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    Saxa Monacensia: Der Münchner Südfriedhof

    Tief in der Münchner Innenstadt verborgen, liegt der alte Südfriedhof. Hinter dicken Mauern verhüllt, vergisst man in der Hektik des Alltags viel zu schnell, dass er existiert. Zu groß sind die ständigen Ablenkungen der Umgebung im hippen, leider übergentrifizierten Glockenbachviertel: Überall finden sich zahllose Cafés, Restaurants oder schnuckelige Läden, und dann ist da auch noch das Isarufer, das fußläufig in wenigen Minuten zu erreichen ist, sodass man den Südfriedhof allzu schnell ein wenig ignoriert. Schade eigentlich. Denn der Ort ist ein kleines Juwel, der vor allem im Frühling seine Stärken ausspielt. Dank der hohen Mauern sammelt sich nämlich alles, was die Natur in puncto Fortpflanzung aufbietet, fast ausschließlich innerhalb des Friedhofareals. Wie in einem Kessel zirkulieren Pflanzensamen und Pollen und kommen irgendwann auf den Grünflächen zum Erliegen und Keimen. Und das sieht man: Spätestens ab Mitte März bietet der Südfriedhof in der Frühlingssonne ein nimmer endendes Meer an Krokussen, Osterglocken, Schnee- und Maiglöckchen, die die letzten Ruhestätten von so berühmten Münchnern wie Carl Spitzweg oder Leo von Klenze bevölkern und in ein wunderschönes Farbenspiel tauchen, das – um mal die Jugend zu zitieren – totally instagrammable ist.

    Unter den ganzen Grabsteinen und Stelen finden sich – gottlob! – auch die einen oder anderen lateinischen Sinnsprüche, die ich im Zuge einer neuen Folge der Saxa Monacensia gerne vorstellen möchte. Instagrammable? Maybe not, but definitely noteworthy!

    Dulcis praeteritorum memoria

    Übersetzung:

    Süße Erinnerung an die Verstorbenen/Vergangenheit

    Per crucem ad lucem

    Übersetzung:

    Durch/Über das Kreuz ans Licht

    In Deo Pax

    Übersetzung:

    Friede in Gott

    Meinen absoluten Favoriten findet man allerdings kurz vor dem Portal in der Mitte des Friedhofs. Es ist der Grabstein von Martin Schleich, der zu Lebzeiten als Dramatiker und Humorist in Münchner Kreisen wohl bekannt war. Davon zeugt auch seine Grabinschrift, die allerdings streckenweise so in Mitleidenschaft gezogen ist, dass ich sie nicht entziffern kann. Vielleicht kann einer der werten Leser ein bisschen mehr erkennen. Ich wäre um jeden Tipp dankbar.

    <…> lepidique sales, lepidaeque C<…>

    Iucundique ioci, Satyri Saturaeque valete!

    Quibuscum et saeculo valedixit

    Illustris quondam vir Monacensis.

    Dr. Martinus Schleich

    defunctus 13. Oct. 1881

    natus 12. Febr. 1827

    Qui hoc epigramma sibi fieri voluit:

    Iacet. Tacet. Placet.

    Übersetzung:

    Lebt wohl, lässige Witze, lässige C…

    Angenehme Scherze, Satyrn und C<…>.
    Zusammen mit diesen und dem Jahrhundert hat sich der einst berühmte Münchner
    Dr. Martin Schleich verabschiedet;
    gestorben am 13. Oktober 1881,
    geboren am 12. Februar 1827.
    Er wollte, dass für ihn der folgende Grabspruch angefertigt wird:

    (Hier) liegt er. (Hier) schweigt er. Das gefällt.

    Das lateinische Pendant zu „Klappe zu, Affe tot!“

    Der Münchner Südfriedhof bei schönstem Frühlingswetter

    Und hier nochmal in 3D:

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  • Allgemeines,  Alltag,  Technik,  Unterricht

    Lasst uns einfach machen!

    Nicht wundern, wenn es dieser Tage so ruhig um mich ist. Ich bin nicht in Schockstarre verfallen. Oder einem Hirnschlag erlegen. Ich hab einfach nur Corona-bedingt viel Arbeit um mich rum. Sehr viel Arbeit. Seit Ferienende arbeitet die Schule auf Hochtouren, um der neuen Situation mehr und mehr gerecht zu werden und so etwas wie Unterricht zu ermöglichen. Aus der Notlösung bis zu den Osterferien ist etwas Längerfristiges geworden. Etwas Unabsehbares. Und diesem Zustand wollen und müssen wir Rechnung tragen. In so einer Zeit machen Artikel, die Schulen und das dazugehörige Kollegium mal pauschal ohrfeigen, in denselben Topf werfen und ein paar mal draufschlagen, genau das Richtige, um seine Laune nach einem 14-Stunden-Tag zu heben. Denn wir dieser Tage etwas NICHT machen, dann faul auf unseren verbeamteten Hintern zu sitzen. Es gilt alle zufrieden zu stellen. Und alle wollen etwas anderes:

    • Wir haben Eltern, die Videokonferenzen wollen.
    • Wir haben Eltern, die keine Videokonferenzen wollen. – wegen des Datenschutzes
    • Wir haben Eltern, die Videokonferenzen wollen – aber nur über etwas Datenschutzkonformes.
    • Wir haben Eltern, die Videokonferenzen wollen – aber nur über Zoom, weil das die Kinder ohnehin schon installiert haben.
    • Wir haben Eltern, die überhaupt keine Videokonferenzen wollen, weil die Kinder sonst den halben Tag den einzigen PC im Haushalt belegen.
    • Wir haben Eltern, die überhaupt keinen PC im Haus haben.
    • Wir haben Eltern, die über zu viel Abwechslung klagen.
    • Wir haben Eltern, die über zu wenig Abwechslung klagen.
    • Wir haben Eltern, die absolut zufrieden sind so wie es ist.
    • Wir haben Eltern, die sich vor Lob überschlagen.
    • Wir haben Eltern, die über das zu hohe Pensum klagen.
    • Wir haben Eltern, die über das zu geringe Pensum klagen.
    • Wir haben Eltern, die uns mal eben eine digitale Ablage programmieren, um die Mebis-Abstürze abzufangen.
    • Wir haben Klagen über zu wenig Mebis.
    • Wir haben Klagen über viel zu viel Mebis.
    • Wir haben Klagen über den Zusammenbruch von Mebis.
    • Wir haben Schüler, die sofort begeistert online sind.
    • Wir haben Schüler, die zu keiner Konferenz auftauchen.
    • Wir haben Schüler, die brav Mebis nutzen und Aufträge abgeben.
    • Wir haben Schüler, die Mebis gelegentlich nutzen.
    • Wir haben Schüler, die Mebis kein einziges Mal nutzen.
    • Wir haben Schüler, die Kollegen bei Online-Problemen helfen.
    • Wir haben Kollegen, die nebenher einen eigenen Jitsi-Server auf die Beine stellen – DSGVO-konform und auf eigene Kosten.
    • Wir haben Kollegen, die zu zweit mit einem tatkräftigen Schülervater eine WebEx Domain aufsetzen und über die kompletten Osterferien alle interessierten Kollegen und Klassen an Bord holen. Es werden knapp 600 werden. Einfach mal nebenher.
    • Wir haben Kollegen, die Schülern bei Online-Problemen helfen.
    • Wir haben Kollegen, die im Klassenteam bereitwillig alle Schüler abtelefonieren und fragen, wie es ihnen geht.
    • Wir haben Kollegen, die gerne Videokonferenzen halten wollen.
    • Wir haben Kollegen, die ungern Videokonferenzen halten wollen, weil sie ungern ihr Gesicht in eine Kamera halten.
    • Wir haben Kollegen, die Videokonferenzen halten wollen, aber nur über Zoom/Skype/MS Teams
    • Wir haben Kollegen, die von zuhause mit Kleinkind auf dem Arm ihre Stunden machen, weil es gerade nicht anders geht.
    • Wir haben Kollegen, die ihre Privatnummern für Kummersprechstunden ausgeben.
    • Wir haben Kollegen, die sich in Windeseile die nötige Hardware für Videokonferenzen zulegen.
    • Wir haben Kollegen, die sich in Windeseile in Mebis fortbilden.
    • Wir haben Kollegen, die alle Klassen vorsorglich auf Mebis holen.
    • Wir haben Kollegen, die für Klassen und Kollegen Sportstunden aus ihrem heimischen Wohnzimmer streamen, um Monotonie vorzubeugen.
    • Wir haben Kollegen, die zum ersten Mal in ihrem Leben Lernvideos aufnehmen.
    • Wir haben Kollegen, die die für Eltern und Kollegen Lernvideos drehen.
    • Wir haben Kollegen, die Eltern in Videosprechstunden stundenlang die Möglichkeiten des Videoconferencing erklären.
    • Wir haben Kollegen, die einfach machen.
      Und ich bin Teil davon.
      Ich gebe mein effing best.
      Wir geben unser effing best.
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    4.6
  • Allgemeines,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Das Portal des alten botanischen Garten

    Da wir uns ja aktuell eher in den eigenen vier Wänden aufhalten als draußen, dachte ich, ich bringe euch einfach ein bisschen Aprilsonne aus München in eure heimischen Stuben. Nämlich mit einer neuen Folge zu den Saxa Moncensia. Unser kleiner Ausflug führt uns heute in den alten Botanischen Garten. Im Jahre 1812 eröffnet, um den Leuten die Flora und Fauna nahe zu bringen, ist aus dem ehemaligen Prunkstück mittlerweile leider ein Ort von eher zweifelhaften Ruf geworden. Schuld daran sind die doch recht zwielichtigen Gestalten, die aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Hauptbahnhof den Park zu jeder Tages- und Nachtzeit bevölkern und allerhand Unfug treiben. Bei den ganzen Negativschlagzeilen, mit denen das Areal deswegen in den letzten Jahren in Verruf gekommen ist, übersieht man leider nur allzu schnell, wie hübsch der alte botanische Garten eigentlich angelegt ist: Prächtige Blumenbeete säumen die Wege, im direkt anliegenden Park-Café tummeln sich die Leute in der Frühlingssonne, verschlungene Wege führen in dicht bewaldete Abschnitte – und dann ist da noch der imposante Neptunbrunnen, der 1937 nachträglich in die Anlage von Joseph Wackerle eingefügt wurde: Eine riesige Fontänenanlage mit einem gigantischen Wassergott im Zentrum, dem man seine Entstehungszeit in Nazideutschland leider nur all zu deutlich ansieht.

