue mich im Klassenraum nach Leuten um, die in meinem Mathekurs sitzen, um mich dessen zu vergewissern. Aber ich bin hier der einzige. Die nächsten 45 Minuten der Lateinstunde nehme ich nur physisch wahr. Im Kopf drehen sich Fragen über Fragen. Oder eher gesagt nur eine einzige: Habe ich etwa gerade eine Matheklausur verschlafen? Nein, das kann nicht sein, sowas passiert mir nicht. Die Termine sind Wochen vorher bekannt gegeben worden. Ich hätte mich hundertprozentig darauf vorbereitet. Andererseits ist es bei uns in der Oberstufe üblich, dass die Mathekurse am selben Tag parallel ihre Klausuren schreiben. Und neben mir wird gerade heftigst über eine eben geschriebene Mathearbeit diskutiert. Ich werde zunehmend unruhiger, rutsche auf meinem Stuhl hin und her und starre mit leerem Blick auf die Uhr, auf dass sie die 45 Minuten schneller vergehen lasse. Ich muss jemanden aus meinem Mathekurs finden und mir Klarheit verschaffen.
    Als der Gong ertönt, bin ich der erste, der wie von der Tarantel gestochen aufspringt und zur Klassenzimmertür hechtet. Im Gang schieben sich bereits Massen von Leuten durch die Schule. Unterstüfler, Mittelstüfler, ein paar Lehrer – und irgendwo mittendrin Manfred. Wir nannten ihn aufgrund seiner körperlichen Statur schlicht und ergreifend „Bäpf“. Er sitzt in meinem Mathekurs  zwei Reihen hinter mir und ist für die nächsten Sekunden der Mann, der diesen Tag in eine Katastrophe oder riesige Erleichterung verwandeln kann. „Bitte sag mir nicht, dass wir heute eine Matheklausur geschrieben haben“, keuche ich ihm entgegen, als ich mich durch die Schülermassen gewühlt habe und endlich bei ihm ankomme. Seinem Gesichtsausdruck kann ich die Antwort schon ablesen. „Sag mal, wo bist du denn gewesen? Wir haben alle auf dich gewartet! Hast du die Verlegung des Termins nicht mitbekommen“ fragt Bäpf ungläubig. „Das wissen wir doch schon seit der ersten Woche des Schuljahres!“
    Und da merke ich, wie es mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Da haben wir den Salat. Ich habe wirklich eine Klausur verpennt. Ich bin in der Kollegstufe eines Gymnasiums und habe eine der wichtigsten Prüfungen auf dem Weg zum Abitur schlichtweg vergessen. Unentschuldigt gefehlt am Tag einer angekündigten Prüfung bedeutet bei uns in Bayern automatisch 0 Punkte. Note 6. Damit setze ich meinen guten Abischnitt aufs Spiel. Nein. Falsch. Damit IST der gute Abischnitt aufs Spiel gesetzt. Die Sechs habe ich sicher. Mit pochendem Herzen und dem wohl tomatigsten Gesichtsrot, das es jemals an meiner Schule gegeben hat, begebe ich mich in das nächste Klassenzimmer, gehe im Kopf durch, wie ich das meinem Mathelehrer erklären soll, der ja ohnehin als ein harter Hund gilt. Oder meinen Eltern. Und vor allem mir selbst. So eine Kopflosigkeit kenne ich von mir überhaupt nicht. Wie konnte das passieren, dass mir diese Terminverlegung durch die Lappen gegangen ist? Ich bin so in Gedanken verloren, dass ich gar nicht registriere, in was für einem Unterricht ich überhaupt sitze. Ich suche im Raum nach dem Lehrer des Kurses, um zu sehen, ob ich nicht schon wieder etwas verschusselt habe und blicke Richtung des Lehrerpultes. Dort sitzt aber nicht einer meiner Lehrer. Dort sitzt einer meiner jetzigen Kollegen.
    Und dann wache ich auf. Jedes Mal. An genau dieser Stelle. Alle drei bis vier Monate kommt dieser Traum. Ich durchlebe jedes Mal die gesamte Achterbahn der Gefühle. Die Panik, als ich merke, was passiert ist, die Unruhe, meine Selbstgeißelungen. Und letztlich die endlose Erleichterung, wenn ich merke, dass ich im Jetzt des Jahres 2017 aufgewacht bin – mit einem Abi und zwei Staatsexamina in der Tasche. Warum es jedes Mal die Mathematik ist, die mir diesen Horror einbringt, kann ich nicht sagen. Ich war in Mathe immer solide. Nicht brilliant, aber passabel. Und trotzdem hat sich da bei mir irgendwie ein kleines Trauma festgesetzt, das mich viermal im Jahr um den Schlaf bringt.
    Verrückt, wie sich Schule auch noch nach Jahren bei uns festsetzen und wüten kann. Ich hoffe, dass keiner meiner Schüler wegen mir so etwas durchleben muss…

