Wenn es bei den #edupnx mal zu meinem “Hand aufs Herz”-Thema kommen sollte – so nennen wir Aspekte im Schulalltag, mit denen wir bei aller Professionalität nur suboptimal zurecht kommen – dann hätte mein Versagen einen Namen: Meine diesjährige Abiturklasse. Wir passen irgendwie nicht zusammen. Die versprengten Kursteilnehmer sind ein Sammelsurium an Charakteren, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Ein kleiner Teil ist immer da und arbeitet so, wie ich es von kommenden Abiturienten erwarten würde. Der Großteil aber bringt mich regelmäßig auf die Palme. Angefangen bei den hohen Fehltagen und die Erwartungshaltung, dass ich ihnen bei Rückkehr aus dem vermeintlichen Krankenstand noch einmal alles auf dem Silbertablett durchkaue, hin zu katastrophalen, proletenhaften Umgangsformen bis zur nicht vorhandenen Hausaufgabenmoral kann ich mit knapp 90% dieses Kurses einfach nichts anfangen. Umgekehrt erwarten sie von mir ein riesiges Methodenfeuerwerk, in dem ich sämtliche Register ziehen soll. Das funktioniert in der Regel ganz gut, aber wehe ich nehme zur Abwechslung mal das reguläre Schulbuch in die Hand. Dann wird lamentiert: Zu langweilig, zu alt, zu irrelevant. Dann vergreift sich einer im Ton, darauf vergreife ich mich im Ton, lasse mich auf die emotionale Ebene ein, tobe ein paar Minuten herum und schmeiße, wenn mir dann noch jemand blöd kommt, ihn im schlimmsten Fall aus dem Unterricht. Bei Abfragen und anderer Notengebung eskaliert es auch regelmäßig: Sämtliche Leistungsnachweis sind für die meisten grundsätzlich ein Angriff auf die Menschenwürde. Wenn ich aus meinem Rudel bestimmte Schüler ausfragen will, geht es gleich los mit “Sie wollen mir nur eine schlechte Note reinwürgen” oder “ich war aber gestern lange beim Zahnarzt” oder – kein Witz – “Sie dürfen mich nicht abfragen. Ich war gestern saufen.” (O-Ton). Aber ich ziehe mein Programm durch. Ich mache es aber schon lange nur noch für die 10% des Kurses. Der Rest ist mir leider Gottes egal geworden und fällt nur durch Abwesenheit oder Herumgestoffel auf. So auch letzte Woche, als ich die Schülern explizit noch einmal darauf hingewiesen habe, dass ich zur aktuellen Grammatik und dem Wortschatz noch einen Test schreiben würde.
One Word: Ausnahmezustand. Unfair! (so kurz vor Notenschluss) Unmenschlich! (weil ich einen Test ansage, den ich auch einfach ohne jegliche Ankündigung steigen lassen dürfte) Die ganze Schublade an pubertärem Blabla wurde mir von meiner Stoffelfraktion entgegen gebracht. So schwer es war, ich hab es ignoriert, weitergemacht, das Gemuffel verstummte.
Es kommt die nächste Stunde. Die Stunde vor dem Test, in der ich nochmal üben wollte. Wortschatz, Grammatik, Übungen, um die Leute nochmal fit zu machen. Nur ist kaum jemand da. Von den 13 Kursteilnehmern sind 3 da. Alle anderen fehlen. Aus Angst, heute könnte der besagte Test stattfinden, der ihnen die Note versaut. Im ersten Moment bin ich stinksauer, aber das an den Leuten auslassen, die sich loyal in den Kurs gesetzt haben, bringt ja auch nichts. Also entscheide ich mich für eine Retourkutsche. In der nächsten Stunde. Im Test.
