Langsam schleicht es sich an, haben sie gesagt. Man merkt es kaum, haben sie gesagt. Das Alter. Und es stimmt. Langsam hab ich das Gefühl, dass es von heute auf morgen an allen Ecken und Enden kracht. Mal kribbelt ein Finger, dann die Hand, dann der Oberarm, dann knackt die Wirbelsäule bei ruckartigen Bewegungen wie ein trockener Ast. Weh tut eigentlich rein gar nichts, aber man merkt, dass irgendwo im Körper was nicht passt. Trotz Fitnessstudios, in das ich mich seit mehr als zehn Jahren schleppe. Trotz eines unauffälligen Normalgewichtes. Irgendwann geht’s einfach los…
Ein Physiotherapeut hat mich letzte Woche durchgecheckt. Bei seiner Diagnose fühle ich mich wie ein alter VW kurz vor der Abwrackung. Meine gesamte Körperachse ist schief. Schief durch das jahrelange Tragen einer Lehrertasche, die scheinbar kein Limit im Fassungsvermögen kennt. Schief durch das ständige Verharren auf einem Standbein im Unterricht. Schief durch die vornübergebeugte Haltung am Schreibtisch beim Korrigieren und Vorbereiten. Schief wie der Turm von Pisa. Und das hat Auswirkungen. Große Auswirkungen. Meine Schultermuskulatur versucht wohl schon seit geraumer Zeit, diese Schiefstellung zur Seite und nach vorne auszugleichen und hat mittlerweile einfach kapituliert. Das Ergebnis: eine große Verspannung im Halswirbelsäulenbereich, die bei entprechender Behandlung fünf bis sechs deutlich spürbare Knoten erspüren lässt. Ein Sportlehrer hat mir zur Selbstbehandlung eine sogenannte Blackroll vermacht. Eine Art Tennisball aus Hartgummi, den man zwischen sich und eine flache Oberfläche (Fußboden oder Wand) steckt, um sein gesamtes Körpergewicht auf solche sogenannte Triggerpunkte zu drücken, die die Verspannungen auslösen. Diese gilt es mit der Blackroll zu lokalisieren und dann mit 80kg Eigengewicht das Fürchten und hoffentlich bald Auflösen zu lehren. Schmerzen!
Hilft nix: Da muss ich ran und dagegen arbeiten. Also darf ich jetzt eine neue Haltung antrainieren. Hoch mit dem Kopf! Beim Arbeiten gerade sitzen. Am besten mit einem Buch auf dem Kopf, damit ich aufrecht sitzen bleibe. Was die Nachbarn bei diesem verstörenden Anblick denken mögen, schiebe ich im Moment noch von mir. Parallel dazu wird im Fitness jetzt das Training umgestellt. Weniger Gewichte, mehr Wiederholungen, mehr haltungs- und rückenbetont. Wenn ihr also demnächst einen Lehrer seht, der wegen seiner Schwarzenegger-Schultern nicht mehr durch den Türstock passt, fragt mal nach: That’s me!
Passt auf euch auf!
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Von einem bewegt-bewegenden Karfreitag
Es ist immer schön, wenn Verwandtschaft oder Freunde bei uns vorbeischauen. Vor allem für mich als Heimat-Münchner, der seine Geburtsstadt dann von einer Seite erlebt, die ich so nie kannte. Diesen Karfreitag zum Beispiel, wo wir uns aufmachten, den Friedhof des Stadtteils Bogenhausen zu besuchen – früher ein kleines Dorf vor den Toren von München, jetzt ein gehobenes Villenviertel, das viele Celebrities für sich entdeckt haben. Lebende wie auch tote. Denn letztere versammeln sich in illustrer Runde am örtlichen Friedhof und erinnern in ihren erfreulich zurückhaltenden Monumenten an ihre Glanzzeiten. Alle sind sie da: Erich Kästner, Bernd Eichinger, der unvergessene Monaco Franze Helmut Fischer, Walter Sedlmayer, der jüngst verschiedene Helmut Dietl. Normalerweise würde ich mir etwas schäbig vorkommen, wie ein Stalker toten Stars und Sternchen auf Friedhöfen aufzulauern. Aber heute? Es ist Karfreitag, es ist nass, es ist diesig, der Friedhof liegt verlassen und vollkommen ruhig. Es passt einfach. Und mittendrin sind wir, die der Verstorbenen gedenken und ihre Erfolge Revue passieren lassen – ganz so wie sie es gewollt hätten.