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  • Prüfungen

    Von einem Weihnachtswunder

    avatar In diesen Wochen kommt nicht nur für die Schüler alles zusammen. Auch wir Lehrer sind gut am Rödeln. Neben dem Unterricht sind wir mit Konferenzen beschäftigt, in denen wir über die Fälle diskutieren, die auf Probe vorgerückt sind. Mehrere AKs wollen kurz vor den Ferien zu ein paar neuen Impulsen rufen. Nebenher geht der Nikolaus um, das Weihnachtskonzert wird nicht nur besucht, sondern auch geprobt. Die Sprechstunden sind dick gefüllt, weil die Eltern den Kindern ein paar gute Vorsätze ins Jahr 2017 mitgeben wollen. Die Kinder werden ausgelassener, je näher der 23.12. rückt. Und mittendrin: Korrekturen. Stapelweise Korrekturen von Exen, Schulaufgaben, Klausuren, Mini-Tests. Der Schreibtisch quillt über vor Papier – in diesem Jahr mein Fluch.
    Es ist Freitag. Vor mir schreibt gerade die zwölfte Klasse in einem engen, ungemütlichen Raum ihre Klausur. Auf dem Tisch vor mir ein Haufen Papiere, den ich schon den ganzen Tag mit mir herumtrage: Zusätzliches Papier für die Oberstüfler, übrig gebliebene Klausurenangaben, ein Stapel Klausuren aus der Elften, die ich in der Freistunde durcharbeiten möchte, meine Schulaufgabe der sechsten Klasse, die ich abgeben muss, und eine Nachholschulaufgabe, die ich gerade in der Pause zwischen Tür und Pausenkaffee durchprügeln konnte. Die Note des kleinen Tobi ist nicht wirklich überragend. Ich möchte ihm aber das Wochenende nicht mit der Zensur versauen und habe mich in der Frühe entschlossen, ihm sein magnum opus erst am Montag rauszugeben, damit er von dem 2. Advent etwas hat.
    Eine einsam herumfliegende Schulaufgabe ist eine heikle Geschichte. Wie schnell ist sie in einem solchen Blätterwust verloren und auf ewig verschollen. Zum Glück hab ich für diesen Zweck einen eigenen Ordner, in dem ich Schulaufgaben und Angaben sammle. Also rein damit und das Ende der Oberstufenklausur abgewartet. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Arbeiten werden eingesammelt und in den berühmten grünen Mantelbogen gelegt. Darauf meine Prüfungen der sechsten Klasse und die Elfklassklausuren – mein Wochenende ist gerettet. Endlich keine Langeweile mehr. Die übrig gebliebenen Klausurenangaben lagere ich in eine blaue Stofftüte aus und verstaue sie im Auto, da ich sie nicht so schnell brauchen werde, und brause nach Hause in ein arbeitsreiches Wochenende.
    Fast Forward Sonntag Abend. Ich bin mit allem fertig, packe gerade meine Sachen für den Montag zusammen. Achja, noch schnell die Schulaufgabe vom kleinen Tobi raussuchen, die ich ihm ja erst nach dem Wochenende rausgeben wollte. Also Ordner rausgeholt, Register für abgegebene Schulaufgaben und Exen aufgemacht, die Schulaufgabe gesucht – und ich stutze: Die Arbeit ist nicht da. Ich denke mir erst nichts und gehe den Stapel an deponierten Prüfungen noch einmal durch. Wieder nichts. Etwas unruhig schaue ich die restlichen Register des Ordners durch und stoße auf dieselbe gähnende Leere. Tobis Schulaufgabe ist weg. Kein Problem, denke ich mir. Du hast sie bestimmt in der Schule auf deinem Platz zusammen mit den zwei durchkorrigierten Schulaufgabenstapeln abgelegt, die du nicht mehr nach Hause nehmen wolltest. Also gehe ich mit der Gewissheit zu Bett, dass sich das gute Stück am nächsten Tag vor meiner Nase im Lehrerzimmer auftauchen wird. Licht aus.
    Montag. Sie fehlt. Tobis Schulaufgabe findet sich weder im Prüfungsstapel der sechsten, noch der fünften Klasse. Ich schaue den restlichen Stapel an Papieren auf meinem Arbeitsplatz im Lehrerzimmer durch. Dienstanweisungen, Folien, Elternbriefe, Entschuldigungen von Eltern, Arbeitsblätter der Q11, ein Referat aus der Q12, eine Klassenliste meiner Schützlinge. Aber keine Schulaufgabe von Tobi. Nirgendwo. Ich kratze mir verwundert meinen Kopf. Vielleicht hab ich sie nach der Klausur am Freitag in mein Fach reingelegt? Nachprüfen kann ich das allerdings erst in der Pause, denn die erste Stunde beginnt. Die fünfte Klasse. Tobi wartet bestimmt schon auf seine Schulaufgabe. Ich werde ihn vorerst vertrösten müssen.