Den kommenden Montag sitzen sie wieder alle da. In voller Besetzung. Und mit süffisantem Grinsen im Gesicht. Sie wissen, dass sie letzte Stunde gefehlt haben und den Test nicht mitschreiben müssen, wenn ich ihn stattfinden lasse (ist in Bayern in der Regel so). Ganz im Gegensatz zu den drei armen Hascherln, die ran müssen. Und die protestieren natürlich im ersten Augenblick. Als die einzigen, die immer in der ersten Reihe sitzen, werden sie jetzt auch noch mit einem Test abgewatscht und gestraft. Glauben Sie. Bis sie den Test sehen. Den habe ich nämlich so billig wie nur möglich gehalten. Der Cloze-Test im Wortschatzteil gibt die Lösung geradezu auf dem Präsentierteller vor, weil ich exakt immer nur einen Buchstaben ausgelassen habe. Items wie cooperatio_ oder glob_lisation sind quasi mit verbundenen Augen zu erraten. Auch die Grammatik ist auf absolut basalem Niveau gehalten und geht nicht über den Erwartungshorizont der achten Klasse hinaus. Das merken meine drei Leutchen erst mit der Zeit. Und lächeln breit vor sich hin. Der Test ist für meine Treuesten ein absolutes Geschenk. Hier keine volle Punktzahl abzusahnen ist quasi unmöglich. Den Blaumachern hingegen ist das süffisante Grinsen komplett aus dem Gesicht gewichen. Sie sind mir auf den Leim gegangen. Und das können sie nicht ertragen. Schon während des Tests regt sich Widerstand. Ob sie die Prüfung denn nicht trotzdem zählen lassen können, wollen sie wissen. Ich setze mein größtes Engelsgesicht auf und meine nur: “Das geht leider nicht. Ihr wart ja letzte Stunde krank und ich kann nicht verantworten, dass aufgrund eures Gesundheitszustandes eure Leistungen in Mitleidenschaft gezogen werden.” Die Stoffelfraktion gibt sich zähneknirschend geschlagen und vergräbt sich wieder in die Prüfung, die sie leichtfertig verspielt haben. Nur der Anführer hält Blickkontakt zu mir und nickt mir anerkennend zu: “Well played, sir.”
Und es ward Ruhe im Karton.
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Aus is’! Über Abiturfeiern
Abifeiern sind schon ein komisches Ereignis. Zumindest für mich. Eigentlich sollte das bestandene Abitur einen Grund zur Freude darstellen. Aber zu der gesellt sich immer ein gehöriges Portiönchen Wehmut. Oftmals sogar Tränen. Oder Frust. Egal, bei welcher Gruppe der Beteiligten.
Unsere Abifeiern an der Schule sind schon seit Jahren ein Großereignis. Dank des nimmermüden Einsatzes eines tatkräftigen Elternbeirats haben wir jedes Jahr das Privileg, die Feier in einer größeren Location in Münchens Innenstadt veranstalten zu dürfen. Chalets, Biergärten, Wirtshäuser, Bräukeller… we had it all. Die Zeugnisübergabe ist nicht minder gewaltig. Jeder Schüler bekommt zu seiner persönlich gewählten Einzugsmelodie über einen roten Teppich nach vorne ans Pult, um freudestrahlend sein Abiturzeugnis vom Direktor entgegenzunehmen. Anschließend werden die besten des Jahrgangs mit jeweils einer individuellen Laudatio des Chefs bedacht. Es folgen Abiturrede, Rede der Preisträger, Rede des Kollegiatenjahrgangs, anschließend die Feierlichkeiten, die bei einem Drei-Gänge-Menü (und dieses Jahr bei 32 Grad Raumtemperatur) ihren Lauf nehmen, gefolgt von einer Party mit oldie-tauglicher Musik (also für so Oldies wie mich).
Ich mag unsere Feiern. Es ist vielleicht ein bisschen zu viel Brimborium, zu viel Tamtam, zu viel Tralala. Aber nach der ganzen Arbeit haben sich das die Schülerinnen und Schüler auch sehr wohl verdient. Trotz allem haftet den Abiturfeiern immer ein gewisses Etwas an, das ich schwer in Worte fassen kann. Es ist eine gewisse Scheinheiligkeit. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. In den Abschlussreden werden die letzten zwei oder gar acht Jahre in höchsten Tönen gelobt:- Die Kollegiaten? Fantastisch und reif. Dabei weiß man ganz genau, dass man sich in drei Wochen nach dem Abistreich wieder fragt, ob das Abitur tatsächlich ein “Reifezeugnis” darstellen kann, wenn ein paar schwarze Schafe alkoholisiert wieder über das Ziel hinausschießen und alles eskalieren lassen.