Es ist ein ganz schönes Stück von der Innenstadt da raus. Die Distanz hatte ich persönlich etwas unterschätzt. Aber der Weg ist schön und führt direkt durch den Englischen Garten. Und beim Anblick von Isarsurfern und verfrorenen Touristen, die im Nieselregen am Chinesischen Turm standhaft ihr erstes Münchner Bier süffeln, kann einem nur warm ums Herz werden. Das ist auch bitter nötig.
Denn als wir uns etwas verfroren zu unserem Auto am Fuß des Kirchberges wagen, knallt es plötzlich hinter uns gewaltig. Aus dem Augenwinkel sehen wir nur noch ein marodes Fahrrad den Berg hinunterkullern, gefolgt von einem jungen Mädchen, das sich mehrmals überschlägt und wimmernd am Fuße des Berges zum Liegen kommt. Als wir zu fünft hinstürzen um zu helfen, merken wir recht schnell, dass wir vor einem Kommunkationsproblem stehen. Das Mädchen spricht nur arabisch, wir selber sind mit unseren zusammengewürfelten Englisch-Französisch-Spanisch-Italienisch-Deutschkenntnissen leider aufgeschmissen. Wir verstehen einander einfach nicht. Da sie sich aber wimmernd den Arm hält, wird uns schnell klar, dass wir mit ihr ins nächste Krankenhaus müssen. Mit sämtlichen und zur Verfügung stehenden Gesten versuchen wir ihr unser Vorhaben verständlich zu machen. Vergeblich. Zwar versteht sie recht schnell, was wir vorhaben, aber sie möchte vorher ihrer Familie Bescheid geben. Ein Handy besitzt sie aber nicht, und sie in diesem Zustand die knapp drei Kilometer laufen zu lassen, wäre Irrsinn. Also bieten wir ihr mit Händen und Füßen an, sie nach Hause zu fahren. Nach Hause, das ist ein stillgelegter Trakt eines Siemens-Gebäudes in der Richard-Strauß-Straße. Eine Flüchtlingsunterkunft. Die erste, die ich jemals betreten habe.
Das ganze Gebäude schreit nach 70er Jahren. Ein protziges Statement aus Beton und Stahl, das den Witterungen tapfer getrotzt hat, aber langsam den Kampf verliert. Hinter dem regenverhangenen Himmel drückt der Grauklotz mächtig auf die Stimmung. Das Innenleben tut sein übriges. Büroräume mit 30 Jahre alten Teppichen versprühen den Duft von allem, was seit 1971 auf ihnen passiert ist, die Beleuchtung der kalten Neonröhren ist spärlich, die meisten Räume sind karg eingerichtet und voll von Menschen, die hier ihr Leben fristen. Einige spielen Schach oder Backgammon, andere tippen gedankenverloren auf ihren Smartphones oder schlafen, auf dem Gang erfreut ein kleiner Junge seine junge Schwester minutenlang mit Seifenblasen. Und mittendrin wir mit unserer Patientin. Am Empfang sitzen vier Afrikaner in Arbeitskleidung, die fließend Englisch und Arabisch sprechen. Als sie uns sehen, merkt man ihnen an, dass sie ebenso unsicher sind wie wir. Offensichtlich verirrt sich hier jemand selten hinein. Noch dazu dürfte der Anblick von zwei Männern, die ein offensichtlich verletztes Mädchen vor sich herführen, das eine oder andere Kopfkino in Gang bringen. Die Spannung löst sich recht schnell, als klar wird, warum wir hier sind. Wir bekommen alle ein Glas Tee gereicht und werden in ein Aufnahmebüro geführt, wo wir einem Mitarbeiter der Stadt München den Fall schildern. Der zögert nicht lange, ruft ein Taxi, um das Mädchen ins nächste Krankenhaus zu kutschieren. Ohne eine entsprechende offizielle Meldung gäbe es scheinbar bei einer Behandlung Ärger wegen des Versicherungsschutzes. Das