    Doch unsere eigentliche Hauptattraktion führt uns eigentlich durch den Park hindurch. Eigentlich fast schon raus. Denn sie ist direkt vor dem Alten botanischen Garten angebracht. Nämlich am klassizistischen Portal. Dort finden sich über den imposant gestalteten dorischen Säulen die Worte, die keinem geringeren als Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben sind – nämlich anlässlich der Einweihung des Parks:

    Eingangsportal des Alten Botanischen Gartens in München

    Florum daedalae telluris gentes dissitae Maximiliani Ios[ephi] r[egis] nomine consociatae, MDCCCXII

    Wie es sich für einen echten Goethe gehört, ist die kunstvolle Inschrift alles andere als ein Kinderspiel, da die Bezüge kreuz und quer stehen und sogar mehrere Versionen zulassen. Das Adjektiv daedalus (kunstfertig) kann nämlich unterschiedlich bezogen werden. Entweder auf telluris oder auf gentes. Ich hab das mal kurz angemarkert:

    Deswegen lässt sich der Spruch auch in zwei möglichen Varianten übersetzen:

    • Ausgesäte Arten von Blumen der Erde auf Geheiß von König Maximilian Joseph im Jahre 1812 kunstvoll [in diesem Garten] vereint. (In diesem Fall wäre daedalae auf die Blumenarten bezogen)

    • Ausgesäte Arten von Blumen der Künstlerin Erde auf Geheiß von König Maximilian Joseph im Jahre 1812 [in diesem Garten] vereint. (In diesem Fall wäre daedalae auf die Erde bezogen)

    Manche Beiträge wählen die erstere Übersetzung. Wikipedia zieht sich sogar komplett aus der Affäre und lässt das dubiose Adjektiv  einfach aus der Übersetzung raus. Ich persönlich würde die zweite Variante bevorzugen. Nicht nur, weil der Lateinlehrer gerne mal gegen den Strom schwimmt. Sondern weil die Erde als schöpfende Kraft, die mit einer gewissen Vernunft die Natur so einrichtet, wie sie es für richtig hält, in der lateinischen Literatur und Philosophie gerne immer wieder auftaucht. Zum Beispiel auch beim Autor Lukrez. In dessen de rerum natura erscheint dieser Ausdruck der daedala tellus sogar wortwörtlich (De rerum naturae, I, 6-8):

    te, dea, te fugiunt venti, te nubila caeli
    adventumque tuum, tibi suavis daedala tellus
    summittit flores […]

    Dass Goethe mit den Werken des Lukrez vertraut war, wollen wir mal stillschweigend annehmen. Dafür spricht auch, dass in der Portalinschrift wie auch in der Passage beide Male die tellus mit flores in Verbindung gebracht wird. Damit beweist Goethe gleichzeitig auch noch seine Belesenheit wie auch seinen Intellekt, denn die Werke des Lukrez gelten in vielerlei Hinsicht als einzigartig. Nicht nur, dass wir es hier mit einem der anspruchsvollsten römischen Autoren überhaupt zu tun haben. Er ist auch der einzige Dichter, der ein Lehrgedicht über die Welt verfasst hat und sich dabei als einziger uns bekannter römischer Schriftsteller der Lehre des Epikur anschließt. So viel Wissen in einer windigen Inschrift. Nicht schlecht, Herr von Goethe!

     

     

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    5
  • Alltag,  Technik,  Unterricht

    Apps im Unterricht: Lernvideos erstellen mit Lecture Videos

    Es gibt wenige Apps, die mich in meiner Android-Karriere so lange begleiten wie Lecture Notes. Schon anno 2013 war ich von dem schieren Umfang dieser Anwendung fasziniert wie auch verstört. Und auch sieben Jahre später fallen mir immer wieder neue Features in die Hände, die ich bislang ignoriert hatte. Zum Beispiel die Add-ons zu dem Programm. Genauer gesagt: LectureVideos. Mit diesem Add-on sind in Windeseile Lernvideos erstellt, die flüssig laufen und trotzdem insgesamt recht datensparsam daherkommen. Eine Seltenheit, wenn man sich die zahlreichen Apps ansieht, die Screen Recording bieten. Das war oft entweder rucklig. Oder verschoben im Format. Oder gewaltig in der Datengröße. Oder alles zusammen.

    Mit LectureVideos geht das wunderbar: Notizbuch öffnen, Material importieren, Aufnahmebutton drücken und los geht’s. So fix geht das noch nicht mal bei Explain Everything.

    Alle Videos, die innerhalb eines Notizbuches gemacht werden, sind in der Notizbuchvideowiedergabe vorgespeichert. Für den Export als Mp4-Datei wählt man einfach das entsprechende Video an et voilà: Habemus Lernvideo.

