Sodale, jetzt neigt sich die Abiturkorrektur so langsam dem Ende zu. Bei mir gab es heute nochmal die mündlichen Prüfungen in Englisch oben drauf, die allesamt ganz ordentlich gelaufen sind. Dennoch: Wenn man sich die Abiture der G8-Jahrgänge anschaut, fallen doch ein paar Unterschiede auf:
- Die Organisation ist noch einmal deutlich komplexer geworden. Und wenn man auch noch externe Bewerber und Personen mit Zeitzuschlag hinzufügt, stehen die Kollegien und Raumplaner bei einer kompakten Schule schon vor ganz schönen Problemen, die es zu lösen gilt.
- Die neuen Aufgabenformen stiften eher Unruhe und Konfusion als dass sie neue Kompetenzen abprüfen. Diese cartoon-based composition war vollmundig als etwas umfassend Neues und Kompetenzorientiertes angepriesen worden. Dieser etwas uninspirierte Mix aus Cartoon-Analyse und Mediation geht aber nicht so ganz auf. Auch dass es am ISB jeweils nur eine illustrierende Prüfungsaufgabe pro Leistungsniveau gab, half bei der Vorbereitung nicht wirklich. So wurschtelte man sich als Kursleitung nach bestem Wissen und Gewissen durch – und bog bei der Bewertung alles so gut es ging zu einem glücklichen Ende. Offensichtlich war das auch dem Ministerium so rückgemeldet worden. Denn die ach so neue Aufgabenform war nirgendwo in den Abituraufgaben zu finden.
- Es ist schier unmöglich, im schriftlichen Abitur eine bodenlos schlechte Note zu bekommen. Das Hörverstehen zählt ganze 20% der Gesamtnote! Das heißt faktisch kommt auch jemand, der in den Schreibaufgaben im Schnitt irgendwo bei vier Punkten rumkrebst, mit einer einigermaßen passablen Listening Comprehension auf 7-8 Punkte. Eine solide Drei. Das ist schon Wahnsinn.
- Die Schülerschaft wirkte dieses Jahr etwas irritiert und unsicher auf mich. Die häufigste Frage meiner Schützlinge war “Welches Spezialthema würden Sie mir empfehlen?” Und zwar fast durchgängig. Dass man sich mit 19 Jahren nicht selbständig zu einer Entscheidung durchringen kann, war mir völlig neu. Dabei bietet die Oberstufe in Englisch schon sehr interessante Themen, die eigentlich jedem Gusto etwas bieten sollten. Schade…
- In den mündlichen Prüfungen bekam ich gelegentlich Falschinformationen als Fakten präsentiert – und das mit einer Inbrunst der Überzeugung, dass sich der Verdacht aufdrängt, dass ein paar Leute die Vorbereitung mit KI bestreiten, die gelegentlich einfach durchdreht. Wenn mir die Ukraine als NATO-Mitglied angepriesen wird, die nun alle anderen Mitglieder zum Eingreifen zwingt, bimmelt da bei mir ein gewisser Propaganda-Apparat durch. Unheimlich.
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