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Tierisch

Die achte Klasse hat genug von schlechten Nachrichten: Die Corona-Zahlen explodieren, täglich sind neue Freunde in Quarantäne, Klassenlehrkräfte infiziert, der Stundenplan durch die ständigen Krankmeldungen ein einziger Flickenteppich. Dazu der Krieg, die Disinformation, die alptraumhaften Bilder in Nachrichten und sozialen Medien, die die Kriegsgreuel an diese Generation näher denn je bringen. Nicht zu vergessen, die übel gelaunten Erwachsenen, die mit Wutreden gar nicht mehr aufhören können: Nutzlose Regierung, irrsinnige Corona-Nicht-Regelungen, hohe Benzinpreise, Hamsterkäufe von Sonnenblumenöl. Es ist furchtbar. Davon hat die Klasse nun genug. Natürlich lässt sich das nicht alles komplett ausblenden. Aber drauf rumreiten muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Zerstreuung muss her.

“Können wir die Lateinstunden nicht immer mit etwas Schönem beginnen?”, heißt es aus der zweiten Reihe. Aber womit denn? “Egal”, lautet die Antwort und meine Initiative ist gefragt. Aber wie soll die aussehen? Als Lateinlehrer ist die Zeit in der achten Klasse knapp. Mit gerade mal drei Stunden pro Woche muss die Unterrichtszeit gut durchgeplant und getaktet sein. Minutenlange Phantasiereisen, um die Kinder etwas aufzufangen, können wir uns im Moment nicht leisten und würden das nur mit Lernrückständen bezahlen. Es muss kurz und knackig sein. Und so entscheide ich mich erstmal für die billigste Art der Herzensheischerei: Ich lege wortlos Bilder von Tierbabies auf. Mit riesigem Erfolg. Die Klasse ist begeistert. In Nullkommanichts ist die Truppenmoral geboostet und wir widmen uns mit glänzenden Augen dem Unterrichtsstoff. Tierisch gut! Und so kommt nun jede Stunde ein neues Mini-Lebewesen in den Lateinunterricht: Welpen, Kätzchen, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen. Und dann zum Kontrast ein paar fragwürdige Exoten aus Gottes wunderschönem Tiergarten: Haarlose Katzen. Ein Nacktmullbaby. Egal, was es ist, die Klasse findet alles toll, bittet am Ende der Stunde regelmäßig, den Baby-Zoo auch für die Lehrkraft am Beamer zu lassen. Ein kleiner Insider-Gag mit großer Wirkung. Der kleine Flausch zu Unterrichtsbeginn ist ihr kleines Refugium geworden. Wichtiger denn je.

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4.8

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