- Die Schule? Angeblich makellos. Dabei steht in der Abizeitung ein paar Stunden später doch eine derbe Richtigstellung, die natürlich jeder lesen und mitbekommen wird. Konsequenzen wird es keine geben – weder für die Schmierfinken, die sich verbrochen haben, noch für die Schule, die die Kritik vielleicht produktiv nutzen könnte, um Defizite zu stopfen. Es gehört einfach dazu, sich gegenseitig ein bisschen hochzunehmen. Wasch mich, aber mach mich nicht nass.
- Die Stimmung nach dem Abi? Angeblich euphorisch. Aber keine drei Stunden später habe ich vier weinende Erwachsene neben mir, die mit der neu gewonnen Freiheit überhaupt nicht umgehen können und mir gestehen, panische Angst vor dem zu haben, was jetzt kommt. Die Schule. Ja, sie hat enge Regeln, ein steifes Korsett, das vielen vor allem in der Oberstufe auf der Suche nach Individualität zunehmend die Luft abdrückt. Aber sie gibt auch Regelmäßigkeit vor. Rituale. Struktur. Ein Zuhause.
Es braucht ein paar Jahre, bis man diesen Eindruck von Abifeiern gewinnt. Am Anfang lässt man auch sich von der pompösen Atmosphäre des Ereignisses mitreißen. Aber mit der Zeit schleicht sich zunehmend das Gefühl ein, hier einfach Zuschauer in einem großen Schauspiel zu sein, das zum Abschluss keine wirkliche Kritik zulässt, die beiden Seiten eigentlich viel helfen könnte. Schade um die Chance!
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Wenn ich einmal groß bin (Teil 2)
Heute beim Aufräumen fiel mir plötzlich eine schillernde Scheibe in die Hand, die schon seit Jahren mein Regal als passiver Bestandteil meiner CD-Sammlung befüllt. Unsere Abi-CD des Jahrgangs 1999. Damals haben mein bester Schulfreund (heute beim Radio und auch sonst ein Vollblut-Tausendsassa) und ich dieses Opus erstellt und sämtliche Schüler unseres Jahrgangs interviewt: Zum Leben an unserer Schule, zum Abitur, zum Abistress, zu allem, was danach kommen würde. Das alles gebrannt… nein… gepresst auf eine Silberscheibe, die damals professionell in einem Presswerk gefertigt wurde. Das war 1999 wohlgemerkt. Ich war damals für die Technik zuständig und bin halb wahnsinnig geworden, so viel Audiomaterial damals auf meinem 166er Pentium, den ich damals besaß,im Magix Musik Maker zu schneiden und abzumischen.
Oh mein Gott, ein CADDY! Dann der Alptraum, 650 MB Audiomaterial auf einem Rohling zu verewigen, der in einem CD-Brenner der ersten Generation (mit Caddy!!!) eine Überlebenschance von knapp 50% hatte. Es war furchtbar. Wir haben das Audiomaterial damals vor- und zurückgehört, um Fehler aufzuspüren. Immer und immer wieder. Das hat es mir so sehr verleidet, dass ich seit 1999 die CD kein einziges Mal wieder eingelegt habe. Das ist nun 15 Jahre her.
Im Jahr 2014 sieht man das ein bisschen anders. Dieses Jahr werde ich wieder einen Kurs zum Abitur führen. Der wird dann in der ähnlichen Situation sein wie ich anno 99. Und in diesen 15 Jahren ist so viel dazwischen passiert, dass mich doch die Neugier gepackt hat, wie ich bzw. wir damals so drauf waren, und ich das Ding angehört hab. Was soll ich sagen? Es ist wie die Rückkehr in eine Wohnung, die man vor Jahren verlassen, aber doch irgendwie liebgewonnen hat. Man fühlt sich sofort wieder heimisch, weiß genau, wo welches Möbelstück stand und erinnert sich sofort an die Leute, die sie bewohnt haben. Die Stimmen unserer Klassenkameraden von damals lassen sofort wieder die dazugehörigen Gesichter vor dem geistigen Auge entstehen. Die Aufnahmen wurden vor den Prüfungen geführt, teilweise 5 Minuten vor Abiturbeginn (!), in den Pausen und auf den üblichen Feiern, die dem Abistress folgten. Die Euphorie über unsere gefühlte Mammutleistung ist allgegenwärtig zu hören. Damals hatten wir noch keine Ahnung, dass das eigentlich nur der Anfang war, und sich die Anstrengungen eines Abiturs durchaus steigern lassen. Jeder, der zwei Staatsexamen hinter sich gelassen hat, weiß, wovon ich rede.