    Deutlich beunruhigt stürze ich in der Pause an mein Fach – nur um wieder enttäuscht zu werden. Das Ding ist nicht da. Verflucht! Ein paar Kollegen von mir bemerken meine Unruhe und fragen nach, was los sei. Sie beruhigen mich. Sowas sei jedem in seinen zig Dienstjahren einmal passiert, und jedes Mal habe sich die verlegte Prüfung dann gefunden, wenn man eigentlich schon aufgeben wollte. Ich nicke etwas erleichtert und denke sofort wieder an meinen Ordner, in dem ich die Schulaufgabe von Tobi am Freitag während der Oberstufenschulaufgabe abgelegt hatte. Ein erneutes Durchsuchen wird das gute Stück bestimmt wieder zutage fördern. Denke ich. Noch.
    Aber Fehlanzeige. Sie bleibt verloren. Ich gehe zum Radikalprogramm über und ziehe jeden Korrekturstapel aus meinem Spind, den ich seit diesem Jahr schon fertiggestellt und archiviert habe: Jahrgangsstufentests, Stegreifaufgaben, Grammatiktests, Wortschatzprüfungen, Schulaufgaben alles. 25 (!!!) Klassensätze habe ich seit September korrigiert. Und jeden einzelnen – insgesamt knapp 750 Arbeiten – gehe ich gesondert durch. Falte mehrseitige Angaben und Schülerbögen auseinander, nur um die Schulaufgabe des kleinen Tobi zu finden. Ich verliere dadurch fast 2,5 Zeitstunden, literweise Stresshormone und bestimmt auch den einen oder anderen Nerv. Vor allem als klar wird, dass auch die letzte Schülerarbeit nicht das bereithält, was ich suche. Alles ist korrekt einsortiert und abgeheftet. Nur diese Schulaufgabe fehlt.
    Am Abend gehe ich nochmal sämtliche Schubladen meines Arbeitszimmers durch, die mit einem derartigen Dokument in Berührung gekommen sein sollten. Meine Kollegen, die in der Nähe meines Arbeitsplatzes  im Lehrerzimmer sitzen, habe ich telefonisch informiert, ihre Unterlagen nach Tobis Schulaufgabe zu durchforsten, vielleicht haben sie das Ding ja versehentlich eingesteckt. Mir selber gehen langsam die Ideen nach weiteren Verstecken aus. In meiner Verzweiflung leere ich sogar meinen Papierkorb im Arbeitszimmer aus. Schätzungsweise 70 Zettel, Fetzen, Post-Its und Briefumschläge flattern in alle Himmelsrichtungen über den Boden. Hektisch durchwühle ich das Chaos nach allem, was nach Korrekturen aussieht. Aber nichts. Überhaupt nichts. Nirgendwo. Tobis Schulaufgabe. Sie ist weg. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ganz offensichtlich eine Schulaufgabe verloren.
    Was blüht mir jetzt?
    Ich werde zum Chef gehen und beichten müssen. Ich werde der Fachschaftsleitung Bescheid geben müssen. Ich werde bei Tobis Eltern anrufen und ihnen den Fall schildern müssen. Wie absolut peinlich. Der Anruf wird mein erstes berufliches Schuldeingeständnis. Eine Bankrotterklärung an mein Ordnungssystem, das seit Jahren so wunderbar funktioniert hat und jetzt in Scherben liegt. Und ich muss dem kleinen Tobi erklären, dass er vor Weihnachten nochmal eine Schulaufgabe schreiben muss. Als ob er unmittelbar vor den Ferien nicht schon genug Stress hätte. Aber es muss wohl sein. Ich habe an allen Stellen gesucht, an die ich denken konnte. Ich bin verzweifelt. Und gestehe die Niederlage ein. Merda.
    Ich werde heute sehr schlecht schlafen. Meine gesamten Gedanken werden um diese vermaledeite Schulaufgabe kreisen. Ich weiß es. So bin ich einfach.
    Kurz vor dem Zubettgehen gehe ich nochmal zur Wohnungstür um zu sehen, ob sie auch verschlossen ist (was wäre der Lehrer ohne seine Spleens). Beim Herübertrotten zum Schloss fallen meine Augen rein zufällig über die Schlüsselschale, in denen alle Schloss- und Schließmöglichkeiten meiner Habseligkeiten zu finden sind – und bleiben am Autoschlüssel hängen. War ich nicht vor einer knappen Woche mit dem Auto in die Schule gefahren? Eventuell sogar letzten Freitag, als ich Tobis Schulaufgabe zum letzten Mal gesehen hatte? Hatte ich schon dort nachgesehen? Ich reiße die Tür auf und jage im Schlafdress und mit klopfenden Herzen die Treppe zur Tiefgarage hinunter. Es ist fast Mitternacht, im Treppenhaus herrscht Eiseskälte, aber das ist mir egal. Ich bin getrieben von banger Hoffnung, hier auf der letzten heißen Spur zu sein, die mir noch bleibt. Ich reiße die Hecktür meines Autos auf. Im fahlen Licht der jetzt erst anflackernden Neonröhren erkenne ich sie – eine blaue Stofftüte, in die die Angaben der Oberstufenklausur gestopft waren. Und ganz oben auf dem Stapel: Tobis Schulaufgabe. Ich will vor Erleichterung heulen, bin aber einfach zu fertig mit den Nerven, um auch nur eine Träne hervorzubringen.
    Heute Nacht werde ich wie ein Baby schlafen.