    Ta-Dah!

    Jetzt muss ich nur noch den Anflug von Lampenfieber überwinden, der sich immer kurz vor der Aufnahme beschleicht.

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    5
  • Technik,  Unterricht

    Mebis-serl was geht immer: Folge 1: Kurskosmetik

    Zu Beginn befassen wir uns mit etwas recht Lapidaren: Dem schnöden Äußeren von Mebis. Denn so vielfältig die Möglichkeiten der Plattform auch sein mögen, vermisst man zu Beginn vielleicht ein bisschen einen Leitfaden, der etwas Ordnung in das Durcheinander bringt: Aktivitäten hier, Themen da, Kursformate da drüben. Das ist zu Beginn für den Einsteiger doch ein bisschen viel. Hier sind daher ein paar Kostbarkeiten, die ich für die Ordnung innerhalb eines Mebis-Kurses wahnsinnig hilfreich fand und erst seit Kurzem so zu schätzen weiß:

    Aktivität Textfeld

    Unter den zahlreichen Aktivitäten in Mebis, die jeweils mit schickem Symbol versehen waren, habe ich lange eine Kleinigkeit schmerzlich vermisst, die mir fast als peinliche Lappalie vorkam: Wohin soll ich denn die Arbeitsanweisungen schreiben. Etwa unter der Beschreibung der jeweiligen Aktivität, die man dann auf der Hauptseite einblenden lässt? Oder gibt es nicht einfach eine Möglichkeit auf der Hauptseite einfach Fließtext einzufügen? Ohne flashy Aktivitätsicon. Einfach Text, der sagt, was zu tun ist? Überraschung. Die Option gibt es. Sie heißt Textfeld. Und der Name ist Programm. Damit lassen sich Überschriften erstellen, Arbeitsaufträge formulieren oder kleine Aufmunterungen unter die Vielzahl von Arbeitsaufträgen unterbringen.

    Ein ganz unscheinbares Textfeld mit ein paar einleitenden Worten zum nächsten Thema


    Themen hervorheben

    In einem Oberstufenkurs, der zwei Schuljahre dauert, kommt einiges an Themen zusammen. Allein in Englisch werden es, wenn man sich brav an den Lehrplan hält, 16 Themen, was in einem Mebiskurs mal schnell unübersichtlich wird. Wie gut, dass es dort die „Hervorheben“-Funktion gibt – im Bild auf Englisch -, die das aktuelle Thema auf Knopfdruck für jedermann und -frau sichtbar macht. Aktiviert wird die putzige Funktion im Menü „Bearbeiten“ des jeweiligen Themas. Und schon ist das aktuelle Thema bei jedem Log-In farblich hervorgehoben.

    Ist ein Thema hervorgehoben, wird es in der jeweiligen Ansicht farblich herausgestellt; zum Beispiel hier im Grid-Format


    Aktivitäten einrücken

    Direkt im Menü „Bearbeiten“ zu jeder Aktivität findet sich die Funktion „Einrücken“. Der Name ist Programm und eigentlich völlig unscheinbar. Ich musste aber sechs Jahre mit der Plattform arbeiten, um sie im Zusammenhang mit einem der aktuelleren Blogartikel ganz nebenbei in einem Kommentar von Birgit Vogler kennenzulernen. Ähnnlich wie in der Textverarbeitung werden innerhalb eines Themas mit dieser Funktion ausgewählte Aktionen eingerückt. Perfekt, um innerhalb eines größeren Themas Unterstrukturen zu schaffen und so Orientierung zu geben.

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    4
  • Allgemeines,  Alltag,  Pädagogik,  Technik,  Unterricht