Am interessantesten fand ich jedoch, die beruflichen Pläne von den vergessenen Schulkameraden aus der Vergangenheit zu hören und mit dem Heute zu vergleichen. Was war nochmal aus Julia geworden, die auf der CD noch vollmundig erklärt, Brauereiwesen zu studieren? Toni, der Jurist werden wollte? Hat Basti die Pilotenprüfung jemals bestanden, auf die er, wie man seinem Interview entnehmen kann, gerade lernt? Auch ich habe erst während dieser Monate, in denen ich in einem Krankenhaus gearbeitet habe, meine Ambitionen eines Medizinstudiums begraben, meinen Plan einer Ausbildung zum Tontechniker verworfen, und mich für das Lehramt entschieden – sehr zur Erleichterung meiner Eltern.
Was hat mich eigentlich dazu bewogen, das Lehramt zu ergreifen? Bei mir war es kein P-Seminar, kein Expertenvortrag oder eine Berufsmesse. Der Grund kommt ein paar Minuten später auf der CD zu Wort. Als er zu reden beginnt, muss ich sofort an ihn denken: Mein Lateinlehrer. Seine ruhige, distinguierte Ausdrucksweise und dieses schier endlos scheinende Wissen über lateinische Literatur, Geschichte und Sprache hatten mich damals unglaublich beeindruckt. Seine Begeisterung für das Fach schwappte auf mich über und wurde irgendwann auch die meine. Und das so sehr, dass ich diese Sprache studiert habe. Ob er das weiß? Habe ich ihm das jemals gesagt? Ist es für einen Lehrer nicht die höchste Adelung, wenn er weiß, dass er seine Schäfchen so inspiriert hat, dass sie es ihm gleichtun wollen?
Auch wenn mich die Produktion dieser ollen CD damals zur Weißglut getrieben hat, hat sie zumindest etwas Gutes: Mein Lateinlehrer wird nächstes Schuljahr endlich erfahren, wie wichtig er für mich war.Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung.0 -
Vom schwersten Wort der Welt
Nein, es ist nicht “Sorry”. Da kann Elton John noch so sehr im Verbund mit einer Boyband trällern. Das geht mir wunderbar von den Lippen. Nein, für mich ist ein anderes Wort recht schwer geworden – und das, obwohl ich es schon zweimal in diesem Artikel benutzt hab. Zumindest im Schulbetrieb. Richtig geraten: Es ist “nein”. Das Wort, das den trotzigen Zweijährigen bei Tisch im Minutentakt rausrutscht. Das Wort, das den Suppenkasper letztlich in den Hungertod treibt. Das Destiny’s Child berühmt machte. Oder 2Unlimited, weil sie mir weiß machen wollten, es gebe keine Limits (und das zwölfmal hintereinander – ich hab’s nachgezählt!). Nur ich bekomm’s nicht hin. Das ist garantiert eine Verhaltensweise aus den Urzeiten des Referendariats, wo man aus allen Richtungen mit Arbeit zugeballert wird – und sie bereitwillig auf sich nimmt, um sich seine berüchtigte Krawattennote nicht zu versauen.
Ein paar Jahre später: Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Aber rein nüchtern betrachtet besteht heutzutage die Möglichkeit, sie abzulehnen, wenn’s einfach zu viel wird. Zumindest theoretisch.