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  • Allgemeines,  Prüfungen,  Technik,  Unterricht

    Über meine Lehrprobe

    avat_shockFrüher oder später erwischt jeden von uns Lehrern dieser seltsame Moment – Der Tag, an dem uns zum ersten Mal unsere alten Lehrproben in die Hände fallen – oft aus Zufall, noch öfter tatsächlich, weil viele dieser Stunden für den Unterricht immer noch gut nutzbar sind. Irgendwie sind uns diese Lehrproben noch immer wunderbar vertraut und gleichzeitig so fremd. Kein Wunder, immerhin hat man damals im Referendariat drei Wochen auf diese eine Stunde hingearbeitet, das Material stundenlang korrekturgelesen und mit allem, was man damals drauf hatte, verschönert. Andererseits: Wieviel Zeit ist mittlerweile ins Land gezogen, wie sehr hat sich seitdem die eigene Perspektive geändert! Viele der Materialien und Arbeitsaufträge sind zwar kunstvoll in Szene gesetzt, haben aber stets etwas künstlich Überbordendes, das sich an Maßstäben eines Vollzeitlehrers gemessen völlig überzogen anfühlt. Meine zweite Lehrprobe war in dieser Hinsicht der absolute Overkill.
    Mein Thema lautete damals schlicht und ergreifend „Kreative Texterschließung im Englischunterricht der sechsten Klasse“. Dreh- und Ausgangspunkt dieser Stunde war ein Lektionstext über den Schulalltag eines kleinen kenianischen Jungen im damaligen Englischbuch. Um den einigermaßen in Szene zu setzen, zog ich alle Register, die mir damals zur Verfügung standen. Zur Hinführung an den Text erfand ich für meine 12-jährigen Schüler einen riesigen narrativen Rahmen, den ich über die gesamte Woche vorher kunstvoll über die vorangehenden Stunden gespannt hatte. Ich erfand einen Schüleraustausch zwischen der Schule unserer Englischbuch-Klasse und der fiktiven Schule aus Kenia, der in der Lehrprobenstunde gipfeln sollte. Ich erfand eine Rede des kenianischen Schuldirektors, der extra unsere Schulbuchklasse besuchte, sprach sie für eine Listening Comprehension-Aufgabe mit einem Mikrofon ein und verfremdete mit Plug-ins meine Stimme so, dass mich keines der Kinder erkannte – komplett mit Hintergrundgeräuschen, klatschendem Publikum und eingespielter Blaskapelle.