    Software im Unterricht: Jitsi

    Woche drei ist angebrochen. Drei Wochen seit dem Corona Lockdown. In diesen komischen Zustand schleicht sich so langsam Routine hinein. Der komische Zustand ist Routine geworden. Dieses seltsame Gefühl, weiterhin seinen Job zu machen und dann auch wieder irgendwie nicht richtig: Übungen zu erstellen für eine Klasse, die man nicht sieht. Unterricht vorzubereiten, den man nicht hält. Mit Kollegen über Dienstliches zu kommunizieren, die man seit fast drei Wochen nicht mehr gesehen hat. Die soziale Isolation im Arbeitsleben wiegt zunehmend schwerer. Man vermisst die Kinder. Man vermisst die Kollegen. Und die Kollegen vermissen zurück. Nach den ersten Wochen, in denen man in der Whatsapp-Lehrergruppe noch Memes und flotte Einzeiler in die Chats abließ, wird der Ton anders. Es wird persönlicher: Die Leute verschicken Videos. Von sich. Kleine Redebeiträge, kleine Sport-Übungen, um am Arbeitsplatz ein bisschen Bewegung zu bekommen. Indoor-Boulder-Exercises. Oder aber auch TikTok-würdige Minisketche. Allein deswegen merkt man so langsam, dass sich ein Lagerkoller breit macht. Man muss sich einfach wieder sehen. Auch die Klassen. Anfragen wegen eines Videochat Systems machen sich seit letzter Woche zunehmend breit. Und man geht auf die Suche nach möglichen Formaten. Dank Twitterlehrerzimmer schwirren die Namen der big players umher: Skype, Zoom, MS Teams, Twitch, Discord – zusammen mit den damit verbundenen Risiken des Datenschutzes, die laut KMS in den Corona-Zeiten gelockert, aber nicht vergessen sein mögen. Nach ein paar Nachfragen und ein bisschen Einlesen versuche ich mich an ein paar Testläufen und schau mal in Jitsi rein. Das geht wirklich erstaunlich schnell: Kanal öffnen, Link dazu kopieren. Schluss. Nach einem kurzen Twitter-Testlauf und einem zünftigen Meet and Greet mit Herr Rau, Georg Schlamp und Frimelotta als Versuchskaninchen entscheide ich mich probeweise für eine Session mit einer meiner Klassen. Kurze Anleitung verfasst und ab die Post.
    Entgegen aller Befürchtungen läuft Jitsi von Anfang an sehr stabil. Das liegt vorrangig an den 25 Mithörenden, die alle brav die Kamera ausgestellt haben, um Traffic einzusparen. Der Smalltalk ist schnell abgehandelt. Die Herren und Damen an den Rechnern klingen eigentlich ganz gechillt und tragen den Unterrichtsausfall mit der gebotenen Fassung. Es wird ein bisschen gefeixt, geblödelt, beruhigt (die ausfallende Schulaufgabe ist DAS beherrschende Thema) und zum Schluss dürfen alle mal die Kamera einstellen um Jitsi auf eine Probe zu stellen, und in die Kamera winken. Und ich sehe sie: 25 glücklich drein blickende Kinder. Hat gut getan. Uns allen.
    Nächste Woche mal gleich wieder!

    Guerilla-Shot 😉
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    4.7
  • Allgemeines,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Inschrift in der Pflugstraße

    Es ist März in München. Die Frühlingssonne strahlt munter vom tiefblauen Himmel und hüllt die Straßen in gleißendes Licht.  Die Bäume wiegen sich im eisigen Ostwind hin und her. Und auf den verlassenen Wiesen in den Parks tummelt sich unbeschwert eine Armada an Gänsen, Enten, Eichhörnchen und Karnickel.

    Keine Menschenseele im Westpark

    Nur eine Gruppe fehlt im Bild. Wir. Der civis Monacensis vulgaris betrachtet dieses Schauspiel dieser Tage lieber vom Fenster aus. Dank Corona hängt über Bayern seit Freitag letzter Woche die Ausgangssperre dräuend über uns. Ein Großteil der Geschäfte ist zu, die Schulen sind seit Tagen geschlossen. Die Menschen sind angehalten, ihr Privatleben auf ein Minimum zu beschränken. Nach draußen sollen nur die mit triftigen Gründen. Was nun ein solcher sein möge, darüber herrscht immer noch eine gewisse Unsicherheit – auch wenn sich das bayerische Innenministerium alle Mühe gibt, Licht ins Dunkel zu bringen. Die meisten gehen daher einfach auf Nummer sicher und verlassen einfach mal prophylaktisch nicht das Haus. Und zwar Münchenweit. Selbst auf dem Viktualienmarkt, wo vor zwei Wochen trotz Bitten von oben nach wie vor die Hölle los war – der Münchner Hipster lässt sich doch seinen Sprizz nicht verbieten! – schleicht verstohlen die eine oder andere Person einsam und allein vor sich hin. Vorsorglich mit gesenktem Kopf, damit man auch nach außen den Anschein erweckt, keine Lust auf ein Gespräch zu haben. Gut so. Denn würde man von dort nur ein paar Meter ums Eck schlendern, würde man in dieser Haltung endlich mal auf einen lateinischen Spruch stoßen, den man seit Jahren wohl buchstäblich mit Füßen getreten hat. Er ist nämlich in den Boden eingelassen und präsentiert sich auf dem Bürgersteig zur Pflugstraße:

    Corrige praeteritum, praesens rege, discerne futurum

    Übersetzung:
    Berichtige die Vergangenheit, herrsche über die Gegenwart, erkenne die Zukunft!

    Quelle: Wikipedia

    Die Herkunft des Spruches ist leider ebenso unbekannt, wie der Grund, warum diese Inschrift ausgerechnet an dieser Stelle zu finden ist. Er ist nämlich vorrangig auf Sonnenuhren zu finden – von denen in der Umgebung weit und breit keine zu sehen ist. Nur die Turmuhr des Isartors ist in direktem Blickfeld. Und die ist ein ganz besonderes Exemplar, da sie in Erinnerung an unseren Volkskomiker Karl Valentin verkehrt herum geht. Vielleicht ist aber auch das genau der tiefere Sinn im Zusammenhang mit dieser Inschrift: Wenn bei fortschreitender Zeit auf dieser Uhr die verstreichenden Minuten scheinbar rückwärts laufen und sich für den Betrachter wieder in die Vergangenheit drehen, verwischen die Grenzen zwischen den Zeiten. Discerne futurum? Mit dieser Uhr gar nicht so einfach…

    Quelle: Wikipedia
    Bildnachweise:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Uhr_am_Isartor_Muenchen.jpg
    https://de.wikipedia.org/wiki/Isartor#/media/Datei:Isartor,_M%C3%BAnich,_Alemania02.JPG
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  • Allgemeines,  Alltag,  Pädagogik,  Technik,  Unterricht

    Statusbericht

    Schließungswoche zwei ist bei uns nun Ende. Die Woche ging recht turbulent los, der Stress hat sich allerdings wie erwartet zunehmend gelegt. Die funktionierenden Infokanäle haben sich eingespielt, die defizitären wurden über Bord geworfen. Mebis hat mächtig aufgestockt, um dem riesigen Ansturm an Anmeldungen gerecht zu werden. Und der war, wenn man den Zahlen vom Kultusministerium glauben will, riesig.