Letztes Jahr war ich beispielsweise als Lehrer bei einer Theateraufführung dabei, die von der gesamten Schulfamilie gestemmt wurde. Das war ein Haufen Arbeit, aber wir haben es gerne auf uns genommen. Es war eine tolle Erfahrung, da Schüler wie Lehrer gemeinsam etwas auf die Beine gestellt und aufgeführt haben, frei von “Standesgrenzen”, die sich zwischen den beiden Seiten immer wieder auftun. Tja, dieses Jahr ist etwas ähnliches geplant. Aber dieses Jahr bin ich auch ins Abitur eingespannt. Und zwar mächtig. Ein riesiger rauschender Papierberg wartet auf mich, der abgearbeitet werden “möchte” bzw. muss. Daher hab ich im Vorhinein meine Teilnahme an der diesjährigen Aufführung abgesagt. Ein erstes “nein” war gemacht. Aber das reichte nicht. Seitdem werde ich jeden Tag von einem Kollegenbelabert bearbeitetüberzeugt, einem Schüler, dem Regisseur, der mir vorheult, wie wichtig es wäre, möglichst viele Lehrer in die Aufführung zu bringen, dass es doch ein tolles Statement wäre, wenn ALLE in der Schulfamilie ihren Beitrag dazu leisteten. Ist es ja auch. Viel wichtiger: Das hab ich doch. Nur halt letztes Jahr. Dass ich dieses Jahr einfach zu viel zu tun habe, interessiert keinen.
Genauso letzte Woche: Von einer ehemaligen Kollegin aus dem Referendariat angesprochen, ob ich bei der nächsten von ihr veranstalteten Fortbildung in Augsburg im Juni einen Vortrag halten könne, der sich mit meinem letzten Buchprojekt auseinandersetzt. Auch hier hab ich abgesagt, mit dem Hinweis auf die Abiturvorbereitung meiner Schützlinge – und große traurige Augen geerntet. Ein einfaches “nein” hat nicht gereicht, egal, wie sehr ich es auch logisch begründen kann. Stattdessen wird täglich nachgebohrt, insistiert und wenn das nicht reicht: geschmollt. Wegen mir. So rede ich es mir zumindest ein.
Die Wahrheit ist doch letztendlich die: Beide Beispiele bergen denselben Denkfehler in sich: Man suggeriert der Person mit einer solchen Anfrage, unentbehrlich zu sein. Das schmeichelt natürlich erst einmal. Aber dahinter verbirgt sich eigentlich ein anderer Zweck: Nämlich dass sich andere Leute aufgrund meiner Leistung mit fremden Federn schmücken wollen. Wenn dem nicht so wäre, würde bei Absagen nicht so geschmollt werden. Das Gegenüber sieht sich enttäuscht, allein gelassen, verraten. Aber nüchtern betrachtet: Das ist nicht mein Problem. Mein Problem wäre es, nach einer Zusage gezwungen zu sein, irgendwo zwischen Schule, Unterrichtsvorbereitung und Abiturkorrektur mir noch ein paar Zusatzstunden aus den Rippen zu schneiden, um den Erwartungen der anderen gerecht zu werden – und irgendwann am engen Zeitkorsett zu zerbrechen. Versteht mich nicht falsch, ich bin von Haus aus sehr gesellig und mische sehr gerne bei solchen Aktionen mit. Aber wenn es zeitlich nicht drin ist, muss doch eine Absage einfach möglich sein.
Wir haben es beim Lehrersein mit einem Beruf zu tun, bei dem es nach oben hin kein Limit gibt. Die Arbeit hört nie auf. Wir haben keinen Feierabend, keine 9-to-5-Jobs. Man macht so lange, wie es einem der persönliche Berufsethos gebietet. Und man muss höllisch aufpassen, dass man sich auch mal freischwimt und zur Abwechslung auch ein bisschen an sich selbst denkt.
Damit bin ich bestimmt nicht allein. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Römer das Wort “Nein” nicht kannten. Vielleicht bin ich latinophiler als ich gedacht hatte…
Ich werd’s künftig einfach so machen und mir ein paar dieser Sticky Notes kaufen:
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All work and no play
Kurz vor den Ferien zieht der Schulkosmos nochmal alle Register, um seinen Beteiligten das Fürchten zu lehren. Vor allem die Oberstufe ächzt gerade über den engen Terminplan: Vor den Osterferien müssen alle Klausuren geschrieben, von uns korrigiert und herausgegeben sein. Dann kommen die Osterferien und schließlich das für die Schüler sagenumwobene Finale, auf das sie seit nun mehr 12 Jahren hinarbeiten: Das Abitur.