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    Das Notepad meiner imaginären Schülerzeitung

    Aus der Rede sollten die Schüler meiner Klasse die wichtigsten Informationen über Kenia herausfinden und zusammentragen, bevor der Direktor einen Brief eines seiner Schüler übergab, der von seinem Schulalltag aus Kenia berichtete – nämlich eben den Lektionstext aus dem Buch. Zum Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse bekamen die Schüler den Auftrag, einen Steckbrief der wichtigsten Aussagen aus dem Text zu filtern, um sie für die nächste Ausgabe der aktuellen Schülerzeitung zusammenzustellen. Diese hatte ich über Wochen als reales Magazin vorbereitet. Meine Schülerzeitung hatte einfach alles. Ich hatte ein Logo entworfen, ein Emblem, Fotos, Banner, ein komplett in sich stringentes Layout – alles auf DinA3-Bögen doppelseitig, gefalzt und getackert in einem Copyshop in Hochglanz ausdrucken lassen. Für eine Summe, die damals einen Großteil meines kargen Refi-Gehaltes verschlang. 

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    Mein Oscar-verdächtiges Layout

    Gipfeln sollte die Lehrprobe damals in einer Postkarte, die die Schüler dem imaginären Schüler auf seinen Text schreiben sollten. Reale Postkarten natürlich. Diese wurden dann am Ende der Lehrprobenstunde bei mir abgegeben, damit ich sie symbolisch an den Jungen (den es natürlich nie gab) abschicken konnte. In der nächsten Stunde wäre ich mit einem Antwortbrief angekommen, in dem sich der Junge für die Fanpost bedankt und der Klasse ein echtes afrikanisches Gericht mitgeschickt hatte – das natürlich ich zuhause gekocht hatte.
    Wer spätestens an dieser Stelle ungläubig den Kopf schüttelt: Ja, ihr tut das zurecht. Auch ich bin etwas verstört, während ich diese Zeilen schreibe, wieviel Arbeit in dieser einen Stunde steckt. Aber Mitleidende werden es verstehen: Es ist eine Lehrprobe. Die Note, die auf diese Stunde gegeben wurde, bestimmte maßgeblich den Schnitt des zweiten Staatsexamens mit. Und in den mageren Zeiten, wo die Planstellen nicht an den Bäumen wuchsen, entschieden Lehrprobenstunden über eine direkte Anstellung nach dem Referendariat oder eben Arbeitslosigkeit.
    Bevor die Frage nach der Note auch bei dieser Wahnsinnsstunde aufkommt, kann ich sie gleich beantworten: Ich bekam eine Zwei. Denn irgendwas hatte der Stunde letztendlich gefehlt. Nämlich die Schüler. Die kamen nämlich geschlagene 10 Minuten zu spät in den Unterricht, weil sie der Lehrer der Vorstunde nicht früher gehen lassen wollte (!!!). Als Reaktion darauf musste ich viele Phasen der Lehrprobenstunde quasi on the fly umwerfen und während der Stunde im Hinterkopf umstrukturieren, um genug Zeit für das Ziel der Stunde – nämlich die Postkarten – zu haben, das unbedingt erreicht werden musste. Ich hab in dieser Stunde echt Blut und Wasser geschwitzt. Und mit dem sauberen Kollegen, der mir 10 Minuten gestohlen hat, habe ich hinterher nie mehr ein Wort geredet.