    Offizielle Meldung von www.km.bayern.de

    So hat nun jeder sein System, über das man mit seinen Klassen in Kontakt steht. Bei mir läuft es auf eine Kombination von digitaler Ablage für die Unterstufen und Mebis für die obere Mittelstufe und die Abschlussklassen heraus. Das sind die Klassen und Kurse, die mit der Plattform ohnehin schon arbeiten und gut damit zurecht kommen. Echten Unterricht übersetzt das natürlich freilich nicht, aber es groovt sich ein. Nach anfänglichen Stolperfallen.
    Auch mir fällt das komplette Arbeiten mit Fernunterricht zu Beginn etwas schwer. Das Erstellen von Aufgaben und das Erklären von neuen Inhalten dauert inklusive der Lösungen, die ich gebe, zweimal so lange wie eine reguläre Stundenvorbereitung. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich diese Stunden künftig auch so halten kann – schülerzentriert und nicht mehr als Dozent. Das bringt künftig ein bisschen Abwechslung und Selbständigkeit. Es bleibt also nichts für die Tonne produziert.
    Die Kinder selbst scheinen insgesamt gut mit dem gewählten Procedere zurechtzukommen und bedanken sich brav per eMail für ihr Arbeitspensum (vermutlich mit dem mütterlichen Nudelholz im Anschlag, das ließ sich aber mangels Videochat nicht nachprüfen). Aber dennoch: Als  Grundtenor scheint immer wieder durch: Das Menschliche fehlt einfach. Regelmäßig werden Rufe laut, ob man sich denn nicht einfach mal kurz zu einem Videochat treffen könne. Bei Zoom zum Beispiel. Oder Skype. Oder Twitch. Oder einem Hangout. Das meiste verbietet sich leider aus gewissen Datenschutzgründen, aber die Verlockung bleibt bestehen, sich auf die Suche nach einer unproblematischen Lösung zu begeben. Aktuell ist die Schul.Cloud bei den Messengern hoch im Kurs (Chats und Mitteilungen wurden bei mebis leider aufgrund des hohen Datenaufkommens vorübergehend deaktiviert), bei Video hat Stephan Hanauska Jitsi lobend hervorgehoben. Vielleicht kann ich mich in dieser Hinsicht mal in einer ruhigen Minute dahinter klemmen und nachforschen. Mal was Neues probieren. Horizont erweitern. Und sei’s nur, um mal ein bisschen seine Fertigkeiten zu optimieren. Ich werde berichten.

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  • Allgemeines,  Unterricht