verletzte Mädchen wirkt nun deutlich gelöster, signalisiert uns mit der gesunden Hand, ihr zu folgen. Wir werden von einem Portier in den ersten Stock begleitet, wo sich die Wohnräume der Flüchtlinge befinden, und zum Warten aufgefordert. Eine Zeitlang wissen wir überhaupt nicht, was uns erwartet. Wir werden neugierig beäugt, von Männern, von Frauen, von einem kleinen Mädchen, das immer wieder verstohlen um die Ecke linst. Einzelne sprechen uns auch an. In Deutsch, in Englisch, in Arabisch, aber dieses Mal sind es wir, die uns nicht verständigen können. Wir haben ja keine Ahnung, was wir hier sollen. Wir fühlen uns… fremd. Irgendwann geht eine Glastür zu den Büroräumen auf, die mit ein paar windigen Trennwänden zu Wohnräumen umfunktioniert wurden. Heraus kommt unsere Patientin mit einer notdürftigen Schlinge um ihren verletzten Arm und ihren Eltern, die sich mit Händeschütteln, Schulterklopfen und tiefen Verbeugungen bei uns fast eine Minute lang bedanken. Der Überschwang macht uns total verlegen, da durch die Übersetzungsarbeit des Portiers nun das halbe Stockwerk weiß, weshalb wir hier sind. Das Mädchen hinter der Ecke wagt sich aus dem Versteck und strahlt uns an. In einem Pulk von fast zehn Leuten bewegen wir uns alle ins Erdgeschoss zurück, wo mittlerweile ein Taxi wartet, um das verletzte Mädchen ins nahe gelegene Krankenhaus zu fahren. Der Münchner Mitarbeiter aus dem Aufnahmebüro steht neben uns, als wir uns verabschieden. Auf unsere Anmerkung, wie fix das hier alles organisiert wurde, bekommt er glasige Augen: “Das bekommen wir nach den ganzen Monaten zum ersten Mal zu hören.”
Wir gehen.
Sprachlos.Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung.0 -
Von neuen Facetten
Tadah! Es hat leider etwas gedauert, bis ich dieses Mal wieder aus der Versenkung aufgetaucht bin. Das hat allerdings einen Grund: In letzter Zeit war ich ein bisschen mehr als “nur” Lehrer. Einiges mehr. Ich war Mentor von zwei Praktikanten, Betreuungslehrer einer Zweigschulreferendarin, Löwenbändiger auf einer Klassenfahrt mit 31 Fünftklässlern, Buchautor, Referent auf einer schulinternen Fortbildung, römischer Koch für den Tag der offenen Türe… und zu allem Überfluss auch noch Sänger. Nach 3 Wochen intensiven Trainings hatte ich letzte Woche mit ein paar Kollegen plus Band einen Auftritt vor 1200 Leuten bei unserem diesjährigen Schulkonzert.
Es – war – gigantisch! Die Leute klatschten im Takt mit, brüllten lauthals nach Zugaben, standen von ihren Stühlen auf und gaben standing ovations… und wir drei auf der Bühne, voll von Adrenalin und der Gewissheit, dass wir hier was ganz Großes auf die Bühne gebracht haben.
In diesem Moment waren wir keine Lehrer. We were freaking rock stars!
Und da soll einer sagen, dieser Job hätte zu wenig Facetten…
Who’s ready for some stage fright? I am! Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung.0 -
Twanalog

Mit diesem Tweet von @legereaude ging’s los. Und von dort in Windeseile über Twitter in sämtliche Himmelsrichtungen: #twanalog.
Das Prinzip dazu ist schnell erklärt: Interessierte schicken ihren Lieblingstweet in Briefform in die Welt hinaus und werden dort von Person zu Person über die Briefkästen “retweetet”. Die Tweets der digitalen Welt werden so auf charmante Weise in die analoge überführt. Putzig.