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  • Allgemeines,  Alltag

    Von Vorwehen zum Wandertag

    avat_wut-150x150Für Außenstehende mag es vielleicht so scheinen, als beginne für Lehrer die Ferienzeit schon einen Monat vor Schuljahresende. Die Noten sind gemacht, da machen die doch auch keinen Unterricht mehr, sondern liegen nur noch in der Sonne. Kundige und Leidensgenossen kennen allerdings die harsche Realität. Denn in den letzten vier Wochen darf das Lehrpersonal einiges mehr tun als nur vor Schülern oder am Schreibtisch sitzen. Er darf repräsentieren, organisieren, führen, in Konferenzen schwitzen, abstimmen und – ganz beliebt – den alljährlichen Wandertag koordinieren. Letzteres hat dieses Jahr besonders viel Freude bereitet. Nicht. Aber alles von Beginn:
    Ich habe meine Klasse jetzt volle zwei Jahre begleitet. In Bayern ist es üblich, dass nach so einer langen Zeit eine „Beziehungspause“ erfolgt, sodass nächstes Jahr jemand anders in den Genuss meiner Putzis kommen wird. Um unsere zwei Jahre zu einem gelungenen Abschied zu führen, haben wir uns zum diesjährigen Wandertag ein ganz besonderes Reiseziel gesetzt: Es verschlägt uns ins Allgäu auf eine Sommerrodelbahn. Um dort hinzugelangen, sollte uns die deutsche Bahn chauffieren. Und damit ging der Ärger los. Knapp drei Wochen vorher habe ich bei der Bahn angerufen, um unterschiedliche Finanzierungsmodelle durchrechnen zu lassen. Nehmen wir einen Gruppentarif? Oder gleich das Bayernticket? Als ich darum bitte mir die unterschiedlichen Möglichkeiten per eMail zuzuschicken, bekomme ich erst einmal eine Absage: Das sei aus technischen Gründen nicht möglich, man könne mir die Möglichkeiten aber diktieren und ich solle wieder anrufen, wenn sich die Klasse und ich auf ein entsprechendes Modell geeinigt hätten. Etwas verwundert lege ich auf und künde meinen Schützlingen nur zwei Zeitstunden später, was Sache ist. Als wir uns geeinigt haben, rufe ich erneut an, in der Hoffnung, die Tickets gleich buchen zu können. Mais non. Ich bekomme erklärt, dass ich telefonisch die Gruppe für die Fahrt lediglich anmelden könne. Kaufen müsste ich die Tickets am Bahnhof oder an einem Automaten. Viel besser noch: Da wir unterwegs einmal umsteigen müssen, hocken wir für die letzten Stationen im Zug eines privaten Unternehmens (dem ALX) – da müsste ich noch einmal gesondert anrufen, um auch dort die Fahrt mit meiner Klasse anzumelden. Sie selber könnten das nicht telefonisch machen, aber man gibt mir eine Nummer unter der ich das selbst erledigen könne. Etwas irritiert schreibe ich mit, rufe nun dort an, um – wie mir gesagt wurde – meine Fahrt anzumelden. Aber ich bekomme gesagt, dass das telefonisch nicht möglich sei. Ich solle die Fahrt und sämtliche Details in einer eMail an das Unternehmen richten.
    Dieses Hin und Her hat mich ernsthaft fast zwei Zeitstunden gekostet. Für die Anmeldung einer Gruppe für eine Bahnfahrt. Die Anmeldung wohlgemerkt. Denn von einer Zusage sind wir noch weit entfernt. Es kann sein, dass uns ein Betreiber die Fahrt verweigert, da der Zug schon ausgebucht ist. In diesem Fall bekomme ich wieder eine eMail, auf die ich dann bestimmt wieder nicht telefonisch, sondern per eMail-Antwort oder bestenfalls überhaupt nicht mehr antworten soll.
    Im Unterricht oder am Schreibtisch sitzen macht da deutlich mehr Spaß.
    GRR!