    Hilfe! Bzw. Hilfe

    Endlich. Ein bisschen Ruhe. Das erste Mal, seit unsere Schule zugemacht wurde. Für den Außenstehenden kommt dieser Wunsch nach Erholung absolut unverständlich. „Wieso das denn? Du hast doch im Moment eh nichts zu tun“, bekomme ich von einem Freund gesagt, der mich für morgen in die Berge einladen will. Au contraire, mon frère…
    Seit aus der zweitägigen Schließung erst drei und dann noch deutlich mehr geworden sind, ist an den Schulen die Hölle los. Es beginnt alles mit der Konferenz von Ministerpräsident und Kultusminister letzte Woche, in der das vor ein paar Tagen noch Unvorstellbare verkündet wird: Die Schulen bleiben erstmal zu. Bis sage und schreibe Ostern. Mitten in der Abiturvorbereitung. Der Unterricht soll über die Zeit online überbrückt werden. Stolz wird in der Konferenz auf Mebis hingewiesen, einer der wenigen Lernplattformen eines Bundeslandes deutschlandweit, in der angeblich modern und datenschutzkonform unterrichtet werden kann – und das seit Jahren stabil und erfolgreich. Dass das auch deswegen der Fall ist, weil viele die Plattform aufgrund einer gewissen Sperrigkeit bis heute nicht nutzen, wird dabei etwas unter den Tisch gekehrt. Ich kann diesbezüglich ja auch ein Liedchen singen und habe mehrere Anläufe gebraucht, um mit Mebis warm zu werden. Aber es gibt ja auch noch andere Wege, den Schülern Material zukommen zu lassen. Na, dann Ärmel hochkrempeln und loslegen.
    Die Nachricht breitet sich im Kollegium wie ein Lauffeuer aus. Im Team aus Mebis-Koordinatoren, Direktorat und Systembetreuer versuchen wir der zahlreichen Anfragen Herr bzw. Frau zu werden. Wir kommunizieren untereinander und mit den Leuten tagelang über alles, was uns zur Verfügung steht: Chats, Portal, Telefon, Mebis, Email – alles ist dabei. Es werden Verteilerlisten für die einzelnen Klassen angelegt, ich mache unser Online-Archiv mit allen Skripten zu den bisher gehaltenen Fortbildungen öffentlich zugänglich, berate bei Einzelfragen. Und nebenher läuft die Unterrichtsvorbereitung. Die Oberstufe – aufgrund der Aktualität der Themen immer sehr vorbereitungsaufwendig – ist dieses Mal interessanterweise das geringste Problem. Die Leute sind es bei mir gewohnt, viel mit dem PC zu arbeiten, selbständig zu recherchieren, Ergebnisse zusammenzutragen, zu kommunizieren. Es ist die Unterstufe, die mir auf einmal Kopfzerbrechen bereitet. Normalerweise schüttele ich die Stunden da in Nullkommanix aus dem Ärmel. Ich kenne meine Einstiege, meine Vokabelhilfen, meine Tricks, mit denen ich in Grammatikphasen die Kinder mit der Nase auf die richtige Lösung stoßen lasse und das Gefühl vermittle, sie hätten sich das alles selbständig beigebracht. Das alles fehlt mir jetzt. Lernvideos hin oder her. Die menschliche Interaktion mit den Kleinen fehlt mir. Und mit den großen auch. Und den ganz Großen. Ich vermisse mein Kollegium – das einerseits in der Not so toll zusammenrückt und doch so getrennt voneinander operiert. Aber wir helfen. So gut wie es geht. Nur halt aus der Ferne.
    Auch von Elternseite kommt über das Wochenende eine Menge an tollen Initiativen. Ein Vater hat auf die Schnelle ein Ablagesystem programmiert, in dem das Kollegium unkompliziert Arbeitsaufträge und Materialien für ihre Klassen ablegen kann. Ein anderer bietet seine Hilfe an bei der Installation einer Software zum datenschutzkonformen Kommunizieren über Video-Chats, damit man seine Klassen auch mal wieder zu Gesicht bekommt. Alles unentgeltlich. So auch die zahllosen Hilftsangebote in den sozialen Medien über das Twitterlehrerzimmer. Sowohl Bob Blume als auch Andreas Kalt haben hervorragende Sammlungen zu Tools zusammengestellt (Bob hat sie sogar mit zahlreichen Videos im Selbstversuch angetestet!), sodass ich selber eigentlich gar nichts mehr dazu beisteuern kann und möchte – von diesen Zeilen abgesehen. Die dort aufgeführten digitalen Hilfen sind durch die Bank erprobt und erhaben. Damit kann jeder seinen Unterricht aufrecht erhalten, wenn er es möchte. Wer das nicht möchte, unkt wie üblich vor sich hin. Kritisiert die Tool-Aufstellungen als unzureichend, macht sich lustig über die Hilflosigkeit der Leute, ätzt gegen die Versuche, den herkömmlichen Unterricht auf digital zu legen. Nur eines machen diese Wers nicht: Alternativen anbieten. Und so werkeln die Unerschütterlichen aller Unkenrufe zum Trotz vor sich hin und starten noch einigermaßen gechillt ins Wochenende.
    Dann kommt der Montag: Startschuss für das, was man mit dem unglücklich gewählten Ausdruck #coronaferien betitelt hat. Denn das, was uns hier bevorsteht, ist alles andere als Urlaub. Für keinen von uns. Andreas titelte geradezu prophetische in der Frühe:

    Andreas sollte Recht behalten…
    https://twitter.com/mebis_bayern

    Er sollte Recht behalten.
    Es geht schon in der Frühe los. Mebis ist zu. Kompettausfall. Aufgrund einer Cyberattacke hat man die Plattform vom Netz genommen. Das Prestigeprojekt versagt gerade jetzt, wo es händeringend gebraucht wird, den so ersehnten Dienst.
    Natürlich unverschuldet, klar. Aber was für eine Chance, die da genommen wurde! Und wieviel Wasser auf die Mühlen der Zweifler, wenn es um digitales Arbeiten geht! In der Situation möchte man eigentlich nur noch lachen. Wie die bayerische Sonne zum Beispiel. Die beschert uns in der Krise schönstes Frühlingswetter, das sich keiner so wirklich zu nutzen traut. Der Marienplatz ist fast menschenleer. In den U-Bahnen tummelt sich eine Hand von Leuten. Die Außenplätze der Cafés, die bei diesen Temperaturen immer aus allen Nähten zu platzen drohten, sind weitgehend unbesetzt. Die ganz kleinen machen in den nächsten Tagen sogar völlig zu. Rentiert sich einfach nicht, sagt uns der Besitzer. Was er denn jetzt in der nächsten Zeit dann so mache, frage ich ihn, wenn geschlossen ist. Ach, lacht der Besitzer, er mache mit seinem Partner jetzt einfach zwei Wochen lang eine Radtour. Der sei Lehrer. Der habe gerade auch nichts so tun. Ich mache wohl irgendwas falsch…

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  • Allgemeines,  Latein,  Unterricht