Und wieder die Manifestation eines Phänomens, das mir in letzter Zeit immer wieder über den Weg läuft: Die Wertschätzung des geschriebenen Wortes. Oder besser: Die Wehmut nach Handgemachtem. Ich bemerke den Trend auch in der Vehemenz, in der Literatur und Instagram-Accounts über Kalligraphie und Handletterings auf dem Markt aufschlägt. Mit hingebungsvoller Akribie werden dort Buchstaben nicht geschrieben, sondern geformt, ihre Entstehung zelebriert, jeder Strich, jeder Schwung kunstvoll zu Papier gebracht und von der Linse für die Nachwelt festgehalten. Es scheint fast so, als hätten wir durch das digitale Arbeiten zunehmend den Kontakt zum Analogen verloren und insgeheim sehr vermisst. Wie eine Reminiszenz an vergangene Tage, dieselbe verklärte Nostalgie, mit der Retro-Fans liebevoll ihre Vinyl-Platten auflegen, um mit feuchten Augen, das Knistern und Knacken zu vernehmen, das die Songs von einst durchzieht und begleitet.

Ich will diesen Trend bestimmt nicht kritisieren – im Gegenteil. Ich bin Teil davon und habe Handlettering und Sketchnotes mittlerweile in Phasen meines Unterrichts fest integriert. Ich war auch einer der ersten, der sich an #twanalog beteiligt hat. Aber die Aktionen zeigen mir eines ganz deutlich: Wir lieben Handgeschriebenes. Und vermissen es, wenn es verloren geht. Daher kann Lernen und Unterrichten niemals rein digital vonstatten gehen. Es würde uns etwas ganz Wichtiges fehlen. Unsere Handschrift. Unsere Individualität. Das “Anfassen” unserer Buchstaben. Das kann keine Datei, keine App, keine Maschine ersetzen.
Punkt.
Mein “Lieblingstweet” von Peter Ringeisen 🙂 Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung.0 -
Über verstörende Mäuse
Vertretungsstunde in meiner fünften Klasse. Da nur die Hälfte der Schüler anwesend ist (die anderen wuseln im Sport herum), entscheide ich mich AUSNAHMSWEISE für einen Film. In der Fachschaft Latein sind wir medientechnisch mittlerweile so gut aufgestellt, dass ich auch schnell fündig werde. Eine “Sendung mit der Maus”-DVD mit Beiträgen zur römischen Geschichte lacht mich geradezu an. Die Folgen haben mittlerweile einige Jährchen auf dem Buckel. Den Beitrag zur Sonnenuhr des Augustus kenne ich sogar noch selber aus Schulzeiten. Das war anno 19…*unverständlichgrummelmurmelstammel*
Die Sonnenuhr der Augustus, zu finden auf http://www.swetzel.ch/sonnenuhren/physu/physu.html Die Expertenmeinungen haben einen Großteil der darin aufgestellten Fakten mittlerweile widerlegt, aber das soll uns vorerst nicht kratzen. Wenn der Schatten des Obelisken am Geburtstag des Augustus genau auf die Ara Pacis fällt, um die Menschheit symbolisch auf seine Frieden stiftenden Taten hinzuweisen, ist es totenstill in der Klasse. Der Beitrag verbreitet echtes Indiana-Jones-Flair und verfehlt seine Wirkung nicht beim anwesenden Mini-Publikum. Ich blicke in 12 faszinierte Augenpaare – und 3, die etwas verstört dreinschauen. Es sind unsere drei Schüler aus dem Ausland, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Folge aus der Sendung mit der Maus sehen. Der Beitrag selber ist wunderbar für sie, was ihren Unmut erregt, sind die Zeichentrickclips dazwischen, mit denen die Sachgeschichten aufgelockert werden. “Warum ist das ein blaues Elefant?” fragt Adrienne aus Frankreich und kratzt sich verstört am Kopf, während eine vibrierende Maus in Orange ihren Bauch aufmacht und ein Uhrwerk offenbart oder beim Angeln plötzlich einen Stöpsel eines Teichs zieht und buchstäblich auf dem Trockenen sitzt. Alles garniert mit denselben Soundeffekten, die sich seit den 70ern nicht mehr geändert haben: Das Kastagnetten-Klappern der Mausaugenlider, das Prusten des Elefanten, das Xylophongeschrammel, wenn einer der Charaktere Sternchen sieht. Das ist schon alles etwas oll… Aber dennoch so vertraut, dass man vor lauter Nostalgie darüber hinwegsieht. Selbst die Zehnjährigen. Als die drei Kinder immer noch etwas verstört umhersehen und die Faszination ihrer deutschen Klassenkameraden bemerken, meint die kleine Harriet auf Englisch, damit es keiner der Schüler mitbekommt: “Sir, what is it they’re so happy about? This big-eyed mouse is really creepy.” “Well, it’s a German thing.”