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    Twanalog


    avatarMit diesem Tweet von @legereaude ging’s los. Und von dort in Windeseile über Twitter in sämtliche Himmelsrichtungen: #twanalog.
    Das Prinzip dazu ist schnell erklärt: Interessierte schicken ihren Lieblingstweet in Briefform in die Welt hinaus und werden dort von Person zu Person über die Briefkästen „retweetet“. Die Tweets der digitalen Welt werden so auf charmante Weise in die analoge überführt. Putzig.
    Und wieder die Manifestation eines Phänomens, das mir in letzter Zeit immer wieder über den Weg läuft: Die Wertschätzung des geschriebenen Wortes. Oder besser: Die Wehmut nach Handgemachtem. Ich bemerke den Trend auch in der Vehemenz, in der Literatur und Instagram-Accounts über Kalligraphie und Handletterings auf dem Markt aufschlägt. Mit hingebungsvoller Akribie werden dort Buchstaben nicht geschrieben, sondern geformt, ihre Entstehung zelebriert, jeder Strich, jeder Schwung kunstvoll zu Papier gebracht und von der Linse für die Nachwelt festgehalten. Es scheint fast so, als hätten wir durch das digitale Arbeiten zunehmend den Kontakt zum Analogen verloren und insgeheim sehr vermisst. Wie eine Reminiszenz an vergangene Tage, dieselbe verklärte Nostalgie, mit der Retro-Fans liebevoll ihre Vinyl-Platten auflegen, um mit feuchten Augen, das Knistern und Knacken zu vernehmen, das die Songs von einst durchzieht und begleitet.
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    Ich will diesen Trend bestimmt nicht kritisieren – im Gegenteil. Ich bin Teil davon und habe Handlettering und Sketchnotes mittlerweile in Phasen meines Unterrichts fest integriert. Ich war auch einer der ersten, der sich an #twanalog beteiligt hat. Aber die Aktionen zeigen mir eines ganz deutlich: Wir lieben Handgeschriebenes. Und vermissen es, wenn es verloren geht. Daher kann Lernen und Unterrichten niemals rein digital vonstatten gehen. Es würde uns etwas ganz Wichtiges fehlen. Unsere Handschrift. Unsere Individualität. Das „Anfassen“ unserer Buchstaben. Das kann keine Datei, keine App, keine Maschine ersetzen.
    Punkt.

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    Mein „Lieblingstweet“ von Peter Ringeisen 🙂
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  • Allgemeines,  Pädagogik,  Unterricht

    Über verstörende Mäuse

    avat_lachenVertretungsstunde in meiner fünften Klasse. Da nur die Hälfte der Schüler anwesend ist (die anderen wuseln im Sport herum), entscheide ich mich AUSNAHMSWEISE für einen Film. In der Fachschaft Latein sind wir medientechnisch mittlerweile so gut aufgestellt, dass ich auch schnell fündig werde. Eine „Sendung mit der Maus“-DVD mit Beiträgen zur römsichen Geschichte lacht mich geradezu an. Die Folgen haben mittlerweile einige Jährchen auf dem Buckel. Den Beitrag zur Sonnenuhr des Augustus kenne ich sogar noch selber aus Schulzeiten. Das war  anno 19…*unverständlichgrummelmurmelstammel*

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    Die Sonnenuhr der Augustus, zu finden auf http://www.swetzel.ch/sonnenuhren/physu/physu.html

    Die Expertenmeinungen haben einen Großteil der darin aufgestellten Fakten mittlerweile widerlegt, aber das soll uns vorerst nicht kratzen. Wenn der Schatten des Obelisken am Geburtstag des Augustus genau auf die Ara Pacis fällt, um die Menschheit symbolisch auf seine Frieden stiftenden Taten hinzuweisen, ist es totenstill in der Klasse. Der Beitrag verbreitet echtes Indiana-Jones-Flair und verfehlt seine Wirkung nicht beim anwesenden Mini-Publikum. Ich blicke in 12 faszinierte Augenpaare – und 3, die etwas verstört dreinschauen. Es sind unsere drei Schüler aus dem Ausland, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Folge aus der Sendung mit der Maus sehen. Der Beitrag selber ist wunderbar für sie, was ihren Unmut erregt, sind die Zeichentrickclips dazwischen, mit denen die Sachgeschichten aufgelockert werden. „Warum ist das ein blaues Elefant?“ fragt Adrienne aus Frankreich und kratzt sich verstört am Kopf, während eine vibrierende Maus in Orange ihren Bauch aufmacht und ein Uhrwerk offenbart oder beim Angeln plötzlich einen Stöpsel eines Teichs zieht und buchstäblich auf dem Trockenen sitzt. Alles garniert mit denselben Soundeffekten, die sich seit den 70ern nicht mehr geändert haben: Das Kastagnetten-Klappern der Mausaugenlider, das Prusten des Elefanten, das Xylophongeschrammel, wenn einer der Charaktere Sternchen sieht. Das ist schon alles etwas oll… Aber dennoch so vertraut, dass man vor lauter Nostalgie darüber hinwegsieht. Selbst die Zehnjährigen. Als die drei Kinder immer noch etwas verstört umhersehen und die Faszination ihrer deutschen Klassenkameraden bemerken, meint die kleine Harriet auf Englisch, damit es keiner der Schüler mitbekommt: „Sir, what is it they’re so happy about? This big-eyed mouse is really creepy.“ „Well, it’s a German thing.“
    Case closed.
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