Während für die Leute in der Zwölften diese Zeit durchaus etwas Tragisch-Magisches hat – immerhin befinden sie sich auf der Zielgeraden und genießen es trotz des Stresses, in der Schülernahrungskette mittlerweile ganz oben angelangt zu sein – ist das für uns Lehrer mittlerweile Alltag. Und der muss auch fernab von Q12 weitergehen. In Zeiten von gesteigertem Korrekturaufwand direkt vor dem Abitur eine durchaus stressige Zeit. Aber wie stressig? Ist der Stress systemisch oder selbst auferlegt? Um das zu überprüfen, hab ich mir eine der letzten Wochen mal herausgepickt und so gut es ging protokolliert. Das Ergebnis stelle ich hiermit mal öffentlich, damit auch Fachkollegen den einen oder anderen Tipp haben, wie ich eventuell effizienter arbeiten kann. Zum anderen bietet das auch mal wieder Gelegenheit, um mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen (oder um sie zu zementieren). Klar werden davon auch eingefleischte Kritiker nicht überzeugt sein und fleißig Häme versprühen. Aber die ließen sich auch nicht umstimmen, wenn man mit einer Videokamera bewaffnet die folgenden Tage abgeschrieben wäre. Sei’s drum, los geht’s:

- Regulärer Unterricht von 8.00 bis 13.00. Dazwischen:
- Freistunde 10.45-11.30: Schulaufgaben geordnet, Oberstufennoten eingetragen, im P-Seminar nach Bewertung gefragt. Erwartungshorizont für Q12 Latein ausgedruckt, Klausur Q12 Englisch alphabetisch geordnet und mit Erwartungshorizont an die Fachleitung übergeben
- Präsenzstunde: Präsenzstunde, in der ich eine Nachholschulaufgabe für die fünfte Klasse erstellt habe.
- 13.15-14.00: eigentlich frei, aber Gespräch in der Funktion als Verbindungslehrer mit einer Schülerin in der Mittelstufe, die sich nach Angaben ihrer Freundinnen etwas antun will. Unangenehmes Thema, das einen auch lange nach Schulschluss begleitet.
- 14.00-14.45: nachgeholte Lateinschulaufgabe geschrieben.
Aufbruch nach Hause.
- Ankunft gegen 15.15
- Kaffee: 15.30
- Vorbereitung 15.40 -17.00 (heute recht kurz)
- 17.00-17.30: Korrektur der Latein SA
17.30-18.45 Einkaufen und Abendessen, Kaffee und los geht’s
- 19.10 Bewertung der Portfolios des P-Seminars – 21.57
11h 10min

- 8.00-11.30: Unterricht
- 16.30-18.10: Erste Unterrichtsvorbereitungen für Montag
- 21.20-22.52: Weitere Bewertung des P-Seminars
6h 40 min

- 10.05-11.21: Korrektur der Lateinschulaufgabe
- 11.30-11.40: Exkursion fertigmachen
- P-Seminare: Wertungsbögen finalisieren
- 13.45.16.12: Unterrichtsvorbereitung
- 16.53-17.17: P-Seminarbewertungen
4h 17min

- 10.40-13.38: Unterrichtsvorbereitung
- 13.53-14.10: Ordnen der Unterlagen
- 14.30-15.26: Korrektur der Schulaufgabe meines Referendars
4h 13min

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- Vorbereitung: 16.00-19.10
10h 10min

- 8.00-16.00: Unterricht mit einer Freistunde, die für eine Vertretung draufging
- 16.00-17.45: Schreiben der Zertifikate für das P-Seminar
- 18.16-20.00: Unterrichtsvorbereitung
- 20.00-21.00: EdChatDE (Fortbildungsveranstaltung 🙂
12h 29 min

- 8.00-13.00: Schule
- 13.15-14.00: Lerncoaching als Verbindungslehrer für einen Schüler, der sich beim Lernen zunehmend schwer tut
- 14.00-16.15: Fertigstellung der P-Seminarzertifikate
Ankunft zuhause 17.00
- 17.20-19.30: Unterrichtsvorbereitung (nach Kaffee)
9h 50min
Am Ende 58h 42 min
Das Ergebnis hat mich gelinde gesagt überrascht. Ich wusste schon, denn ich wohl mehr mache als der klischeebeladene Schwellenpädagoge, aber fast 60 Stunden? Respekt. Zum Glück läuft nicht jede Woche so, aber zu gewissen Hochzeiten wird mit entsprechenden Arbeitszeiten öfters mal zu rechnen sein (Zeugnis, Abitur, Notenschluss, Maiwarnungen).
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