Case closed.
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Über Gäste
Es ist totenstill, als Johnny seine Erzählung beendet. Die Schüler sind sichtlich betroffen. Einige haben Tränen in den Augen. Auch ich muss mehrmals tüchtig schlucken, als ich den Worten der Flüchtlinge lausche, die die Fachschaft Religion an unsere Schule eingeladen hat, um über ihre Situation zu reden. Und hier sind sie nun, eine bunt gemischte Gruppe aus Syrern, Irakern, zwei junge Männer aus Niger und einer aus Mali. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, jeder mit seinem eigenen Päckchen, das er mit sich trägt und teilen möchte. Jedes für uns unvorstellbarer als das andere.
Johnny beispielsweise ist aus Niger nach Deutschland geflohen. In seinem Land herrscht Bürgerkrieg der blutigsten Sorte. Verschiedene Clans ziehen in seiner Heimatstadt mordend durch die Straßen. Wer hier einer anderen Sippe angehört, gilt automatisch als Feind und ist damit zum Töten freigegeben: Leute werden aus den Häusern gezogen und von Kugeln durchsiebt. Andere sterben durch Scharfschützen, die mal gezielt, mal aus Spaß wahllos Passanten auf der Straße erschießen. Johnny hat auf diese Weise seine Freundin verloren. Ihr wurde vom Dach eines Gebäudes eine Kugel in den Kopf gejagt. “She dropped like tree”, erzählt Johnny. Er selber konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Spätestens hier war für ihn klar, sein Heimatland verlassen zu müssen.
Ähnliches erzählt auch Ali, der aus Damaskus geflohen ist. Syrien hinter sich zu lassen, war für ihn die schwerste Entscheidung seines Lebens. Aber es ging nicht mehr anders. Das Land ist durch den mehrjährigen Bürgerkrieg und den IS völlig zerrüttet. Jede Region wird von einer der jeweiligen Mächte brutal kontrolliert, Städte werden belagert, die Bevölkerung ausgehungert. Über Wochen, Monate. Wie viel Leid diese Leute ertragen mussten, und wie erstaunlich distanziert unsere Gäste gerade von ihren grausamen Erlebnissen berichten, lässt dem unbeteiligten deutschen Wohlstandsbürger Schauer über den Rücken laufen.
Für die Flüchtlinge ist das nicht nur eine Veranstaltung. Für sie ist es auch ein Stück Bewältigungstherapie.
In dieser Situation bin ich vor allem auf unsere Schüler richtig stolz. Sie sind sichtlich betroffen, zeigen aber keinerlei Berührungsängste mit unseren Gästen. In wunderbarsten Oberstufenenglisch parlieren sie mit den Flüchtlingen, wenden das Hintergrundwissen an, das wir im Englischunterricht zu diesem Thema Monate vorher erarbeitet haben, stellen Fragen, die einer seriösen Talkshow würdig sind, frei von Parteien-Gedöns und Lobbyisten-Blabla: Wie seht ihr die Chancen, dass in Syrien wieder Frieden herrscht? Wie seht ihr die Einmischung von globalen Mächten in euren Bürgerkrieg? Wie erlebt ihr die Deutschen? Wie geht ihr mit eventuellen Anfeindungen um? Die Fragen sind toll gestellt, unsere Besucher versuchen sie nach besten Wissen und Gewissen zu beantworten. Dabei fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich ein- und dasselbe Problem wahrgenommen wird. Während die Schüler sich in der Syrienkrise vor allem auf den IS konzentrieren, ist diese Organisation für die Syrer nur die Spitze des Eisberges. Das Hauptproblem ist für sie nach wie vor die Regierung, die bedingungslos gegen die eigenen Leute vorgeht. Ein Aspekt, den wir in der Syriendebatte mittlerweile zunehmend aus dem Auge verloren haben.