    Saxa Monacensia: Die Inschrift der Mariensäule

    Unter all den lateinischen Inschriften, die München zu bieten hat, ist die Inschrift auf der Mariensäule, die dem Münchner Marienplatz seinen Namen gegeben hat (vorher war er als Schrannenplatz bekannt), wohl diejenige, die ich mit Abstand am längsten kenne. Um ihre Übersetzung habe ich mich allerdings nie gekümmert. Warum auch? Jedes Kind, das in München geboren ist, weiß um ihre Bedeutung: Maximilian I. spendete die Säule im Dreißigjährigen Krieg, da die Stadt entgegen aller Befürchtungen von einer Zerstörung durch die schwedischen Belagerer verschont geblieben war. Wirklich genauer angesehen habe ich mir die Inschrift erst im Zuge der saxa monacensia… Und hatte damit ehrlich gesagt ein bisschen meine Probleme.
    Das lag nicht unbedingt an der Grammatik. Die ist nämlich relativ stringent, sobald man die fehlende Interpunktion einfügt (die allerdings durchaus strittig ist). Das Problem ist tatsächlich das Vokabular. Denn die Inschrift beinhaltet zahlreiche Titel aus neulateinischer Zeit – Begriffe, die man im klassischen Lateinstudium so nie zu Gesicht bekommen hat. Es sei denn, man hat den einen oder anderen Abstecher ins Mittellatein unternommen und ein bisschen Einblick in dessen Dokumente den etwas quirky Wortschatz gehabt. So habe ich wirklich wieder einiges dazugelernt. Der geneigte Leser vielleicht auch.

    Die Abschrift der Inschrift lautet:

    Deo optimo maximo, virgini deiparae, Boicae dominae benignissimae, protectrici potentissimae ob patriam, urbes, exercitus, seipsum, domum et spes suas servatas
    hoc perenne ad posteros monumentum Maximilianus com(es) Pal(atinus) Rhen(i) utriusque Bavariae dux S(acri) R(omani) I(mperii) archidapif(er) et elector clientum infimus gratus supplex posuit a(nno) MDCXXXIIX.

    Übersetzung:
    Für den größten und besten Gott, die gottgebärende Jungfrau, die gütigste Herrin Bayerns und mächtigste Beschützerin hat Maximilian, Hofpfalzgraf am Rhein, Herzog und beider Bayern (gemeint ist Ober- und Niederbayern), des heiligen römischen Reiches, Erztruchess und Kurfürst, unterster ihrer Diener dankbar und demütig im Jahre 1638  dieses für die Nachkommen immerwährende Denkmal  aufgestellt wegen der Bewahrung von Heimat, Städten, Heere, seiner selbst, seines Hauses und seiner Hoffnungen.

    Die Übersetzung habe ich für eventuelle Einsätze im Unterricht möglichst textnah gehalten, auch wenn auf diese Weise ein paar Ausdrücke etwas seltsam anmuten. Der Ausdruck des Deus Optimus Maximus ist eine direkte Imitation des römischen Iupiter Optimus Maximus, was man im christlichen Sinne wohl mit anderen Adjektiven wiedergeben könnte, die den höchsten Eigenschaften des christlichen Gottes am ehesten entsprechen. Joseph Maier schlug in seiner Schrift „Säulen des Bayrlands“ aus dem Jahre 1738 die Übersetzung „allergütigst und höchst“ vor, was der Übersetzung wohl recht nahe kommen dürfte.
    Probleme beim Übersetzen dürften auch ein paar der Adelstitel darstellen, die ich ehrlicherweise selbst ein bisschen nachschauen musste:

    comes palatinus: Hofpfalzgraf (hoher Amtsträger mit weitreichenden administrativen und juristischen Befugnissen)
    archidapifer:  Erztruchsess (oberster Aufseher über die fürstliche Tafel)
    elector:  Kurfürst (Ranghoher Fürst mit Befugnis zur Wahl eines Königs)

    Eine entsprechende Umdeutung haben desweiteren die Begriffe des dux (hier: Herzog) sowie cliens erfahren, den man in der Schule nur aus dem römischen Bereich des patronus – cliens – Verhältnisses kennt. Er beschreibt an sich das Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen diesen beiden Parteien besteht, in dem sich der Klient dem Schutz durch den patronus unterordnet. Im religiösen Sinne wäre hier wohl die Bedeutung des Bittstellers für mich am ehesten gegeben. Andere Übersetzungen lauten Pfleg-Kind (Joseph Maier) oder Schutzbefohlene. Ein bisschen herausgemogelt habe ich mich bei boicus, das mir in allen bekannten Wörterbüchern lediglich als Adjektiv (bayerisch) aufgelistet ist. Ich habe es unverschämterweise einfach nominalisiert und auf den schönen Freistaat umgemünzt.

    Auf der Homepage der klassischen Fachdidaktik der LMU München lässt sich zu diesem Thema übrigens ein toller Abriss über die unterschiedlichen Versionen der Inschrift nachlesen, die an dieser Stelle angebracht waren.

    Ein bisschen mehr als nur eine Tourismus-Attraktion: Die Mariensäule zu München
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