Genauso wie die Zeit, die wir für diese Veranstaltung anberaumt hatten. Aus den ursprünglich geplanten 45 Minuten werden 50, dann 60, dann schließlich 80. Aber wen juckt das? Die Schüler sitzen hier gerade in einer der wichtigsten Unterrichtsstunden ihres Lebens. Das hier ist echter Erfahrungsaustausch. Ein Blick auf ein Thema, jenseits von Zahlen und Fakten, hin zu persönlichen Einzelschicksalen, für die in den Medien selten Platz ist. Dabei würden derartige Veranstaltungen die Debatte so viel persönlicher machen und der Öffentlichkeit näher bringen… und gewisse Leute würden vielleicht zweimal überlegen, bevor sie ihren Mund aufmachen. Schade nur, dass lediglich ein Bruchteil der Deutschen dazu bereit wäre.Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung.0 -
Schöner arbeiten
Der heimische Arbeitsplatz ist für uns Lehrer ja ein ganz besonderesr Fluch:Paradies: Hier köcheln die kreativen Säfte, hier werden neueste Konzepte ausgetüftelt, Tests erstellt, korrigiert, Präsentationen erschaffen, Noten eingetragen, eingescannt, recherchiert, diskutiert, explodiert. Kurzum: Hier laufen die Fäden unserer täglichen Arbeit zusammen. Und so sieht’s leider oft auch aus. Zu Hochzeiten gleicht der Arbeitsplatz einer papiergestaltigen Manhattan Skyline: Stapel über Stapel türmen sich munter neben-, über- und durcheinander, dazwischen tummeln sich Stifte jedweder Art, ein paar Büroklammern, Post-Its oder die hübschen Mantelbögen in Mintgrün. Es ist ein Chaos, in dem alles herrscht, nur nicht Ordnung. So war es auch über Jahre bei mir. Bis ich meinen Arbeitsplatz entschlankt und von allem Unnötigen befreit habe. Nach einem philologischen Studium und einem Referendariat, in dem man zwecks Geldnot alles für den heimischen Schreibtisch einsackt, was nicht niet- und nagelfest ist, eine ganz schöne Umstellung. Aber sie hat sich gelohnt. Und das Gefühl, langsam aber sicher von altem Kram Abschied zu nehmen und letztlich auch nehmen zu können, hat gut getan. Und der Arbeitsplatz blieb über lange Zeit bei mir erfreulich leer. Zu leer. Viel zu leer. Fast etwas trist 🙁
Daher wollte ich in diesem Jahr mein Schreibtischlein mit ein bisschen Exklusivität aufhübschen. Wenn ich schon mehrere Stunden täglich in Monitor, Bücher oder Arbeiten starre, um meine Augen zu ruinieren, dann doch bitte mit Stil. Und so stieß ich eines Tages auf das Schreibtischmobiliar der Pfeiffer Collection, die seit ein paar Monaten exklusiv von Evernote vertrieben wird. Das schlichte Design, gepaart mit ein paar pfiffigen Features für mehr Ordnung auf dem Schreibtisch, fand ich wirklich reizvoll… bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich das Zeugs bestellen wollte. Die Preise für die Komponenten an sich waren zwar nicht gerade billig, aber angesichts der gebotenen Qualität echt in Ordnung. Umgehauen hat es mich dann eher bei den Shipping Kosten. Für meine Lieferung von knapp 120€ wären fast 200€ zusätzlich angefallen! Allein für Verpackung und Zoll! Keine Chance, Monsieurs, da knausert der Schwabe in mir dann doch etwas zu sehr.
Und so begrub ich die Hoffnung auf ein bisschen Wow im Arbeitszimmer und arbeitete weiter an meinem unschmucken Tischlein in den neuen vier Wänden vor mich hin. Nur durch Zufall stieß ich ein paar Wochen später auf eine Collection, die zumindest in eine ähnliche Richtung wie die Pfeiffer Collection ging, preislich aber deutlich attraktiver war – vor allem wegen minimaler Versandkosten. Der asiatische Hersteller Samdi fertigt aus Bambusholz schöne funktionale Schreibtischapplikationen, die sich mit ihren geschwungenen Formen sehen lassen können. Nicht ganz so pfiffig wie die Evernote-Möbel, aber was hermachen tun die Dinger allemal. Allein schon der Monitorständer ist eine Wucht. Aus geleimten Bambus gefertigt ist er robust genug, um einen regulären Monitor auszuhalten und den Bildschirm so auszurichten, dass man beim Arbeiten gerade drauf schauen kann. Die Wirbelsäule wird’s freuen 😉
Der Freiraum, der durch die Erhöhung entsteht, lässt sich prima nutzen, um zum Beispiel die Tastatur nach getaner Arbeit darin verschwinden zu lassen. Bei PCs sollte dafür allerdings eine Slim Tastatur am Tower hängen wie z. B. die von Gmyle, die ich mir extra dafür gekauft habe. Eine reguläre Tastatur passt mit ihren üblichen Ausnahmen um ein paar Millimeter nicht unter den Monitorständer. Das ist kein Fabrikationsfehler, sondern gewollt. Denn dieser Ständer ist ursprünglich für Macs gefertigt. Als ob PC-Recken nicht auch ein bisschen Style verdient hätten…
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Re-Plugged!
Meine Damen und Herren,
heute ist ein großer Tag. Herr Mess wandelt nämlich seit heute wieder ganz offiziell unter den digital Lebenden. Damit ist die Odyssee, die Ende Oktober begann, endlich zu einem glückseligen Ende gekommen. Und das Beste daran: Dafür hat es keine 24 Bücher gebraucht – aber stattdessen eine ganze Menge Nerven. Die ganze Geschichte zu erzählen wäre müßig, denn im Vergleich zu all den anderen, die Ärger mit den Telefonanbietern hatten, wäre mein Bericht wohl nur einer von vielen, der sich nicht aus der Menge abhebt. Von daher spar ich mir den Groll und freu mich einfach wieder hier zu sein!
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Abgesoffen
Wie man sieht, habe ich meine analoge Insel der Seligen bisher noch nicht verlassen (können). Mein Telefonanbieter hat meinen Anschlusstermin versemmelt. Und so bin ich im Moment etwas unpässlich.
Watch me drown:
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Die einsame Insel
Oh weh! Die digitale Wende ist zwar schön und gut. Aber wehe dem, dem sie verwehrt bleibt. Mir zum Beispiel. Nach dem Bezug meiner neuen Wohnung sitze ich hier auf einer analogen Insel der Seeligen und beiße in heißer Erwartung auf meine Telefonfreischaltung kleine Kerben in sämtliche Tischkanten. Es geht nicht allein um die Unterrichtsvorbereitung, die ich ohne Internetzugang nur teilweise erledigen kann. Es geht um eMail-Verkehr, um Bankgeschäfte, um den Blog.
Natürlich weiß Mann sich zu behelfen. Mit dem Netbook habe ich über das Smartphone als Hotspot rudimentär meinen digitalen Verkehr erledigt. Zumindest so lange bis mein Datentarif leer gesaugt war. Seitdem krieche ich im digitalen Schneckentempo durch die Gegend.
Zum Glück gibt’s gleich ums Eck ein schnuckliges Café, das mir kostenlos WiFi bietet. Daher bin ich dort mittlerweile ein sehr gern gesehener Gast. Allerdings bekomme ich ein gewisses Magengrummeln bei dem Gedanken über so ein Netzwerk heikle Daten wie Bankgeschäfte laufen zu lassen. Egal, das sind first world problems. Und sie sind absehbar. In ein paar Tagen kommt der neue Router. Dann sehen wir uns wieder regelmäßiger. Stay tuned 🙂
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